Romankritik: Frau Sartoris, von Elke Schmitter (2000) – 7 Sterne – mit Video

Elke Schmitter erzählt in diesem schmalen Band gleich drei Geschichten:  vor allem ein Ehebruch, der immer wieder unterbrochen wird von Sätzen zu einem Kriminalfall, der sich erst später ereignet und mit dem Ehebruch kaum zu tun hat; das dritte Thema ist ein Teenager auf Abwegen und läuft schließlich mit einem der anderen Motive zusammen. Das ist von Seite 50 bis zur letzten Seite 158 einigermaßen spannend.

Langweiler in der Provinz:

Dabei beschreibt Schmitter aufdringlich langweilige Figuren in einem öden Provinzkaff: Die Ich-Erzählerin ist Bürokauffrau und lebt in einem Reihenhaus mit ihrem Sparkassen-Mann und Schwiegermutter Irmi. Mit Kegelclub, mittelständischer Industrie und Kohlrouladen lässt Schmitter kein Klischee der muffigen Nachkriegszeit aus, ohne aber Jahreszahlen oder Zeitbezüge zu nennen. Die Ich-Erzählerin verliebt sich rasend in einen ebenfalls verheirateten Kulturamtsleiter mit gescheiterten Theaterambitionen. In Nebenrollen ein Zuhältertyp, eine widerborstige Tochter und ein reicher Schnösel.

Die ehemalige taz-Chefin und heutige Spiegel-Kultur-Chefin Elke Schmitter gibt der Ich-Erzählerin ein sehr unauffälliges Deutsch, das aber auch nicht affektiert oder auftrumpfend klingt. Sie verzichtet auf überflüssige Kindheitserinnerungen und altkluge Verallgemeinerungen. Schmitter verzichtet aber auch auf Dialoge und auf tiefere Introspektion – die Geschichte fließt sehr gleichmäßig dahin.

Nicht ganz plausibel:

Warum die eigentlich gut organisierte Ich-Erzählerin jenseits der 40 ihr geregeltes gutbürgerliches Leben komplett über den Haufen werfen will, bleibt unklar, denn die Verbindung zum Kulturamtsleiter scheint nur auf physischer Anziehung zu beruhen, die absehbar enden wird. Auch dass sie zwischenzeitlich hohe Literatur liest, klingt nach ihrem kleinbürgerlichen Vorleben überraschend.

Einzelbeobachtungen:

  • Die wenigen Sätze zum Kriminalfall erscheinen in bestimmten Intervallen zu der ausführlicher erzählten Ehebruchgeschichte. Dann aber bleiben die Sätze zu lange aus, bis sie wiederkehren. Das wirkt nicht ganz rund. Offenbar wollte Schmitter die Spannung möglichst weit steigern – so wie auch beim überdehnten Warten auf einen wesentlichen Moment gegen Buchende.
  • Dem Ehemann der Ich-Erzählerin fehlt ein Unterschenkel, ihrem Seniorchef die rechte Hand. Symbolik?

Assoziationen:

  • Im Roman Veras Tochter setzte Elke Schmitter die Geschichte 2006 fort.
  • Schmitter spielt deutlich auf die Ehebruchromane Effi Briest und Madame Bovary an, die sie nach eigener Aussage beeindruckt haben und die sie in Veras Tochter ausdrücklich erwähnt, zusammen mit Anna Karenina.
  • Das Plotelement „Missgünstige Teenie-Tochter beargwöhnt ehebrechende Mutter“ erscheint auch in Eva Menasses Roman Quasikristalle (2013, mit einer Stieftochter).
  • Elke Schmitters Nachfolgeroman Leichte Verfehlungen (2002) spielt zwar in einem ganz anderen Milieu – Berliner Akademikerinnen; aber auch dort geht es um Ehebruch, Effi Briest und Flaubert. Sogar das Motiv der Geliebten, die die Ehefrau ihres verheirateten Liebhabers sehen will, kehrt wieder.

Die Schauspielerin Andrea Sawatzki besitzt die Filmrechte an Frau Sartoris und will den Roman mit Regisseurin Hermine Huntgeburth und Produzentin Regina Ziegler verfilmen (so A. Sawatzki 2016 im B1-Radio auf dem blauen Sofa).

Das Literarische Quartett mit Reich-Ranicki, Karasek, Löffler und Uwe Wittstock redet 2000 über Frau Sartoris (ab 3:01):

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