Romankritik: Emil und die drei Zwillinge, von Erich Kästner (1935) – 5 Sterne

Friede, Freude & auch Eierkuchen herrschen in Neustadt, Berlin & auch in Korlsbüttel: Penetrant harmonisch geht’s zu zwischen Jung und Alt, zwischen Arm und Reich in diesem Sequel zu „Emil und die Detektive“.

Zwei Jahre danach:

Die Geschichte spielt zwei Jahre nach „Emil und die Detektive“, versammelt alle Hauptakteure dieses Romans, zeigt aber eine neue Handlung an der Ostsee. Pfiffig startet Autor Emil Erich Kästner (dies der volle Name, 1899 – 1974) die „Zwillinge“ gleich mit zwei pfiffigen Vorworten: Ein Vorwort für Leser, die den „Detektive“-Roman schon lasen und ein zweites für alle, die den „Detektive“-Roman nicht hatten.

Laut Kästner in einem der Vorworte kann man die „Zwillinge“ unabhängig von den „Detektiven“ lesen – doch weit mehr Genuss bereitet „Emil und die drei Zwillinge“, wenn man den „Detektive“-Roman und ihre markanten Hauptakteure schon kennt; denn es gibt allerlei Rückbezüge, bis hin zu einer Vorführung der „Detektive“-Verfilmung im „Zwillinge“-Roman.Es gibt (in meiner Ausgabe des Dressler-Verlags) wieder Zeichnungen der Akteure und Kulissen (wieder von Walter Trier, aber nicht so gradlinig und aufgeräumt wie beim Detektive-Roman) und diesmal auch handschriftliche Briefe samt kleiner, nicht angesprochener Rechtschreibfehler (aber nicht beim Musterschüler Emil).

Maaaama….:

Kästner-typisch beweisen die Akteure ihre Zuneigung durch wohlgemeinte Neckerei und produzieren auch sonst witzige Einzeiler am lfm:

„Wenn deine Großmutter Räder hätte, wäre sie ein Omnibus“, erklärte die alte Frau.

Wie in den „Detektiven“ behandelt der nun 14jährige Emil sein gutherziges „Muttchen“ brutalstmöglich achtsam, wenn er sie wie in den „Detektiven“ für eine Reise verlässt:

„Es muss immer jemand da sein, der sie lieb hat. Ich erlaube nicht, dass sie traurig wird!“ ((…)) Er schaute lächelnd hoch: „Ich komme, Muttchen.“

Fast hört man Heintje schmachten, aber es ist nur der bekennende Mutter-Sohn Erich Kästner.

Erich Kästner zieht die Story von den „drei Zwillingen“ an den Haaren herbei, und sie füllt den kurzen Jugendroman nicht. Kästner muss darum noch unfokussiert ausführlich von Urlaubsalltag, Abendvarieté und sogar vom Dänemarkausflug der Erwachsenen erzählen („die Autobusfahrt durch Seeland, die Besichtigung von Hamlets Grab und von der Festung Helsingör“). Der eigentliche „Fall“ entsteht erst knapp 100 Seiten nach Romanbeginn. Auch ein Segelabenteuer strickt der Autor hinein, das nichts mit dem Kasus der „drei Zwillinge“ zu tun hat.

Fräulein Klotilde Seelenbinder:

Es gibt drei getrennte Sphären: die Mittelschicht-Kinder, die Mittelschicht-Erwachsen sowie die Unterschicht: „Krögers Knecht“ und das „Dienstmädchen“ des Justizrat-Ehepaars Haberland. Interessant, wie der Dienstmädchensohn Kästner das Roman-Dienstmädchen in die Pfanne haut: Er schlägt sie mit dem Namen „Fräulein Klotilde Seelenbinder“,  und sie wird deswegen von der Emil-Bande veräppelt und umgetauft – heute eine klare metoo-Tat. Außerdem erscheint sie mehrfach als begriffsstutzig, aber gutherzig und gut am Herd. Ihre Dienstherrschaft liebt Klotilde Seelenbinder innig, und die Liebe wird dankbar erwidert: „Alles, was Sie machen, ist mir recht“, schmachtet die arbeitgebende Justizratgattin gen Klotilde, und das „Dienstmädchen wurde rot“. Alles in guter Butter also.

Interessant die Rolle des einzigen Mittelschicht-Mädchens weit und breit, Pony Hütchen. Die ist offenkundig gewitzt und gebildet. Doch von allen Kindern hilft nur sie der schwitzenden Klotilde mal in der Küche, lernt dort auch schon kochen – von den Jungs kann das keiner, außer natürlich Emil Superstar.

Freie Assoziation:

Die aufdringlich himmlische Harmonie („Justizrat H. ein furchtbar netter Mann“) erinnerte mich an penetrant einträchtige Mehrgenerationenensembles in unrealistischen Bollywoodfilmen, u.a. Hum Aapke Hain Koun…! und viele andere „Middle of the road“-Bollywoods.

„Die Detektive“ und „Die drei Zwillinge“ im Vergleich:

Stilistisch sind beide Romane sehr ähnlich: Voll witziger Erzählersätze und Dialoge, mit unschönstem Dativ-e. „Emil und die Detektive“ hat die deutlich spannendere und weniger absurde Geschichte; die Handlung in den „Drei Zwillingen“ überzeugt kaum und muss zudem mit Beiwerk aufgefüllt werden. Der zweite Roman bringt auch mehr harmoniesüchtiges Gesäusel. Beide Romane enden nicht gleich mit der Auflösung des Falls, sondern zeigen Emil und Co. noch bei Publicity-Aktionen (Pressegespräche, Publikumsauftritte).

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