Romankritik: Schäfchen im Trockenen, von Anke Stelling (2018) – 4 Sterne

Fazit:

Ich-Erzählerin Resi, um 40, lebt mit Mann und vier Kindern in einer zentralen Berliner Mietwohnung, die sie von langjährigen Freunden mieten. Diese Freunde ziehen in einem selbst finanzierten Bauprojekt zusammen. Resis Familie kann und will hier finanziell nicht mithalten. Die Freunde kündigen ihr zudem ihre derzeitige Mietwohnung – und das auf schwierigem Wohnungsmarkt. Zugleich verstimmt Resi ihre Freunde, weil sie öffentlich über die Miet- und Bau-Erfahrungen schreibt.

Prenzlberg-Anrainerin Anke Stelling präsentiert die Suada einer selbstmitleidigen Ich-Erzählerin voller Neid, Vulgärem, und sie zerhackt ihre Geschichte mit vielen Zeitsprüngen, so dass Zusammenhänge und Hintergründe erst allmählich aufscheinen. Die mehr oder weniger arrivierte Clique der Berliner Baugruppe und ihre Konflikte sind fein beobachtet. Das endlose Gegreine um Kindererziehung, prekäres Leben und die Resi-Mutter in den 1950er Jahren ermüden. Trotz nervenaufreibender Konstruktion und Erzählstimme warf ich das Buch nicht aus dem Fenster; ich wollte wissen, was aus der bevorstehenden Wohnungslosigkeit wird.

Unheil:

Anke Stelling (*1971) absolvierte die Schreiblehranstalt Leipzig mit Diplom. Die Ich-Erzählerin im Stelling-Roman Schäfchen im Trockenen zieht darum von Leipzig nach Berlin, hockt deshalb in Berliner Cafés oder verrauchten Schreibkammern, ist deswegen Schriftstellerin und mit einem bildenden Künstler verheiratet, trifft darum Leute, die „für die FAZ oder den Deutschlandfunk schrieben“ (S. 17 meiner btb-TB-Ausgabe, 1. Auflage 2020). Darum erhielt der Roman den – roter Aufkleber – Preis der Leipziger Buchmesse.

Deshalb, als Leipzigliteratin, schreibt Stelling auch planmäßig schlechtes Deutsch. Zwar zitiert sie früh einen Großen, der es besser machte:

S. 19: Wie Erich Kästner gesagt hat: „Mit den Fingern auf der Schreibmaschine hält man das Unheil nicht auf.“

Aber die Erkenntnis führt autorinseits nicht zur erforderlichen Konsequenz. Mit den Fingern am Schreibgerät kann man auch Unheil anrichten.

Also, Sprache:

Die Ich-Erzählerin sagt Dinge wie (S. 9):

Ich habe gern das letzte Wort. Sie aber auch.

Die Ich-Erzählerin hat also nicht nur gern das letzte Wort, sondern hat auch ihr weibliches Gegenüber gern?

Das ist natürlich nicht gemeint, und ich verstehe den Sinn, nicht aber die Grammatik. Heißen müsste es doch wohl, Ich habe gern das letzte Wort, sie aber will auch das letzte Wort haben. Die missverständlich verknappte Konstruktion kehrt auf der selben Seite wieder:

Renate ist groß darin, so zu gucken. Ich aber auch.

Und dann erneut auf Seite 91:

In bin bereits am Gehen und er bereits betrunken.

Natürlich kann man sagen, hier redet nicht die Autorin, sondern eine fiktive Ich-Erzählerin, die darf alles. Diese Ich-Erzählerin arbeitet allerdings manchmal für überregionale Tageszeitungen, liefert sie da auch solches Deutsch ab? Und sie ist so sprachbewusst, dass sie über „benutzen“ vs. „benützen“ räsonniert (S. 115).

Einige Produktnamen schreibt sie durchgehend falsch („I-Phone“, „Fjäll-Raven“). (Verblüffend im Übrigen, dass die Ich-Erzählerin für überregionale Tageszeitungen schreibt, statt zu youtouben/bloggen/instagrammen/twittern/influencern.)

Aufdringliche Erklärungen:

Stelling konstruiert nicht nur unglücklich, sie wiederholt die Konstruktion auch zu aufdringlich altklug, und sie interpretiert altklug ihre Protagonisten. Warum lässt sie die Dialoge nicht für sich sprechen? Warum muss sie noch erklären, wer gern das letzte Wort hätte? Man versteht’s auch so. Siehe auch S. 11:

Renate hatte keine Lust auf meine Ironie, wollte lieber selbst sticheln.

Das erhellte schon aus Renates wörtlicher Rede. Warum muss mir das nochmal erklärt werden? Ist Stellings Dialogkunst zu schwach, um ihre Figuren für sich sprechen zu lassen? Oder S. 22:

Bemühen und Bähmullen gehören zusammen, das hört man doch, das ist fast ein Anagramm.

Ich will nicht so aufdringlich beschult werden, auch ich höre den lautlichen Zusammenhang ohne Erklärung. Und auf S. 205f gibt es das leicht verständliche Wortspiel mit „Willi“ und „ich will“, das die Ich-Erzählerin dann obsoleterweise aufdröselt („was bedeutet, dass es…“). Sehr öd.

Auf Seite 231 unterschreibt sie einen bösen Brief mit „Ohne Gruß, Resi“. Warum unterschreibt sie nicht einfach grußlos mit „Resi“?

