Romankritik: Enteignung, von Reinhard Kaiser-Mühlecker (2019) – 7 Sterne

Ein spröder Ich-Erzähler, der „noch nie verliebt“ war (S. 90), pimpert gelegentlich eine spröde, unpersönliche Gin-Trinkerin. Die pimpert nebenbei auch einen spröden, unpersönlichen Schweinezüchter, und darum (sic) schuftet der spröde Ich-Erzähler im stinkenden Stall beim spröden Schweinezüchter; der hat eine spröde, unpersönliche Frau, die – .

Ein brutal heißer Sommer in Österreich, und Reinhard Kaiser-Mühlecker beschreibt ein paar träge, angeödete Figuren auf dem Dorf. Der Ich-Erzähler, ein zielloser kleiner Journalist, schreibt auch ein träges, angeödetes Deutsch mit maulfaulen Kurzdialogen – aber das passt gut, und es tönt fast nie schlecht oder falsch (außer bei: „…nach – ich zählte mit – ein Dutzend vergeblichen Versuchen“ (sic), S. 23 S. Fischer-Hardcover 2019). Zum unpersönlichen Wesen der Akteure passt, dass der Autor ihnen keine Mundart gönnt, obwohl zumindest der Ich-Erzähler fast gegen seinen Willen Mundart spricht (wie er bei einem Berlin-Besuch erwähnt, S. 186).

Der Ich-Erzähler hat nichts Sympathisches an sich, doch überfallartig küssen ihn gleich zwei Frauen (die haben auch nichts Sympathisches an sich, und nichts von Gefühl). Ihrem anderen Lover schlägt die Gin-Trinkerin sogar beim/statt/als Vorspiel ins Gesicht.

Nicht nur die Figuren und ihr Ringelpietz wecken Unbehagen. Kaiser-Mühlecker schildert auch Dorf und Landwirtschaft als abstoßend – mit viel Gestank, unermüdlicher entfremdeter Schufterei, hässlichen Siedlungen mit „Kreisverkehrsanlagen und den von niemandem benützten Geh- und Radwegen“ (S. 205), wuchernden Handymasten und schmierigen Bauamtsleitern. Nebenbei spricht der Erzähler über eine verweigerte Baugenehmigung, ein enteignetes Grundstück, den Niedergang der Printpresse und rechte Bewegungen, doch das passt kaum oder nur mit der Brechstange zum rätselhaften Wer-mit-wem der vier Hauptfiguren.

Gegen Ende passiert plötzlich viel, nicht alles habe ich verstanden – und meine Vermutung würde ich nie laut aussprechen. Dass der Ich-Erzähler vor lauter Eifersucht beim anderen Lover seiner Gin-Trinkerin, dem spröden Schweinezüchter, anheuert und täglich für lau im beißend riechenden Schweinehangar malocht, klingt völlig unplausibel (einst hatte er Jobs und Freunde „in München…, in L.A.,… in New York und… in Oslo“, S. 128).

Laut Klappentext sieht es Reinhard Kaiser-Mühlecker

als eine Art Verpflichtung an, die Welt, die ich kenne, erfahrbar zu machen – einem, der sie nicht kennt.

Solche Pädagogisierungsangriffe verbitte ich mir.

Freie Assoziation:

  • Auch Reinhard Kaiser-Mühleckers 2008er-Roman Der lange Gang über die Stationen spielt unter verkniffenen Menschen auf dem Land, zeigt Städter und ungelernte Gehilfen auf einem verlotterten Hof, ist aber sprachlich gespreizter
  • Akademischer Ich-Erzähler verfällt einer mausgrauen, banalen Frau ohne Eigenschaften außer Augen „wie von einer Maschine bemaltes Glas“ (S. 152), da dachte ich an eine vergleichbar unplausible Paarung in Sieben Jahre von Peter Stamm
  • Träge und maulfaul von der Hitze genervt am agrarischen Ende der Welt, das gilt auch für Marguerite Duras‘ Heiße Küste (1950)

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