Romankritik: Mutterland, von Paul Theroux (2017, engl. Mother Land) – 7 Sterne

Offenbar erzählt Paul Theroux in etwa sein eigenes Leben, vor allem mit Blick auf seine alle beherrschende und alle manipulierende Mutter. Mit 83, nach dem Tod ihres Ehemannes, schwingt sie sich zu neuer Unliebenswürdigkeit auf – „she will eat you alive and shit you over a cliff“  (S. 9 der engl. Penguin-TB-Ausgabe). Selten ward eine Mutter so vom Sohn gedisst, und die Geschwisterschar tritt er gleich mit in die Tonne. Soweit erkennbar, ändert Theroux nur die Namen der Beteiligten, aber kaum ihre Lebensumstände (außer vielleicht beim mexikanischen Ende).

Lehren und Episoden:

Über große Strecken schreibt Theroux jedoch zu viele Verallgemeinerungen und Analysen, keine echten Geschichten. Es gibt kaum eine Entwicklung. Er postuliert etwas und bringt dann drei kurze Beispiele dafür – Thema abgehakt (S. 55):

…our needing to observe a habit out of disloyalty. We were required to satirize each other, but slyly. Any mention of another family member…involved a backhand remark.

Das wirkt kaum wie ein Roman. Allenfalls reiht Theroux Episoden aneinander. Die erzählte Jetztzeit reicht etwa vom 83. bis zum 103. Lebensjahr der Mutter, in dieser Zeit ist der Ich-Erzähler in seinen 50ern und 60ern, die Geschwister sind ein paar Jahre jünger oder älter – aber alles zerfällt in Episoden, Analysen und Rückblenden.

Ganz gelegentlich gibt es Geschichten in der Geschichte, in denen Therouxs einstiges erzählerisches Talent aufblitzt: wie sich sein Vater für eine Unterhaltungsshow in einen Clown verwandelt (schon zuvor als Kurzgeschichte veröffentlicht); wie der Ich-Erzähler kurz bei einer schlichten mexikanischen Familie lebt; wie er als Jungstudent mit seiner hochschwangeren Freundin nach Puerto Rico ausbüchst. Davon aber gibt es zu wenig. Und kaum kehrt der Ich-Erzähler aus Puerto Rico zurück ins neuenglische Mother Land, heben wieder die Verallgemeinerungen an (S. 388):

Lesson one was that attachment was always a mistake; lesson two…; lesson three…

So kann er seine manipulative Mutter jedoch immer wieder mit Stalin, Pol Pot oder Mao vergleichen (der Name Hitler fällt nicht).

„Mother’s contradictions, her moods, her injustice, her disloyalty“ (S. 5), „a willful killjoy“ – Theroux haut seine Erzeugerin mit Musik in die Pfanne und generiert so einen guten Teil der morbiden Faszination des Buchs. Aber er macht es sich zu leicht, nicht nur mit den Verallgemeinerungen, sondern auch mit einem Ich-Erzähler, der offenbar sehr eng an Theroux angelehnt ist, aber nicht so heißt.

Schneidende Sentenzen:

In Belletristik wie Kowloon Tong liefert Theroux brillante Dialoge. Dieses Talent produziert in Mother Land nur noch schneidend boshafte Einzelsätze. Eine Ausnahme sind die freundlichen oder auch hasserfüllten Beleidigungen, die zwischen seinem Buch-Bruder Floyd und dem Ich-Erzähler hin und her fliegen.

Überhaupt, Floyd (ganz offenbar Paul Therouxs kaum bekannter, älterer Schriftstellerbruder Alexander): Floyd, im Buch ein wenig beachteter Dichter und Harvardprofessor, veröffentlicht hier einen Totalverriss über seinen Bruder – als Mensch und als Autor (den Verriss gab’s laut US-Medien genau so wirklich). Unter anderem schreibt Floyd/Andrew Theroux über den Ich-Erzähler (S. 155):

He is famously a curmudgeon in his travel books, and grumpiness becomes half the celebration

Ja, in seinen Reisebüchern ist Paul Theroux nicht nur griesgrämig, sondern auch überraschend bösartig. Und in Mother Land schildert Paul Theroux seine ganze Familie als raffgierig und bösartig, wir kennen also die Wurzeln für abstoßend verletzende Randbemerkungen in Therouxreisebüchern; scheinbar. Nett wirken in Mother Land nur die drei Söhne des Ich-Erzählers und ein paar Seiten lang seine schlichte, ungebildete mexikanische Gastfamilie, die vielleicht finanzielle Vorteile erhofft. (Sich selbst schont der Ich-Erzähler nur wenig; zwar zeigt er sich gern als Opfer eines herzlosen Clans und als Mutterkümmerer, er schildert aber auch eigene Intrigen und Einbrüche im Haus der Mutter.)

