Romankritik: Ein anständiger Mensch, von Jan Christophersen (2019) – 6 Sterne

Jan Christophersen konstruiert in den ersten zwei Buchdritteln eine dramatische, intime, fesselnde Geschichte. Zwei intelligente Paare verbringen ein Wochenende in einem entlegenen Ferienhaus. Sofort gibt es ungute wie auch erotische Spannungen in alle Richtungen. Die wenigen Umgebungsdetails und Nebenfiguren fügen sich gut in die Handlung; nichts wirkt an den Haaren herbeigezogen, Dialoge und Figuren scheinen realistisch und geben Stoff zum Nachdenken. Zudem erzählt Jan Christophersen strikt chronologisch und mit eng beschränktem Personal. Das letzte Drittel hat ganz andere Konstellationen und Erzählweisen.

Allerdings beginnt die Lektüre mit einem doppelten Schock:

  1. Schon im Klappentext des mare-Hardcovers, 2. Auflage, steht offen und ehrlich, der Autor studierte am „Literaturinstitut Leipzig“. Damit verbinde ich: Blutleere Sprache und ums Autordasein kreiselnde Themen, schlimmstenfalls sogar in Berlin Mitte. Und weil der Autor in Leipzig studierte, schreibt er denn auch nicht über Fernfahrer und Tankwarte (wie Wolf Haas), über Gastwirte und Ärzte (wie Georges Simenon) oder über Bezirksvorsteher und Hoteliers (wie Graham Greene).
  2. Und prompt klingen die ersten Sätze mega-fad (S. 7):

„Eins passierte nach dem anderen. Wie hätte es auch anders sein können? Die Gegenwart, in der wir uns befanden, wusste nicht, was nach ihr kam, und der Scheinwerfer der Erinnerung ((…))“.

Der Autor variiert das Geschwurbel auf Seite 264.

Nun kann man sagen: Der Schmarrn stammt von einem Ich-Erzähler, der ein prominenter Fernsehphilosph und Autor ist, und deshalb muss das so papiern klingen. Ganz überzeugt mich dieses Argument nicht.

Jan Christophersen greift mitten ins Leben (eines Leipzigstudenten):

  • der leibhaftige Diplom-Schriftsteller Jan Christophersen schreibt über fiktiven Schriftsteller Steen Friis
  • der Schriftsteller im Roman redet (u.a.) über andere Schriftsteller, auch ausführlich übers Schreiben und über Schreiborte
  • zur Abwechslung gibt’s…: eine Buchverlagsangestellte, denn variatio delectat

Dazu allenfalls noch ein bisschen Weinerlichkeit, erotische Schnellschüsse und einen ITler. Mehr lernt man in Leipzig nicht. (Wie ist’s in Hildesheim?) Worüber soll man auch sonst schreiben – die ganze Welt steckt doch in diesen Themen. Der Schriftsteller im Roman liebt die Selbstisolation in einer Waldhütte in fader Umgebung – soviel Welthaltigkeit muss sein, mehr aber nicht.

Aufdringlichkeiten:

Der Schriftsteller-Ich-Erzähler betont unangenehm aufdringlich, dass er ein fader Langweiler ist, nicht nur durch seine fade Sprache, sondern auch durch seine fiktiven Buchtitel wie „Anstand – Was wir wollen dürfen und müssen sollen“. Aufdringlich auch, als wie betont langweilig dieser Autor seine Lieblingsinsel beschreibt (S. 19):

((…)) das ereignisarme Inselleben, das ich so sehr zum Schreiben brauchte, sowie die unaufdringliche Landschaft, an der bis auf die Steilküste nichts Besonderes dran war ((…)) das alles ödete Frauke ((seine Partnerin)) bis aufs Mark an“

Vor allem betont der Ich-Erzähler dräuendes Unheil unangenehm aufdringlich. Da agieren nicht nur ominöse Hasen und Füchse. S. 22:

Ich bin sicher, dass keiner von uns vieren in diesem Augenblick irgendwelche unheilvollen Gedanken hegte ((…)) Was hätten wir auch befürchten sollen? ((…)) Nachträglich mag ich mir zwar ausmalen, dass uns das rötliche Tier mit sorgenvoller Miene entgegenblickte ((…))

S. 63f:

Ich begriff noch nichts Genaues, spürte jedoch ein Gefühl der Bedrohung in mir aufsteigen

Nun zu Seite 75:

((…)) eine eigenartige Gewissheit in mir, dass ich diesem Druck, den ich ansteigen spürte, nicht mehr lange würde standhalten können. Etwas würde passieren. (Nur was?)

