Romankritik: Königsallee, von Hans Pleschinski (2013) – 7 Sterne – mit Links

 

Hans Pleschinski liefert intelligente Unterhaltung in vollmundig runder Sprache mit ein paar gelungenen Dialogen, hübschen 50er-Jahre-Reminiszenzen, Seitenblicken auf höchste Kulturträger sowie zahllosen versteckten und offenen Anspielungen auf Thomasmannsche Romane und deren Personal, u.a. mit einem Felix-Krull-Wiedergänger  – gelegentlich überfrachtet. Die markige, knurrige Erzählstimme wie auch die muffig-gediegene Atmosphäre erinnerten mich momentweise an den frühen Thomas Mann, an Theodor Fontane, Arno Schmidt und Walter Kempowski.

Einige Figuren lässt Pleschinski (*1959) verblüffend lange reden – zu lange, er packt Seitenhandlungen und Rückblenden in Dialoge mit monologischer Anmutung. Ein Zimmermädchen postuliert gegen Ende des vergrübelten siebten Kapitels allzu deutlich (S. 289):  

Immer nur Reden, Getue und Gegrübel hält man nicht lange aus.

Erika Mann klingt im Figurenkabinett der ersten kanpp 300 Seiten noch vergnüglich, dagegen amüsieren Ernst Bertram und Golo Mann weit weniger – erst recht, wenn sie dann aufeinandertreffen. Zu aufdringlich betont Pleschinski immer wieder homosexuelle und unbürgerliche Beziehungsformen inkl. „das Kreatürliche“ und „die wechselseitige Körpersehnsucht“; ein paar Altnazis und Kriegsverherrlicher karikiert er übertrieben schrill.

Zudem passiert nicht so viel. Allerlei andere diskutieren den vermeintlichen Hauptdarsteller Thomas Mann, zunächst im Hotel Breidenbacher Hof. Er hat früh einen schweigenden Kürzestauftritt und verschwindet dann bis etwa Seite 286. Das erinnert an Thomas Manns Goethe-Roman Lotte in Weimar – dort reden auch alle in einem Hotel über den Dichtergott, der jedoch persönlich erst nach vielen hundert Seiten auftritt; in beiden Büchern erscheint der Dichter persönlich erst im siebten Kapitel und erwacht mit seitenlangem, nebligem Gedankenstrom im Bett.

Sprachlich kraftmeiert Pleschinski vielleicht etwas zu angestrengt. Vor allem im ersten Fünftel, aber nicht nur dort, synonymisiert er schweißtreibend:

  • Kisten = schweres Eckiges (S. 15)
  • Tabasco = scharfe Novität, exotische Extremwürze (S. 21f)
  • Zwei Plattenhändlerinnen = zwei Elfen, blondes Mirakel, das brünette Wesen, Musikkennerinnen, Musikalienhändlerinnen, die blonde Schallplattenfee (S. 30 – 33)
  • Schallplatten = Tonwelten (S. 33)
  • Junger Indonesier = Inselknirps (S. 48)
  • Erwachsene Indonesier = Insulaner, auf S. 369 Inselmajestät
  • Sperlinge = Zwitschernachbar… gefiederte Schar (S. 142)

Um Seite 201 schürt Pleschinski dann mit kuriosen Koppelwörtern ein, er sieht einen „drallfrohen Po“, eine „funzeltrübe“ Ecke, die Speisekarte heißt „Speisemappe“.

Das Verb „sagen“ nach wörtlicher Rede variiert Pleschinski immer wieder aufwändig, lädt es mit zusätzlicher Bedeutung und Funktion; Beispiele aus einem einzigen kurzen Buchteil:

  • „Alles recht schwierig und kompliziert“, räusperte sich Klaus (S. 132)
  • „… Meine Lieblingsblume“, träumte sie (S. 133)
  • „…“, fiel sie ins Falsett (S. 133)
  • „…“, sank die Stimme (S. 133)
  • „…“, ihre Stimme war oben (S. 134)
  • „…“, improvisierte sie (S. 134)
  • „…von Euch“, bezog sie den zweiten auch mit einem Blick ein (S. 137)
  • „Ach“, wollte er es abtun (S. 138)
  • „…“, er ging in die Offensive (S. 139)

Unterhaltsam streut Pleschinski Sätze in allerlei Sprachen ein, zumindest Indonesisch, Englisch, Italienisch, Niederländisch und nach meiner Erinnerung auch Französisch. Innere Monologe und stille Beobachtungen klingen teils nach Pleschinskis früherem Roman Leichtes Licht (2005).

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