Romankritik: Miramar, von Nagib Machfus (1967) – 7 Sterne

Ein paar eigenwillige Herren logieren nach der Nasser-Revolution dauerhaft im Hotel Miramar, Alexandria. Sie parlieren gedehnt über Geschichte, Politik und die zurückliegenden Ereignisse und tun ganz unschuldig. Doch sie umschleichen die Hausdienerin Zuchra, diese junge Fellachin ist zufällig „kräftig und anmutig, mit ausgeprägten Rundungen“ (S. 74).

Der Clou: Nagib Machfus lässt die vier Eigenbrötler denselben Zeitabschnitt im Hotel Miramar erzählen, jeder aus eigener Wahrnehmung und mit eigener Stimme. Allerdings entstehen bei diesen Wiederholungen keine völlig neuen Erkenntnisse, ich hatte mehr Überraschungen und deutlichere Perspektivwechsel erwartet.

Solider Erzähler:

Nagib Machfus (1911 – 2006, auch Nagib Mahfuz, Naguib Mahfouz) beweist eine sichere, aber nicht hinreißende Erzählstimme. Die Dialoge klingen solid, funkeln aber nicht. Teils knallt Machfus unvermittelt Rückblenden zu anderen Zeiten dazwischen, die irritieren.

Die historischen Exegesen wirken gelegentlich witzig und oft schwer verständlich. Mein Hardcover des Unionsverlags von 1989 hat zwar hinten ein ausführliches Glossar, aber die komplexen Anspielungen erklären sie auch nicht. Die Lektüre wäre zudem noch leichter, wenn die historischen und ägyptologischen Anmerkungen gleich als Fußnote auf der passenden Seite erschienen – und dazu weitergehende Erläuterungen zum Kontext.

Ich hatte offengestanden Probleme, die Namen der Hauptfiguren auseinanderzuhalten – Amir Wagdi, Husni Allam, Mansur Bahi und Sarhan al-Buheri. Dazu kommen noch einige Nebenfiguren oder historische Gestalten, deren Namen genauso klingen, wie Machmud Abul-Abbas, Raf’at Amin, Ali Bakir oder Harun al-Raschid.

Nebenbei lernen wir Überraschendes: in Alexandria, Ägypten, gibt’s nicht nur monomane Frauengroßverbraucher mit schnellen Autos, sondern auch jede Menge Alkohol, Regen und Eiseskälte.

Gebiss der Nation:

Die Übersetzung von Wiebke Walther wirkt einigermaßen flüssig, vielleicht momentweise etwas gespreizt (die Koransuren wurden großteils der Übersetzung von Friedrich Rückert entnommen). Allerdings redet Walther wiederholt von „sequestrieren“ und „Sequestration“, zudem von „Lizentiatin“ (S. 135) und von „Gouvernorat“ – ging das nicht anders?

Es gibt auch offenkundige Fehler, etwa „diese mir völlig überraschende Freundschaft“ (S. 163, korrekt „mich“) oder den Whiskey „Dewarts“ (S. 169, S. 190, korrekt „Dewar’s“).

Ein akustisches Missverständnis hat Walther hübsch übersetzt: Gepriesen als „Gewissen der Nation“, versteht der Angesprochene „Gebiss der Nation“, und das setzt sich als Scherz fest (S. 12). Mich interessiert, wie das lautlich und inhaltlich im Arabischen ausfällt.

Freie Assoziation:

  • Machfus‘ Das junge Kairo wie auch sein Roman Miramar beginnen sehr allgemein, dialogarm und langweilig. In beiden Romanen geht es erstaunlich weltlich und unheilig zu. Beide Romane zeigen zu Beginn auch vier Männer mit sehr unterschiedlichen Lebenseinstellungen – zu exemplarisch. Beide Romane versetzen einen kaum gedanklich nach Ägypten, nicht nur, weil Machfus immer wieder eiskaltes Wetter erwähnt.
  • Herrschaften, die herumsitzen und eine Hausmagd belauern, das erinnert von fern an Bodo Kirchhoffs Infanta

 


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