Romankritik: Erinnerungen an meinen Porsche, von Bodo Kirchhoff (2009) – 4 Sterne – mit Pressestimmen

Er sekretiert zwanghaft aus jeder eigenen Körperritze. Er penetriert dranghaft jede weibliche Körperritze. Dieses sein heiliges Triebleben zelebriert Bodo-Kirchhoffs Ich-Erzähler, Ex-Investment-Banker Daniel Deserno, 38, in einem atemlosen Verbal-Erguss über 220 Seiten in 56 Kapiteln.

Stolzgeschwellt:

Deserno, Schweinigel und Schwadroneur, rekapituliert mit präpubertärem Stolz die Anatomie seines Piephahns, den ersten Analsex, veritable Porno-Action im Privatjet und im Rollstuhl. Also, John Updike kann das viel interessanter, Michael Frayn viel lustiger. Kirchhoffs Held erinnert eher an die dumpf müffelnde Teenie-Proll-Erotik aus American Pie oder Sex up, ich könnt‘ schon wieder.

Kirchhoffs Held rezitiert Herrenmagazin-Witzchen, Streifzüge durch die teuersten Autohäuser der Mainmetropole, teure Uhrenmodelle und Weinlagen. Doch das ist vorbei: Die Hauptfigur rekonvalesziert nun in einer Luxusklinik, denn die Kollegin von der Kulturabteilung ruinierte sein Kopulationssorgan mit einem Korkenzieher – zum Glück ein Edelstahl-Alessi-Modell, das gibt weniger Komplikationen.

Flache Parodie:

Bodo Kirchhoff (*1948) liefert nie interessante Einblicke, arbeitet nichts scharf aus, sondern kleckert schnell und stolz eine platte, irrelevante Satire ohne echte Bezüge hin. Auch die Einschübe vom Börsencrash, von Geldmanövern, linken WG-Müttern, urologischen Folternmethoden und erlesenen Speisefolgen wirken angeklebt, wie mechanisch einem Romanbaukasten folgend.

Mit ein paar Tricks baut Kirchhoff Spannung auf: Wie sich die Attacke auf Daniels Mittelpunkt vollzog, das erfahren wir nur, sozusagen, tröpfelchenweise. Daniel hat sogar immer noch Verkehr, schriftlichen, mit der Urheberin seines Genitalschadens – und ein Wiedersehen deutet sich an, mit ungewissem Ausgang. Als Insassen der Luxusklinik beschreibt der Ich-Erzähler allerlei Prominente; Namen fallen nie, es gibt nur deftige Andeutungen, man stellt sich unwillkürlich bekannte Manager, Autoren und Politiker vor.

Bei der Stange gehalten:

Diese dramaturgischen Haken setzen sich ins Fleisch des Lesers und halten ihn bei der, hm, Stange. Dann schreibt Kirchhoff auch einigermaßen flott – nicht charmant, nicht raffiniert, nicht cool oder reduziert, aber doch glatt lesbar, über all den dämpfelnden Männerschmarrn hinweg.

Bis hin zum enttäuschend märchenhaften Ende eines Romans, der so sinnlich prickelt wie ein Penthouse-Titel und ebenso schnell gelesen – und vergessen ist.

„Kann beim Leser Verkrampfungen und Phantomschmerzen auslösen…“ – die Kritiker:

Süddeutsche Zeitung:

Kirchhoff scheint sich spätestens seit dem Erfolg seines „Schundromans” eine Dauerlizenz fürs ironisch kolportierte Triviale, fürs Heftige und Deftige erworben zu haben – es blitzt, zwinkerzwinker, ja in dem aufpolierten Chromglanz dieser gewollten Trash-Stories immer die eigentliche Virtuosität des Autors durch, nicht wahr? Doch unter der zweifellos windschnittigen Karosserie dieses Romans kreischt der Motor doch ziemlich übertourig… Immer, wenn man denkt, noch dicker kann es nicht mehr kommen, jagt ein weiteres Herrenwitz-Detail aus der „Porsche”-Historie um die Kurve… doch zerfasert die ironische Story zwischen Finanzcrash, Impotenz, Italianità, Promi-Groteske und Autorenworkshop in allenfalls amüsantem Klein-Klein. Das „Pulp Fiction”-Label allein rechtfertigt jedenfalls nicht jede abgegriffene Schlüpfrigkeit.

Frankfurter Allgemeine:

Bodo Kirchhoff möchte mit rasanter Komik, Trash und Trivialitäten unterhalten… in diesem überdrehten Buch

Deutschlandradio Kultur:

…wirkt auf Dauer albern… Sichtlich agiert Kirchhoff seine Wut über den prominenzversessenen Literaturbetrieb aus… Aber mehr als ein bisschen Satire gibt das nicht her. Und so entwickelt der „Schundroman“ handlungsmäßig erstaunlich wenig Drive; er kriecht gewissermaßen auf der Standspur… all diese grellen Effekte wirken wie überzeichnete Parodie und sollen zugleich doch treffende Darstellung der Verhältnisse sein. Das kommt sich gegenseitig ins Gehege, sodass die Parodie nicht wirklich zündet und die Analyse klischeehaft wirkt… Unentschieden wirkt auch der Stil: Die Sprechblasen eines skrupellosen Karrieristen vertragen sich nicht wirklich mit dem elaborierten Kirchhoff-Sound, auf den der Verfasser des „Schundromans“ dann doch nicht verzichten will… Kurz: Dieser Schundroman funktioniert nicht wirklich.

Deutschlandfunk:

Die Geschichte des Sexunfalls kann beim Leser Verkrampfungen und Phantomschmerzen auslösen, anderes kann ihn peinlich berühren… Er plädiert mit der Macht des Wortes, mit Geist, Witz und Komik, für einen etwas ernsthafteren Umgang mit dem Geld, dem Sex und den Körperflüssigkeiten, demonstriert mit dieser absurden, geistvoll, souverän und wirklich komisch erzählten Geschichte, was Literatur jenseits der Moden leisten kann.

Berliner Literaturkritik:

Nur machen das Thema Sex und Banken – gepaart mit ein bisschen Branchenkritik – aus dem Roman noch lange keinen „aberwitzigen Kommentar zu den Krisen in der Welt des Geldes und der Literatur“, wie die Verlagswerbung gerne glaubhaft machen möchte. Dafür ist die Satire zu flach und das Buch ohne Tiefgang – da hilft auch nicht, dass es sich hinter dem Etikett „Schundroman“ versteckt.

Falter:

Die seichten Witze und üblen Metaphern… eine trashige Satire… Gegen Ende, wenn man sich an den Stil gewöhnt hat und das Buch an Drive gewinnt, wird es ganz unterhaltsam. Aber da hat man schon die Lust daran verloren.

Frankfurter Rundschau:

Bodo Kirchhoff, dessen Romane, Erzählungen und Theaterstücke seit rund 30 Jahren um die verschiedensten Löcher kreisen… Kirchhoff galt schon vor 30 Jahren als „Biograph des Ekels“… Er macht vor keiner Kolportage, vor keiner veröffentlichten Meinung Halt… Das Buch ist so scham-, skrupel- und morallos wie unsere Zeit… Kirchhoffs leichthändig hingeworfener Sprachfuror aus Anspielungen, Verweisen, Doppel- und Vieldeutigkeiten unter allen Gürtellinien sprengt jede Beschreibung.

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