Romankritik: Kalifornische Jahre, von Paula Fox (1970, engl. The Western Coast) – 7 Sterne

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Paula Fox schreibt sensibel intelligent, zurückgenommen, nie auftrumpfend, fein beobachtend mit spärlichem, dabei punktgenauem Dialog. Doch hat der Roman wenig Handlung und ausschließlich uninteressante bis unsympathische Figuren – Kontaktarme, Selbstsüchtige, Bizarre, Besessene, Haltlose, Entwurzelte in Südkalifornien Ende der 1930er Jahre. Für dieses Personal fallen mir fast eher englische Vokabeln ein, loser, loner, lunatic, drifter, drunkard; hinzu kommen zu viele missionarische Betonjungkommunisten.

„My family’s going down the drain“, meint eine Protagonistin treffend; das gilt für alle hier (ich kenne nur das englische Original und kann die Eindeutschung nicht beurteilen). Lauter Außerseiter taumeln durch die Kulisse, die wenigen Familien und Kinder sind eigentlichen Außenseiter in einer Gesellschaft der Beknackten. Die Hauptfigur Annie wirkt völlig willenlos, ungebildet, leidet Geldmangel und Hunger, lässt sich von männlichem Treibholz zulabern, beschlafen, heiraten, herumdirigieren, beiläufig erniedrigen, „let him heave her around like a sack of grain“.

Vor allem im ersten Drittel wirkt der Roman so ziellos wie sein Personal, schippert makellos getextet, aber müde geplottet von Episode zu Episode, Typ zu Typ, ohne Handlungsbogen. Erst ab Buchmitte gibt es ein paar Querbezüge, tauchen Figuren mehr als einmal auf, ohne dass die Geschichte inzwischen auf ein Ziel zusteuert. Im letzten Fünftel entsteht ein bisschen Gemeinschaft und Bezug. Dabei produziert die Autorin gelegentlich störende Perspektivbrüche und lässt Annie Dinge sagen und denken, die nicht zur eingeführten, unerfahrenen Figur passen (so etwa ihre Gedanken an Italien mit „vistas of Lombardy poplars“).

Hauptfigur Annie teilt viele biografische Merkmale mit der Erzählerin Paula Fox. Einige wenige Episoden aus Kalifornische Jahre kennt man auch aus anderen Foxbüchern, etwa die Arbeit mit Mexikanerinnen in einer Nietensortierstelle oder den Aufenthalt beim wohlmeinenden Onkel. Während Fox in anderen Büchern ihre Mutter in die Pfanne haut (In fremden Kleidern, Lauras Schweigen), kriegt hier ihr unzuverlässiger Vater (leicht verfremdet) sein Fett weg. Annies Willenlosigkeit erinnert auch an die Biegbarkeit der erwachsenen Tochter Clara in Lauras Schweigen.

Freie Assoziationen

  • Im autobiografisch grundierten Roman Kalifornische Jahre/The Western Coast beschreibt Paula Fox ihre Adoleszenz in Kalifornien. Die Vorgeschichte ihrer Kindheit liefern die Memoiren In Fremden Kleidern/Borrowed Finery. Die Memoiren, die direkt an Kalifornische Jahre anschließen, heißen Der kälteste Winter/The Coldest Winter. Alle Bücher sind völlig unabhängig voneinander lesbar.
  • In Kalifornische Jahre/The Western Coast driftet eine kleine, wenig wehrhafte einsame Frau durch ein Meer voll bizarrer, einsamer Amis, ohne sich ganz unterkriegen zu lassen; das erinnert an Paula Fox‘ Roman Luisa/A Servant’s Tale.
  • Andere US-Autoren beschrieben Entfremdung und Isolation in der Menge ähnlich wie Paula Fox, u.a. David Gates und teils Jay McInerney.

Paula Fox bei HansBlog.de

      Goodreads* Amazon.com* HansBlog
  Belletristik:        
1970 Desparate Characters Was am Ende bleibt

3,69 (3811)

3,5 (80)

7

1972 The Western Coast Kalifornische Jahre

3,77 (70)

4,0 (5)

7

1976 The Widow’s Children Lauras Schweigen

3,68 (286)

3,4 (10)

7

1984 A Servant’s Tale Luisa

3,67 (114)

3,6 (5)

8

2011 News from the World: Stories and Essays Die Zigarette und andere Stories

3,65 (74)

5,0 (3)

7

   

  Memoiren:

2001 Borrowed Finery In fremden Kleidern

3,57 (578)

3,8 (25)

8

2005  The Coldest Winter Der kälteste Winter

3,44 (185)

3,0 (15)

5

   

  Bernadette Conrad: Die vielen Leben der Paula Fox

*Leserwertung (Zahl der Stimmen), Stand August 2019

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