Warum nicht einfach erzählen, was passiert? Statt unheilschwanger anzudeuteln? Warum selbst noch auf Seite S. 177 Unheil schwängern:

Ich spürte erneut das dräuende Unheil über der Lichtung

Und der saloppe Umgang mit selbstgesammelten Pilzen ist nicht nur untypisch für die Figur, sondern ein zu aufdringliches Tschechowsches Gewehr.

Öfter auch erklärt Jan Christophersens Ich-Erzähler die Dinge zu deutlich, z.B. S. 152 (Kursivierung wie vorgefunden):

((…)) es lag zweifellos auf der Hand, wer als moralischer Sieger aus unserem Streit hervorgegangen war. (Nicht ich.)

Ohne die Klammerbemerkung und die schreiende Kursivierung hätte es mir besser gefallen.

Ein Autor und sein Autor:

Hier erfindet also ein deutscher Autor einen deutschen Großautor als Ich-Erzähler, einen TV-konformen Publikumsphilosophen, eine Art Richard David Precht oder Rainer Erlinger. In seinem Ich-Monolog macht der Großautor ein paar dumme, aber nicht ganz auffällige Fehler, die im Buch nicht richtiggestellt werden. Ich verzweifle an der Frage, ob Autor Jan  Christophersen seinen Roman-Autor als nicht ganz gebildet hinstellen wollte, ohne es allzu offen auszusprechen, oder ob’s direkt Fehler von Christophersen sind, die er eigentlich vermeiden wollte:

S. 89: „Touristen mit massigen Weitwinkelobjektiven knipsten stets, was das Zeug hielt, sobald sie meinten, einen der beiden Falken zu erblicken.“

Nur Teleobjektive sind wirklich „massig“ und für fliegende Falken geeignet (das fette Sigma 20/1,4 Art ist kein Gegenargument). (Der Ich-Erzähler auf S. 271: „Was wusste ich schon über Fotografie?“)

S. 153: „((…)) eine direkte Anbindung an all diese Social-Media-Kanäle ((…)) die Implizierung dieses Social-Media-Blödsinns“.

Richtig wäre „Implementierung“

S. 154: „Kundendatenbänke“

Auf den Plural muss man erstmal kommen

S. 156: ein Messgerät muss sich „wahrscheinlich via Bluetooth mit dem Laptop verbinden“ und das klappt, als „dem Messgerät eine feste IP-Adresse verpasst“ wird. – Bluetooth-Geräte brauchen kaum oder nie eine IP-Adresse, höchstens eine MAC-Adresse.

S. 166: Der Ich-Erzähler trinkt offenbar Barolo direkt nach dem Entkorken. Schluck.

Sprachkonstruktionen:

Der Ich-Erzähler wendet zudem die deutsche Sprache falsch oder zumindest unschön an. Will der Autor seinen erfundenen Autor nicht nur über inhaltliche Fehler, sondern auch über schlechte Sprache bloßstellen? Welcher Autor ist verantwortlich? Der fiktive S.F. oder der leibhaftige J.C.? Aber vielleicht irre ich mich auch:

S. 17: Das änderte sich erst, als ich Vater einer teenagernden Tochter wurde.

M.E. kann man „als ich Vater… wurde“ nur sagen, wenn man anschließend über die Zeit mit einem Baby redet. Der Satz oben klingt so, als ob der Sprecher aus dem Nichts eine Teenager-Tochter erhalten hätte. Annehmbar wäre „…als meine Tochter teenagerte“.

S. 19: …dass wir ((zwei)) uns ((…)) noch nicht wieder aufeinander eingenordet hatten…

Erst dachte ich, wenn sich der eine einnordet, muss sich der andere ja „einsüden“ (sofern man davon ausgeht, dass beide sich aufeinander zu orientieren; nur einer kann sich dann nach Norden ausrichten). Dann dachte ich, beide gemeinsam norden sich auf einen Nordpol ein (also nicht auf die andere Person; so wäre das Bild möglich). Insgesamt: Nur eine Person/Gruppe kann sich “einnorden”, nicht zwei aufeinander.

