Romankritik: Letters from Thailand, von Botan (1969) – 7 Sterne

Fazit:

Auf etwa drei Buchfünfteln erzählt Botan eine spannende Geschichte: Ein chinesischer Habenichts baut sich ab 1945 ein Leben in Bangkok auf, gründet Geschäft und Familie. Botan liefert tiefe Einblicke, pfiffige Dialoge und verblüffende Wendungen. Sie schafft Charaktere aus Fleisch und Blut, die sich eigenwillig entwickeln, der Leser wird zum Familienmitglied – nicht immer die reine Freude.

Unterschiede treffen hart aufeinander: Chinesisch, Thai und westlich; Mann und Frau; Arm und Reich; modern und traditionell; Stadt und Land. Im dritten und vierten Buchfünftel passiert nicht viel; hier vergisst die Autorin das Geschichte-Erzählen, der Ich-Erzähler räsonniert griesgrämig über die Schlechtigkeit der modernen, nicht-chinesischen Welt.

Bericht aus Chinatown:

Der junge Chinese Suang U wandert nach Thailand aus, beginnt in Bangkok als Ladenhilfe, heiratet und gründet ein Unternehmen, das bald floriert. Der Roman bringt Suang Us fiktive Briefe an seine in China gebliebene Mutter von 1945 bis 1967. Neben amüsanten, teils operettengleichen Liebeshändeln zu Beginn und einigen Daily-Soap-Dramen am Ende schildert die Autorin vor allem die Entwicklung einer geschäftstüchtigen Familie, wandelnde Sitten und die Assimilation der Chinesen in Thailand. Das weckt Assoziationen zu vielen anderen migrantischen Erfahrungen. Die aufgeregten Dramen gegen Ende erinnern an eine Daily Soap.

Der Briefroman spielt in und um Bangkok, zunächst in der Sampeng Lane in Chinatown, dann in der Yaowarat Road. Autorin Botan (eigentlich Supa Sirisingh, *1945) textet sicher und robust, gelegentlich keck, immer wieder schmalzfrei anrührend, mit viel Dialog, feinen und spitzen Beobachtungen und klischeefrei. Dass ein einfacher chinesischer Auswanderer so geschriftstellert an seine Dorfmutter schreibt, glaubt man zwar nicht – aber der Unterhaltungsbeiwert stimmt.

Ebensowenig glaubt man allerdings, dass Botan Letters from Thailand (จดหมายจากเมืองไทย, Chotmai chak muang Thai) schon als 21jährige abschloss. Laut Vorwort der Übersetzerin wollte Botan mit dem Roman Geld für den Auszug aus dem Elternhaus verdienen – ein Elternhaus, das sie wohl im Buch verewigte: Botans Eltern waren chinesischstämmig, hatten einen Laden, und Botan schrieb sich selbst in die Geschichte. All das bettet die Autorin in der ersten Buchhälfte zumeist in flüssige Handlung und Dialoge ein, sie verallgemeinert nur selten.

Thainess:

Die älteren Hauptfiguren im Buch sind konservative, ewig rackernde Chinesen – ob sie ihren Geschäften in Thailand oder in China oder auf dem Mond nachgehen, tut wenig zur Sache. Rückblickend sagt der spät ernüchterte Ich-Erzähler (S. 408):

Money was a worthy god, business happiness

Thais und ihr Lebensstil spielen kaum eine Rolle; sie bleiben über lange Strecken anonym, gelten als faul, korrupt, TV-, spiel- und trunksüchtig, essen „raw and rotten foods“ (S.117), imitieren blindlings westliche Sitten, jedenfalls in den Worten des Ich-Erzählers über die Einheimischen:

Sex and rice can be enough (S. 315)… I have seen Thais able to achieve nothing but the growing of rice (S. 332)

Zu den wenigen positiven Ausnahmen zählen die fleißige, ehrliche Chaba, die Thaifrau des chinesischen Freundes Kim, und zunächst deren Tochter Rose; doch Chabas versoffener Thaivater liegt eines Morgens tot im Khlong.

Die älteren chinesischen Hauptfiguren bleiben am liebsten 100prozentige Chinesen, lassen ihre Töchter nicht mal Thai lernen, und jedes Interesse für Thaikultur weckt Misstrauen. Immer wieder grämt sich der fiktive Verfasser Suang U über die Sitten der Thais und darüber, dass seine Kinder die chinesische Kultur der Altvorderen nicht ungeteilt fortführen. Aber auch Suang U muss sich zunehmend stärker ins Thaiumfeld integrieren.

Dazu kommt im Lauf der Jahre das Staunen über neue Technik und Moden: Auto, Telefon, Kino, Radio und TV bewundert der Ich-Erzähler, doch modische Frisuren und Kleider erträgt er kaum, ebensowenig unbemannte, selbständige Frauen (S. 162):

„Women’s rights“ – tschah!

Suang U konstatiert konsterniert (S. 174):

The world i live in has far more respect for speed than for style and subtlety.

„The red-haired ones, the farang“ (also Westler, S. 175) spielen im Buch keine Rolle, außer als kultureller Einfluss, der über die Thais bis zu den Thaichinesen dringt. Auch westliche Medizin hat ihre Vorzüge, wie der Ich-Erzähler zähneknirschend eingesteht.

