Romankritik: Eheleben, von Sergio Pitol (1991) – 3 Sterne

Ehemann und Ehefrau betrügen sich unentwegt. Ehefrau bringt ihre Liebhaber zu Anschlägen auf ihren Ehemann, doch die Anschläge scheitern, die Ehefrau wird verletzt, die Affäre beendet.

Der Mexikaner Sergio Pitol (1933-2018) erzählt die mexikanische Geschichte aus der Sicht der Ehefrau. Und er erzählt lieblos, ohne Psychologie, ohne Dialoge und ohne jedes mexikanische Flair – es ist wohl als Groteske gedacht, klingt aber nie originell oder lustig (erschienen 1991 als La vida conyugal, eingedeutscht 2002).

Das Mordgeschehen erscheint nur auf wenigen Seiten, meist schildert der Roman den Alltag der Hauptfigur. Es klingt, als wolle Pitol seine persönliche mexikanische Umgebung in die Pfanne hauen: hohle Unternehmer, hohle Politiker und hohle Kulturbeflissene beiderlei Geschlechts (S. 91):

Sie redeten immer gleichzeitig, ohne einander zuzuhören.

Unbemüht:

Aber Pitol gibt sich nicht viel Mühe bei seinen Karikaturen: Mehrfach fasst er Dialoge nur zusammen, zu faul, seine Behauptungen mit wörtlicher Rede auszumalen. So schreibt der Autor von den „stumpfsinnigen Kommentaren“ (S. 65) des todgeweihten Ehemanns, ohne etwas davon wiederzugeben. Oder die Frau „log ihm eine wirre Geschichte vor“ (S. 67), wiederum nicht näher ausgeführt.

Ebenso faul: Pitol erzählt chronologisch. Doch nach vier Fünteln der Geschichte lesen wir plötzlich (S. 107):

Hier wäre es zum besseren Verständnis der Geschichte angebracht, einige vorausgegangene Ereignisse nachzutragen.

Das heißt, Pitol unterschlägt eigenwillig einmalig Dinge, um sie erst später einzuflechten und so seinem Romänchen etwas mehr Spannung und Überraschung einzuhauchen. Kann man seine Leser mehr verarschen?

Brünstige Tigerin:

Männer, die sich in Frauenseelen hineinversetzen, wecken oft Fremdschämalarm, und der schrillt bei Pitol besonders laut:

Der scharfe Geruch, der seinem Körper entströmte, erregte sie mehr als jede seiner Liebkosungen… (S. 39); noch Jahre später dachte sie manchmal an seinen scharfen Körpergeruch… (S. 61);

…voller Wonne im Bett… (S. 71); mit solch verzweifelter Wildheit…. (S. 73); wie ein brünstiges Tigerpärchen… (S. 74); wilden, orgiastischen Höhepunkten (S. 98)

Auch hier gilt wieder: Pitol deklariert, aber er beschreibt nichts, liefert keine Details des wilden Treibens.

Fast hätte ich die Schnurre nicht zu Ende gelesen. Doch das Wagenbach-Salto-Bändchen ist mal wieder hübsch rot gekleidet (wie bei Vincent Almendros), und dann ist’s ja auch schon nach 124 Seiten netto vorbei. Das Nachwort von Antonio Tabucchi (7,5 Seiten) habe ich nicht kapiert; es schien mir aber wenig mit Pitol oder gar dem vorliegenden Roman zu tun haben.

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