Über seinen Buchbruder Floyd schreibt der Ich-Erzähler (die Paul-Theroux-Figur, S. 153):

He was not merely malicious, he was conscientious in his malice.

So klingt aber auch Paul Theroux selbst immer wieder in vielen Büchern, auch in seinem Buch über V.S. Naipaul, Sir Vidia’s Shadow, das in Mother Land erwähnt wird.

Auch andere Einwände, die man gegen das Buch Mother Land haben könnte, spricht Theroux gleich selbst aus oder lässt sie von anderen intonieren: Warum begibt er sich überhaupt in den Dunstkreis der übermächtigen Mutter, warum ist er so selbstmitleidig? Richtig aufklären kann er solche Fragen nicht, aber er spricht sie jedenfalls aus.

Wie immer schreibt Paul Theroux leicht lesbar, aber auch mit vielen selteneren Adjektiven und sehr gebildet – das äußert sich vor allem in den Wortwechseln mit seinem schreibenden Buchbruder Floyd.

Gier und Übelwollen:

„Dunkel amüsant“ sei das Buch, heißt es auf dem Rückumschlag. Davon merke ich wenig: Gier, Übelwollen und innerfamiliäre Spionage prägen das Geschehen, und die Sätze vergnügen zumeist nicht, sind sauertöpfisch, über Strecken auch repetitiv. Vieles dreht sich bis zur Ermüdung im Kreis.

Vereinzelte helle Sätze wie „I could not stop smiling“ (S. 249) überraschen völlig, ebenso wie die unaufgeregte Harmonie bei der mexikanischen Gastfamilie – hier hat der Autor endlich, wonach er zuvor weinlich jieperte: dienstbare Frauen, die ihn loben, bekochen und beflissen gegen Störungen am Schreibtisch abschirmen; wenn sie nur lesen könnten, hätte der Ich-Erzähler endlich auch das bitter vermisste innerfamiliäre Publikum. Zwar reißt die US-Familie Theroux nolens volens aus dem mexikanischen Idyll heraus, aber sie verhilft ihm ebenso ungewollt auch zu einem weiteren mexikanischen Idyll.

Mindestens einmal macht sich Theroux einer zu dramatisierenden Ankündigung schuldig. Auf S. 77 schreibt er, „My whole life was to change“. Schon zuvor hat er eine schlimme Erfahrung angekündigt und er braucht dann noch mindestens bis S. 78, bis die eigentliche Erfahrung zur Sprache kommt, nach einer Ankündigungskaskade.

Die sieben Geschwister des Ich-Erzählers gewinnen keine eigene Persönlichkeit. Wir wissen bald, dass Fred der Rechtsanwalt ist, Hubby arbeitet im Krankenhaus, usw. – aber sie reden alle ähnlich, auch die zwei Schwestern ähneln sich sehr. Nur der Professorbruder macht eine schrille Ausnahme mit seinen wortgewaltigen Ausbrüchen. Die Mutter mit ihren manipulativen Sprüchen und Gesten ist sehr fein gezeichnet, entwickelt sich aber über 20 Jahre kaum. Zwischendurch spricht Theroux offenbar die Entstehung seines Afrika-Romans The Lower River (2012) an.

Die englische TB-Ausgabe hat 508 üppig bedruckte Seiten, gefühlte Länge 600 englische Seiten. Die deutsche Ausgabe hat rund 650 Seiten. Der Roman ist zu lang, selbst wenn so der quälende Familienalltag, der Familienkleinkrieg, das nicht enden wollende Leben der immer fragileren Matriarchin besonders dramatisch hervortreten.

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