Wozu also:

Die Ich-Erzählerin traktiert Sensible unentwegt mit Berlinsprech à la „meine Möse“ (S. 34), „ist geil!“ (S. 39, S. 139), „scheiße fucking genau“ (S. 105), „voll in die Eier!“, „den Schwanz abzuschneiden“ (S. 151), „Ficken im 2CV“ (ebf. S. 151), „ja, genau, die Kacke“ (S. 173), „Fickt – euch – alle“ (S.207), „Fickt euch“ (S. 208), „fickt euch“ (S. 209), „der fuckin‘ Kulturbetrieb“ (S. 253, jeweils kein O-Ton ihrer Prollkinder)

Vielleicht surrt der Laptop der Ich-Erzählerin deshalb „beunruhigend laut“ (S. 16), gibt „demnächst den Geist auf“ (S. 36), weil die Ich-Erzählerin (ihre Erfinderin?) so nieder schreibt? Oder setzen die immer wieder erwähnten Qualmwolken in der Schreibkammer dem Gerät zu?

Oder der Laptop kam bei diesem Satz der Erzählerin ins Hüsteln (S. 20):

Überhaupt gibt es schon genügend Texte, zu viele Bücher, Millionen von Geschichten, wozu also meine noch.

Ja, wozu? Sie sagt auch selbst (S. 177):

Wo kämen wir hin, wenn jeder einfach so von sich erzählte.

Und so was kriegt den Leipzigpreis. Von Vincent Almendros, Christine Wunnicke und Ernest, dem Frühen, weiß man, dass sie Geschriebenes rigoros zusammenstreichen, bevor sie die Öffentlichkeit damit behelligen. Eine solche Intention der Autorin Stelling ist mir nicht bekannt.

Zur Konstruktion:

Stelling steigt mit verwirrend vielköpfigem Personal ein, und alle heißen fast gleich (Bea, Vera, Renate, Werner, Sven, Resi). Zudem nennt die Ich-Erzählerin auch ihre Mutter, deren ersten Freund und dessen Nachfolger beim Vornamen, wendet sich manchmal direkt namentlich an die Tochter und redet je nach Zeitebene über sich selbst in der dritten Person; die Orientierung verbessert das nicht.

Vor allem: Stellings Ich-Erzählerin wechselt immer wieder die Zeit, springt von den 1950ern in die 2010er Jahre und dann in Jahrzehnte dazwischen. Dass die Ich-Erzählerin bald ihre Wohnung verliert und mit ihren Jugendfreunden verkracht ist, erfahren wir zwar sofort. Aber die Hintergründe (ein Zeitungsartikel, dann ein Buch über die Freunde) schälen sich erst ab etwa Seite 70 von 266 heraus. Andere wichtige Bedingungen für die aktuelle Misere der Erzählerin klären sich noch später.

Wer einen Roman über verquälte Berlinhipster und die Wohnungsnot erwartet hatte, kriegt auf den ersten 70 Seiten fast einen sauren Milcheinschuss, denn die Ich-Erzählerin lamentiert weitgehend über Kosten und Aufwand für ihre vier Kinder. Auch in den späteren Romanabschnitten kommt die dreifache Mutter Anke Stelling immer wieder auf die postnatalen Mütterwehen ihrer Ich-Erzählerin.

Eine weitere Schwäche hier: Ich-Erzählerin Resi erwähnt lange nur ganz am Rand ihren Mann, klingt wie alleinerziehend; erstmals auf Seite 79 darf der Gemahl und vierfache Kindsvater in der erzählten Jetztzeit agieren und klarstellen, dass er wohl noch am Leben der Erzählerin und der gemeinsamen Brut teilnimmt:

Sven kommt aus der Dusche.

Sozialneid:

Durch den ganzen Roman fräst sich der Sozialneid der Ich-Erzählerin. Sie beschreibt ihre gutsituierten Freunde und kokettiert penetrant mit eigenem „Unterschichtenmittagessen, Ravioli aus der Dose“ (S. 106) oder mit

Tiefkühlpizza ist ungesund. Ich kaufe Mezzomix dazu, das macht’s noch schlimmer (S. 262)

und sie beobachtet fiebernd:

Das Bild, das bei Ulf und Caro neben der Balkontür hängt ((…)), ist ungefähr hundertfünfzigtausend Euro wert.

Die Ich-Erzählerin, ihr Mann und ihre vier Kinder müssen die Wohnung bald verlassen, und sie delektiert sich wohlig an „unserer unaufhaltsam nahenden Obdachlosigkeit“ (S. 204), ohne je ernsthaft die nächste Wohnung zu suchen. Es schwächt. Ein privates Kreditangebot, um bei den reicheren Freunden der Baugruppe einzuziehen, hat sie abgelehnt. So stellt sie sich selbst als dämlich dar. Und wie sie unentwegt betont: Wer vier Kinder in die Welt setzt und brotlos einen brotlosen Mann heiratet, muss in Marzahn leben – weiß man doch.

Persönliche Erklärung:

Mir ist klar, dass mein Verriss frauenfeindlich ist, denn es geht gegen eine Autorin, die eine Ich-Erzählerin kreierte. Aber zum Ausgleich bin ich auch männerfeindlich, denn ich schimpfe auch auf schreibuntaugliche Leipzigmänner wie Klöble oder Treichel.

Freie Assoziation:

  • Anke Stellings Roman Bodentiefe Fenster spielt offenbar in ähnlichem Milieu, vielleicht mit den selben Akteuren.
  • Dörte Hansens Altes Land irritiert ebenfalls mit zu vielen Zeitsprüngen.

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