Wie im Reiseführer:

In der ersten Buchhälfte gibt es reichlich Dialog, Handlung, Entwicklung. Doch schon hier erklärt der Ich-Erzähler Ausdrücke oder Gebräuche zu deutlich, wie ein Reiseführer, etwa den Wai-Gruß (S. 36):

That is the Thai greeting – you place your palms together before your face ((…))

Auch ein paar Absätze über Arbeitsmoral, westliche versus chinesische Medizin oder Geburtstagsfeiern klingen etwas zu welterklärend.

Ich fragte mich, ob die Übersetzerin Susan Fulop Kepner solche ethnologischen Einschübe mitverantwortet. Zuweilen erläutert sie Wunderliches auch in Fußnoten. (Solche Fußnoten enden stets mit kursiviert „Trans.“ Das würde sie heute wohl nicht mehr so schreiben.)

Abwärtstrend ab der Buchmitte:

Zur Buchmitte hat Hauptfigur Suang U die Familienplanung abgeschlossen, das Geschäft floriert, und die Handlung gerät ins Dümpeln. So verlegt sich der Ich-Erzähler aufs Dozieren, er verallgemeinert ohne viel Handlung zu lang über Jahrmärkte und chinesische Oper, Thaischrift und die wunderliche, neumodische Emanzipation der Frau samt „those damned ‚permanent waves'“ (S. 192) – die er selbst machtlos im Familienkreis erdulden muss. Suang Us stockkonservative, chauvinistische, frauenverachtende, stets sauertöpfische Ansichten öden allmählich an und seine scheinbar unbewusste Annäherung an Thaikultur und moderne Sitten wirkt etwas aufdringlich.

Hat die Autorin aus Bangkok alles berichtet, schickt sie ihren Ich-Erzähler an den Strand, so dass er weiter dozieren kann (S. 252):

This vacation has provided me with many new things to tell you about life in Thailand.

Tatsächlich erzählt er vom Strand nur ein ein paar allgemeine Beobachtungen, doch nicht, was seine Familie bei diesem ersten Ausflug ans Meer unternahm.

Ebenfalls ab der Buchmitte rückt die jüngste Tochter des Hauses, Meng Chu, in den Blickpunkt. Sie ist jedoch völlig unrealistisch klug, planvoll, bildungsbesessen, uneitel, selbstlos und selbstsicher. Das Vorwort der Übersetzerin bestätigt den aufkeimenden Verdacht: Meng Chu ist ein Ebenbild der Autorin. Diese Figur konstruierte Botan zu idealisiert.

Zu didaktisch klingt auch das letzte Fünftel: nach einigen hysterischen Familiendramen packt Botan ihre liebgemeinten Ansichten in didaktisch überfrachtete Dialoge und Abläufe: wir müssen zusammenhalten über Volks-, Einkommens- und Geschlechtergrenzen hinweg. Wir sind alle gleich. Aberglaube ist Aberglaube. Was der Ich-Erzähler verachtete – Frauen und Thais –, erweist sich als gut.

Wunderlich auch:

Die Hauptfigur Suang U kommt blutjung, mittel- und anhanglos nach Thailand, ohne jede Sprachkenntnis; doch innert zwei Jahren hat Suang U eine Familie samt Nennvater, ein gutes Geschäft und den ersehnten Erbfolger. Gleich danach produziert seine Frau die von ihr ersehnte Tochter. Diese Wendungen klingen bei Botan zwar nicht völlig an den Haaren herbeigezogen, wirken aber doch etwas massiert – wie in einem Roman.

Suang Us Frau verändert sich dramatisch nach der Ehe, ohne dass es erklärt wird (es interessiert den Ich-Erzähler Suang U auch nicht). Und Suang Us vormals kesse Schwägerin Ang Buai verliert ihren Humor, ein Verlust für das Buch. Manches klingt einen Tick naiv.

How bitter I have grown,

räsonniert der Erzähler am Schluss (S. 396):

I am sick of myself, bored with my own whining.

Dem Leser geht’s ähnlich. Der Ich-Erzähler schreibt allmählich wie ein resignierter alter Mann, obwohl er erst an die 50 ist. Doch das passt zum ausklingenden Roman, zu einer Geschichte und zu einer fiktiven Biografie, die auf ein unerwartetes Ende zutreiben und lange im Kopf des Lesers bleiben.

Verbesserte Übersetzung:

Übersetzerin Susan Fulop Kepner war offenbar jahrzehntelang mit Autorin Botan befreundet und überredete sie auch, das Roman-Original für die englische Fassung leicht zu kürzen (meine englische Silkworm-Ausgabe von 2002 hat immer noch 410 recht eng bedruckte Seiten). Im lesenswerten Vorwort erzählt Kepner zudem, dass sie ihre eigene Thai-Englisch-Übersetzung des Romans aus den 70er Jahren 2002 deutlich überarbeitete.

Diese 2002er-Variante aus dem Silkworm-Verlag habe ich gelesen, sie klingt durchweg frisch und flüssig. Sie hatte allerdings zahlreiche Tippfehler v.a. bei Anführungszeichen, und bei „Work is my minor wife“, S. 319, hätte ich den Thai-Ausdruck mia noi anders übersetzt, vielleicht als „secret lover“ oder „mistress“ (ich habe keinen Vergleich mit der älteren Übersetzung oder mit dem Thai-Original).

Laut Kepner erhielt der Roman asiatische Literaturpreise und wurde – nach anfänglicher Kritik – thailändische Schullektüre. Wie eng sich die Autorin an die tatsächliche Geschichte ihrer Familie anlehnt, sagt Kepner nicht.

Freie Assoziation:


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