S. 21: ((…)) wollte mir dieser Vorgang gar nicht selbstverständlich erscheinen.

Im Sinn von „Ich hielt das nicht für selbstverständlich“. Müsste man nicht sagen, „Die Sache wollte mir nicht als selbstverständlich erscheinen“?

S. 33: …an dem Platz ((…)), wo ich normalerweise parkte

Ich würde erwarten, „an dem Platz, an dem ich normalerweise parkte“

S. 151f: diesen ätzenden Stachel der Ungewissheit

Kann der Stachel ätzen? Oder eher bohren/quälen?

S. 262: „((…)) meines linken Arms, an dem sich die Fistel befand, über die ich mit dem Dialysegerät verbunden war.

Wird man über *Fisteln* mit Dialysegeräten verbunden?

S. 263: meine nachträglichen Ahnungen ((…)), die ich in die Vergangenheit zurückversetzte 

Hm. Die Sätze stammen von einem Ich-Erzähler, dem man vielleicht Umgangssprache zugestehen kann. Allerdings ist dieser Ich-Erzähler ein sehr kultivierter gebildeter elaborierter Mensch, der z.B. die o.g. für mich falsch klingenden Konstruktionen verwendet, aber nie umgangssprachliche oder regionale Ausdrücke einstreut oder sonstwie betont lässig mit Sprache umgeht, sondern sehr nüchtern berichtet. Sind die Sätze oben unter diesem Aspekt eher annehmbar?

Ein paar Dinge wunderten mich noch:

Immer schon hören wir, dass die Frau des Ich-Erzählers – eine der Hauptfiguren – Ärztin ist. Doch ihr Beruf spielt im ganzen Roman keine Rolle, obwohl Medizinisches Bedeutung hat. Erst auf Seite 281 konkretisiert der Ich-Erzähler dann, seine Frau sei „Psychotherapeutin“; auch das könnte die Romanhandlung beeinflussen. Doch die Frau verhält sich nur gelegentlich erratisch bis verletzend, agiert nie mit ihren Kenntnissen als Psychotherapeutin und würde als Steuerberaterin oder Gärtnerin genauso gut in die Handlung passen.

Der Ich-Erzähler ist zufällig bei einem arrivierten Privatarzt in Behandlung, der gern Privatgespräche führt. Dieser „bücheraffine Nierenfachmann“ (S. 260) und Arzt redet gelegentlich in Thomas-Mann-Zitaten (S. 292) und freut sich über eine Mann zitierende Replik des Patienten. Sowas gibt’s?

Im dritten Drittel schreibt der Ich-Erzähler das Geschehen aus den ersten beiden Romandritteln privat auf. Er sagt nie, ob diese Aufzeichnungen identisch mit dem vorliegenden Roman sind.

Gegen Ende der Geschichte auf Seite 263 stößt der Ich-Erzähler „zufällig auf Geros Blogseite, von der ich bis dahin nichts gewusst hatte“. Der Blog wurde doch schon zu Beginn erwähnt, auch wegen Geros exzessiver Fotografie für den Blog? Oder irre ich mich?

Freie Assoziation:

  • Der Ton erinnert deutlich an Jan Christophersens früheren Roman Echo (2014): in beiden Fällen ist die männliche Hauptfigur ein Künstler, die Frau hat einen praktischeren Beruf; beide Romane spielen in Norddeutschland und Dänemark, und eine dramatische Überraschung zur Buchmitte dreht die Handlung; Echo ist jedoch der schwächere Roman
  • Hamburger Cityhipster, die ins Alte Land gehen (S. 292), geistern auch durch Dörte Hansens Roman Altes Land
  • Zwei Paare in klaustrophober Viersamkeit, das sehen wir zeitweise in Bergmans Dialogroman Szenen einer Ehe
  • Kreativ alternativ angehauchte Paare und ihre vertrackten Beziehungskisten, das hat ein Geschmäckle von Thommie Bayer

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