Romankritik: Infanta, von Bodo Kirchhoff (1990) – 7 Sterne

Fazit:

Bodo Kirchhoffs mehrfach übersetzter Erfolgsroman hat einige Vorzüge und ein paar Schwächen: Starke Atmosphäre im philippinischen Tropenstadl, reizvolle Dialoge, gut gewebte Handlung, interessante Nebendarsteller, angenehme Sprache. Dazu kommen unrealistische oder undefinierte Hauptfiguren, zu viel angeberische Gewalt sowie Melodrama und Längen in der zweiten Hälfte.

Moribunde Kröteriche:

Die Runde der morbiden, moribunden US-Padres an der Abendtafel im Phillie-Kaff fasziniert: Diese alten Kröteriche belauern unentwegt sich, ihren Besuch und die jungfräuliche Köchin Mayla hinter der Durchreiche. Der Geist ist womöglich willig, das Fleisch aber schlapp. Sie sehen, sie hören alles, jede Berührung und jedes Schnaufen im Nebenzimmer. Sie parlieren hinterlistig und kritzeln nächtens Wand an Wand in Briefe und auf Zettel.

Das schwüle, dreckige Dorf Infanta auf der philippinischen Südinsel Insel Mindanao schildert Bodo Kirchhoff (*1948) so eindrucksvoll, dass man gleich duschen muss; der Schauplatz ist offenbar Malaybalay nachempfunden (Google Maps). Interessant auch die örtliche Disco: sofern Strom fließt, erschüttert Karaoke-Gejaul jedes Haus im Umkreis.

Auch der sakrale, elektrisch verstärkte Singsang ihres Novizen Augustin erreicht die Ohren der konsternierten Padres in ihrem Bretterkonvent. Dazu beschreibt Kirchhoff joviale Bischöfe, zynische Polizeichefs, schwitzende Expats, geschäftstüchtige Friseure und Fotografen plus Ex-Jesuiten, die jetzt Groschenhefte vermieten.

Nur was die Hauptfigur Kurt Lukas denkt oder fühlt, bleibt völlig ungewiss – Lukas schwebt ätherisch über allem, lässt sich treiben, erklärt nichts. Sein „Lieblingssatz: Das weiß ich nicht“ (S. 230 i.d. Suhrkamp-TB-Ausgabe von 2002); „unmöglich, auch nur einen Gedanken in seinen Augen zu lesen“ (S. 348).

Auf jeden Fall sieht Lukas blendend aus, das erfahren wir immer wieder. Ein Kleiderständer, sogar ein Schriftsteller-Model in der Hi-End-Werbung, Selbstironie des Verfassers? Der Kleiderständer hat aber auch „vier oder fünf“ Abtreibungen auf dem Gewissen, „er wusste es nicht so genau“ (S. 224) und sagt selbst (S. 377):

Ich denke, ich kenne mehr Körper als Frauen. Ich kenne zu viele Körper.

Was für coole Hunde, dieser Kurt Lukas und sein Erfinder.

Und ewig lockt das Weib:

So intensiv, so realistisch Kirchhoff den schwülen Tropenstadl ausmalt: die Frauen verhalten sich undefiniert, nicht artgerecht und allemal wie müde Männerfantasien:  Was Hauptfigur Mayla für eine ist, bleibt völlig rätselhaft (Maria Magdalena?). Zu Beginn des Buchs noch Jungfrau, beschläft sie, die bei den Padres in die Privatschule ging, alsdann Jung und Alt. Später schreibt sie einen langen literarischen Brief, der auch noch zufällig nach der Kirchhoffschen Erzählstimme klingt. (Auch der Novize Augustin korrespondiert im Kirchhoff-Sound.)

Die durchgeknallte Dorfdisco-Sängerin Doña Elvira – „Gebieterin über das Nächtliche“, „Hebamme des Dunklen“ (S. 235) – beglückt fast jeden in ihrer Garderobe, bei Sympathie sogar gratis, und ihre Tänzerin Hazel wirft alle Klamotten über Bord; alle.

Und das in einem entlegenen katholischen Kaff?

Etwas realistischer erscheinen die Kurzauftritte der philippinischen Zugehfrau Flores und der Europäerinnen.

Frage und Antwort:

Die Dialoge klingen zuweilen wunderlich, mit völlig unerwarteten oder ganz ausbleibenden Antworten, aber das ist ja ein probates Romanciermittel. Was die Sprecher denken oder fühlen, bleibt oft unklar – vielleicht gar nichts? Dazu kommen ein paar unübersetzte Sätze auf Italienisch sowie Tagalog und/oder Cebuano, während Englisches oft eingedeutscht wird; so heißt die Dorfdisco bei Kirchhoff „die Bude“.

Die spannungsreichen Dialoge sind gleichwohl eine der Stärken des Romans: Antworten greifen oft unscheinbare Details der Frage auf, und vor allem mischt Kirchhoff Dialog und Handlung virtuos: Es gibt immer wieder Gespräche an der Abendtafel, aber auch im Auto, in der Disco, beim Gehen, im Bett, bei der Verarztung eines teuren Kampfhahns oder beim Kochen („Dalla Rosa wendete die Haxenscheiben im Mehl: Leider fehlte trockener Wein“, S. 228). Diese Dialoge liefern nur wenig direkte Rede, doch die Szenen fließen elegant. Teilweise erzählt Kirchhoff die Handlung in rückblickenden Dialogen oder Tagebucheinträgen – es charmiert immer.

