Romankritik: Providence und zurück, von Isabella Nadolny (1988) – 5 Sterne

Um den plötzlichen Tod ihres Mannes zu verwinden, besucht Isabella Nadolny 1968 eine Jugendfreundin an der US-Ostküste. Zuvor trifft sie in ihrem oberbayerischen Zuhause noch einmal ihre Schwiegermutter.

Diese Schwiegermutter dient im weiteren Buch als Lichtgestalt, die Nadolny immer wieder (manchmal unausgesprochen) den Amerikanern gegenüber stellt – schlampig gekleideten jungen Müttern, Hippies, Freaks, überkandidelten Alten und „Negermammis“. Nadolny schreibt ihren Reisebericht in gepflegtem, gut komponiertem, aber selbstgerechtem Ton: Andere Lebensstile als den eigenen goutiert sie nur begrenzt; sie krittelt und staunt zugleich über ihre neuen Bekannten:

Ich habe sie noch nie Schlechtes über Dritte reden hören, möglicherweise denken sie es nicht einmal.

Dazu beschreibt Nadolny immer wieder nächtliche Tränenausbrüche und Grübeleien, sie sieht sich selbst „in einem Elfenbeinturm ichbezogenen Schmerzes“. Das „Kammerspiel der Trauer“ (FAZ) erzeugt Lesevergnügen nur begrenzt.

Nadolny besucht Vororte in Connecticut, dazu New York, Vermont, Boston, Florida, aber das spielt fast keine Rolle. Sie konzentriert sich auf Begegnungen, vor allem auf kritikwürdige Kleinigkeiten, auf ihre Trauer und ihre Erinnerungen. Bei einer weiten Autofahrt ohne Radio erzählen sich die Hauptfiguren lange Geschichten, die mit dem Hier und Jetzt des Buchs nichts zu tun haben.

Nadolny, die auch die herzzerreißenden, tödlichen Liebesgeschichten Love Story von Erich Segal und Alle Herrlichkeit auf Erden von Han Suyin eindeutschte, Mutter von Sten Nadolny (Buchname Dicki), schreibt frühere Teile ihrer Geschichte in den Büchern Ein Baum wächst übers Dach (1959, deutlich besser) und Seehamer Tagebuch (1960, noch selbstgerechter und banaler als Providence). Ihren verstorbenen Mann, den Schriftsteller Burkhard Nadolny, nennt Nadolny in allen Büchnern Michael. Providence schrieb Nadolny offenbar zehn bis 20 Jahre nach der zugrundeliegenden Reise. Alle Bücher bezeichnet sie als „Roman“, sie gelten aber als Memoiren.

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