Romankritik: Ein Sommer, von Vincent Almendros (2015) – 7 Sterne

Im Sommer: Zwei jüngere Paare auf einem Segelboot zwischen Napoli und Capri, alte Beziehungen flackern neu auf, es wird drückend und angespannt. Vincent Almendros (*1978) schildert Klima und Gerüche fast zu aufdringlich:

Mir war heiß, die Luft war schwül.

Diese sieben Wörter schwängern bedeutungsvoll einen kompletten Absatz auf Seite 79 der rotgekleideten Wagenbach-Ausgabe. Auch eine Badeszene klingt übertrieben (S. 42-44):

Nackt stand sie jetzt vor mir. ((…)) Der helle Mondschein funkelte auf den Wellen. ((…)) Das Wasser war sanft, fast lau ((…)) jene Lichter, die mich führten wie winzige Unterwasserglühwürmchen.

Ansonsten erzählt Vincent Almendros knapp, verzichtet auf Überflüssiges, immer wieder springt die Handlung stückchenweise in kleinen Jump Cuts. Laut taz kürzte Almendros die Geschichte von 300 auf 100 Seiten – schön. Der Ich-Erzähler beobachtet sich und andere sehr genau, nichts wirkt unrealistisch. Das Ende überrascht und enttäuscht, es klingt banal und hergeholt.

Auf S. 44 betrachtet der Ich-Erzähler „die Horizontalität meiner Arme“; Handys heißen generell „Mobiltelefon“. Auch sonst überzeugte mich die Übersetzung von Till Bardoux nicht. Netto hat die verschwitzte, in Frankreich preisgekrönte Geschichte nur knapp 80 sehr luftig gesetzte Seiten.

Freie Assoziation:

  • Almendros‘ ebenso kurze Erzählung Ins Schwarze zeigt ebenfalls ein junges Paar und vor allem dessen Mann, mit wenigen anderen Akteuren, insgesamt auch dort beklemmende, schwüle Atmosphäre, aber düsterer; in beiden Geschichten bringen zu effektheischend die letzten Zeilen eine völlig neue Erkenntnis
  • Ein Roman auf dem Segelboot, Deutsche denken natürlich an Martin Walsers passend betiteltes Ein fliehendes Pferd
  • Im gleißend sonnigen Amalfi-Raum passiert etwas Ungehöriges, zunächst merkt’s keiner, die Verursacher vergnügen sich weiter entspannt in der mediterranen Kulisse und könnten noch enttarnt werden – dieses spannungsgeladene Szenario ließ mich an den Talentierten Mr Ripley von Patricia Highsmith denken

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