Romankritik: Quasikristalle, von Eva Menasse (2013) – 6 Sterne – mit Video

Fazit:

Eva Menasse schreibt und beobachtet gut. Doch ihr Roman zerfällt in viele Einzelepisoden mit ständig wechselnden Hauptfiguren und Erzählperspektiven. Die eine wiederkehrende Figur – Roxane Molin – gewinnt keinerlei Kontur.

Fast wie eine Kurzgeschichtensammlung:

Eva Menasse schildert das Leben der Roxane Molin (kurz Xane) über mehrere Jahrzehnte seit den 1980ern in Österreich, später vor allem in Berlin. Die 13 Kapitel zeigen jeweils nur kleine, kaum verbundene Episoden aus Roxane Molines Leben, auch die Nebenfiguren unterscheiden sich häufig. So wirkt Quasikristalle fast wie eine Kurzgeschichtensammlung mit gleichbleibender Hauptfigur, die wir an verschiedenen Lebensstationen treffen und wieder verlassen.

Ein wiederkehrendes Motiv ist latenter und offener Antisemitismus, den Menasse streng herausstellt; ein Kapitel zeigt eine Touristenreise zum KZ Auschwitz, in einem weiteren ist offenbar Völkermord in Ex-Jugoslawien der Hintergrund. In mehreren Kapiteln spielen Selbstmorde eine Rolle, auch wütende Gewaltausbrüche kehren wieder. Die österreichische Hauptfigur kehrt nach vielen Ehejahren mit einem Deutschen in Berlin zurück nach Wien und zieht mit einem Juden zusammen.

Die einzelnen Kapitel sind schön beobachtet und gut geschrieben. Die Sprache ist sicher, aber ohne eingebildetes Phrasendreschen oder Auftrumpfen, mitunter fein satirisch, besser als andere neue deutsche Autoren.

Uneinheitlich:

Doch die Episoden in Quasikristalle wirken unverbunden. In manchen Kapiteln ist Roxane Hauptfigur und einmal Ich-Erzählerin; in anderen Kapiteln ist sie wichtige oder völlig unwichtige Nebendarstellerin, in vielen Kapiteln erzählt Menasse aus anderen, wechselnden Perspektiven. Ein Kapitel wiederholt einen Zeitabschnitt aus anderer Perspektive, doch ohne großen Erkenntnisgewinn. Das vorletzte Kapitel bringt völlig neue Akteure in einer Art Minikrimi – ich habe nichts verstanden. Roxane Moline wirkt in jedem Lebensabschnitt wie eine neu eingeführte Figur mit neuem Charakter, darum klingt das Buch kaum wie ein Roman.

Dazu die Autorin im Falter:

Ich wollte die Kapitel möglichst stark voneinander abgrenzen. Es wechselt immer wieder zwischen männlichen und weiblichen Blicken, alten und jungen, österreichischen und deutschen, fremden und nahen. Sprachlich fordert einen das, wenn man zuerst ein abgeklärter Mann und dann ein pubertierendes Mädchen ist, das nur CDs und Burschen im Kopf hat.

Zudem lernen wir Roxane kaum kennen, sie bleibt eine Frau ohne oder mit widersprüchlichen Eigenschaften, selbst ihr Beruf wird lange nicht recht klar – auf Seite 368 dann ist sie „Filmkünstlerin und Expertin für alternative Werbung“, ach so. Erst ab dem dritten Fünftel hat die Hauptfigur zeitweise ein paar vertraute Personen im Umfeld.

Mitunter beschreibt Menasse ihre Hauptfigur sogar innerhalb eines Kapitels diffus bis widersprüchlich, wie hier (S. 149f btb-Ausgabe):

Sie gingen Cocktails trinken… Xane wiederum hatte die Handtasche voller Einladungen… In diesen ekstatischen Tagen von Mors Abwesenheit sahen sie einander fast täglich ((zu ausgedehnten Kneipentouren))…

Und dann fast im selben Atemzug und in derselben Lebensphase (S. 152):

Sie war von Firma und Karriere völlig in Anspruch genommen…

Später heißt es wie entschuldigend (S. 360):

Einmal war sie die und schon kurz darauf eine andere…

In ihrem Interview mit dem Falter rechtfertigt Menasse die unrunde Handlung:

Ich lese wahnsinnig gerne Biografien. Was mich dabei immer stört, ist, dass die aus jeder Lebensgeschichte immer eine runde, folgerichtige Geschichte machen müssen: Weil jemandem in der Kindheit das und das passiert ist, war klar, dass er später dieses und jenes machen würde. Aber Lebensläufe sind nicht so logisch.

Zeitweise portraitiert Menasse wohl sich selbst, wenn sie Roxane als Österreicherin im Berliner Kulturleben zeigt, und vielleicht auch mit diesem Satz (S. 148):

Wenn sie in Fahrt war, sprach Xane schnell, viel und originell.

Vergleich mit Eva Menasses Roman Vienna:

Quasikristalle hat ähnlich wie Vienna (2005) keinen klaren Handlungsbogen, kein Zentrum. Vienna umfasst einen weit größeren Zeitraum, der in den 1930ern beginnt. Antisemitismus stellt Menasse in Quasikristalle deutlicher heraus, Wien spielt eine kleinere Rolle. Beide Romane sind ähnlich lang und in ähnlicher Sprache geschrieben, wirken wegen ihrer Struktur aber nicht kohärent. – Das Quasikristalle-Plotelement „Missgünstige Teenie-Tochter beargwöhnt ehebrechende Mutter“ erscheint auch in Elke Schmitters Roman Frau Sartoris (2000, dort mit einer leiblichen Tochter).

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