Romankritik: Ein abgetrennter Kopf bzw. Maskenspiel, von Iris Murdoch (1961, engl. A Severed Head) – 7 Sterne – mit Presse-Links


Ein distinguierter, reicher Londoner Weinhändler lebt kinderlos glücklich mit Frau und heimlicher Liebhaberin. Die Frau verlässt ihn für ihren Psychologen, mit dem auch der Weinhändler befreundet ist. Dies stürzt den Mann in eine Krise, aber alle Beteiligten wollen die Situation betont vernünftig, sogar freundschaftlich bewältigen.

Amüsant, wie die großbürgerlichen, aber auch etwas steifen Figuren nonchalant über ihr Schicksal und Liebesleben parlieren. Dass hier eine Autorin einen männlichen Ich-Erzähler inszeniert, fällt nicht störend auf. Diese Hauptfigur ist freilich definitiv ein Weichei und Frauenversteher, dabei gleichwohl Frauenverhauer, und in der zweiten Buchhälfte driftet ohnehin alles ins Absurd-Beliebige.

Das Milieu der oberen Mittelschicht in London beschreibt Murdoch reizvoll detailliert, wenn auch teils zu gedehnt (ich hatte das englische Original und kann die Eindeutschung nicht beurteilen). Handlung und Dialoge lappen jedoch zunehmend ins Groteske: Iris Murdoch (1919 – 1999) spielt alle denkbaren und undenkbaren Situationen systematisch durch – der Ich-Erzähler selbst redet von „so many varieties of torment“. Murdoch lässt ihre gehörnten Hauptfiguren zudem absurdes, unverständlich verständnisvolles Psycho-Wischiwaschi schwafeln. Gleichwohl klingt der Text weniger nach Komödie oder Satire. Neue Konstellationen kündigen sich etwas zu überdeutlich an. Trotz zunehmender Beliebigkeit bleibt der Reigen spannend bis zur letzten Seite.

Der dialoglastige, meist in Wohnungen mit insgesamt genau sieben Figuren spielende Roman kam 1963 in London als erfolgreiches Theaterstück heraus und erschien 1970 als Film mit Richard Attenborough (dt. Titel Trau keinem Hausfreund). Einen Mann mit Ehefrau und Liebhaberin beschrieb Murdoch u.a. auch in The Sacred and Profane Love Machine (1984) und in weiteren Romanen. Murdochs eigenes Liebesleben war ebenfalls so abwechslungsreich, dass dazu sogar das Biopic Iris (2001, mit Kate Winslet und Judi Dench) entstand.

Assoziationen:

  • Die Britishness erinnerte an den Fleet-Street-Roman Gegen Ende des Morgens/Towards the End of the Morning von Michael Frayn, der in den etwas späteren 1960ern spielt.
  • Der Reigen an Konstellationen und Verwirrungen erinnert an andere literarische Farcen, nicht zuletzt wieder von Michael Frayn (z.B. Skios), nur dass Murdoch ernster schreibt.

Pressestimmen:

Spiegel (Spoiler-Alarm): Iris Murdoch erforscht die Impulse ihrer wieder rundum sichtbaren Figuren mit Sorgfalt, Sachverstand und nicht ohne Humor

Herzpotential: Die Entwicklung der Story hat mich fast wahnsinnig gemacht und das bis zur letzten Seite. Es ist ein kurioses und liebestolles Durcheinander

Letteraturablog: Das Leid der Protagonisten fühlt man nicht mit – soll man nicht mitfühlen, alles ist immerzu ein wenig eine Karikatur. Übertrieben. Chaotisch.

Kirkus Review: Witty and sophisticated… an over-civilized danse macabre of love and manners. The effect is chilling and absorbing… In scene after shocking scene…

John Updike in The New YorkerHer early mode achieved its masterpiece in „A Severed Head“

The Complete Review (auch mit engl. Pressespiegel): B+ : typical Murdochian tale of creepily messy relationships; finely written… The coupling and uncoupling comes fast and furious

London Review of Books: not a good book…layers of clunky Freudianism

MM The Millions: …delirious little book… study of the messiness of human desire, complete with incest and spouse swapping… an oddball masterpiece

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