Hier und da ein Mord, ein Sex, in diesem Roman fließen Schweiß, Blut und weitere Körpersekrete. Und doch erzeugt Kirchhoff einzelne Handlungsfäden, die er später stimmig verwebt. Es ist nicht alles nur Atmosphäre.

Ich glaube, Kirchhoff beschreibt Sex und Mord nicht so derb wie in anderen Frühwerken, trotzdem käme ich auch mit weniger Körperflüssigkeiten und zerfetzten Leichen aus. Bodo Kirchhoff schreibt seinen ersten Erfolgsroman in klarem, solidem Deutsch, das nie ärgert, mit sehr gleich bleibendem Tonfall und gelegentlichem Dativ-e.

Larmoyanz:

So träge sich das Leben im Kaff Infanta dahinschleppt: Zur Buchmitte wechseln zufällig einige der Akteure zeitgleich nach Manila und geraten zufällig in den entscheidenden Tag der EDSA-Revolution – den Aufstand auf der Straße, die Verwüstungen, den Übergang von Präsident Ferdinand Marcos zu Corazon Aquino, die nie namentlich figurieren.

All dies beschreibt Kirchhoff teils aufdringlich dramatisierend, er webt viel Sex und Nachtleben ein – „etwas zu filmisch vielleicht“, heißt’s später auf S. 345 -, und immer wieder piept der Kitschdetektor (S. 352):

Erstens, Mayla liebte ihn; zweitens, diese Liebe tat gut.

Teils wird Kirchhoff nun auch langatmig, und gleich drei oder vier Noch-Nicht-, Nicht-Mehr- oder Doch-schon-Geistliche monologisieren quälend langatmig über das erste Mal in einer Frau; die alten Kröteriche erzählen von fast oder ganz oder letztlich doch nicht platonischen Liebeleien und Psychogewuhre und der Abstinenz danach. Dann wieder schnelle, harte, männlich herbe Gewalt, knacks.

Auf den letzten 50 Seiten folgen erst ein überdrehtes Action-Finale und dann schweres Melodrama (S. 477f):

Er atmete noch… Kleine rote Blasen traten ihm aus dem Mund…

Nun knackt die Gewalt nicht mehr männlich herb, und spätestens hier wird klar, der Roman hätte keine 500 Seiten gebraucht.

Persönliche Erklärung:

Mit rund 30 Jahren Abstand habe ich das Buch jetzt zum zweiten Mal gelesen. Als ich erneut ansetzte, entstand sofort die erwartete Atmosphäre. Lese ich dagegen andere Bücher ein zweites Mal, wirken sie auf mich völlig verändert.

Meine Erinnerung an das Buch war zwischenzeitlich immer lebhaft gewesen – jedenfalls an die besseren Aspekte, nicht an die öden Monologe im zweiten Teil. Andere Bücher von Bodo Kirchhoff habe ich erst vor wenigen Jahren gelesen, und ich erinnere mich kaum noch daran, oder gar nicht. Wenn ich viel Pech habe, kaufe ich sie noch einmal (gebraucht) und bemerke die ungewollte Wiederholung erst, wenn ich den Klappentext oder die ersten Seiten lese. Das kann mit Infanta nicht passieren.

Eigentlich interessiert mich das Thema des Romans nicht sonderlich – ich kann nicht sagen, warum er mich anzieht. Nochmal werde ich ihn nicht lesen.

Freie Assoziation:

  • Kirchhoff schreibt über einen gelangweilten/langweiligen „Er“ in der Fremde, und man denkt, er meint sich selbst, das hat man auch in Kirchhoffs dröger Reiselitanei Zwiefalten
  • Einsamer weißer Cowboy schreitet durchs Tropendorf: das gibt’s hier in Kirchhoffs Roman Infanta, aber auch (viel schlechter) in den Siesta-Kurzgeschichten von Hans Herbst
  • Die seltsam hin und her springenden Dialoge erinnerten mich momentweise an Hemingway
  • Weiße Männer grübeln in heißen Ländern weinerlich über Liebe, Glaube und Sex mit der Nicht-Angetrauten: gelegentlich hier in Infanta, aber auch bei einigen Helden Graham Greenes
  • Herrschaften, die herumsitzen und eine Hausmagd belauern, das erinnert von fern an Nagib Machfus‚ Roman Miramar
  • Manila: Erscheint Manila irgendwo in der Literatur lesenswert? Nicht in diesem Roman, nicht in Bodo Kirchhoffs Drehbuch Manila, nicht in anderen Manila-Romanen hier auf HansBlog. Viel Besseres gibt es über Singapur und Hongkong, teils sogar über Bangkok
  • Kirchhoff spielt kurz auf Joseph Conrads Herz der Finsternis an („Kurtz oder Kurt“, S. 93), aber da gibt’s keine Parallelen
  • Hintergründe zum Roman im Spiegel


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