Romankritik: Diesseits vom Paradies, von F. Scott Fitzgerald (1920, engl. This Side of Paradise) – 3 Sterne – mit Pressestimmen

Der stark autobiografisch geprägte Erstlingsroman beschreibt Schüler- und Studentenzeit sowie erste Berufserfahrungen in New York in den 1910er Jahren. Besonders detailreich berichtet Fitzgerald vom Studium in Princeton. Dabei kümmert er sich kaum ums allgemeine Publikum, mit Vergnügen lesen diese Insidergeschichten wohl nur amerikanische Ex-Studenten.

Der zweite Teil über das Leben als Werber in New York und einige Romanzen ist deutlich unterhaltsamer. Doch schon im ersten Teil kultiviert der Autor einen gewissen läppisch-arroganten Ton, der momentweise bei Laune hält.

Gemischte Gefühle:

Auch sonst sind Stil und Inhalt sehr heterogen – F. Scott Fitzgerald baute den Roman nach einer ersten Ablehnung um, packte verschiedene Arbeiten hinein: frühe Geschichten für die Unizeitung ebenso wie Episoden, die erst Jahre später entstanden, nach Uni und Militärzeit. Figuren und Motive sind einige Kapitel lang wichtig, dann werden sie fallengelassen und vielleicht noch einmal ganz am Rand erwähnt.

So zieht ein Freund der Hauptfigur, den der Leser bereits gut kennt, in den Krieg – viele Seiten später erfahren wir en passant, dass er fiel. Auch die Eltern der Hauptfigur sterben ganz nebenbei. Die Herzensdamen kommen und gehen (nur Rosalind kehrt kurz wieder). Die Zeit bei der Armee überspringt Fitzgerald fast (er sparte sie für seinen zweiten Roman auf, Die Schönen und Verdammten, 1922). Einzige Konstante neben der Hauptfigur ist ein Geistlicher.

Die New Republic schrieb über diesen Patchwork-Roman: „The collected works of F. Scott Fitzgerald“ (zitiert nach Bruccolis Fitzgerald-Biografie) – also das Gegenteil von Fitzgeralds wundervoll homogenem großen Gatsby, der nur fünf Jahre später erschien.

Gelehrte Anspielungen:

Fitzgerald spickt das Buch mit Anspielungen auf Literatur und Zeitgeschichte, die nur Gelehrte verstehen, das gemeine Volk indes anöden. In Stilmix und kultureller Überfrachtung erinnert Diesseits vom Paradies deutlich an die ersten etwa 80 Seiten von Fitzgeralds zweitem Roman, Die Schönen und Verdammten, der sonst jedoch deutlich runder ist als der Erstling; beide erreichen nicht die Reife des großen Gatsby, 1925.

Überwiegend schreibt Fitzgerald in der dritten Person aus der Perspektive seines Hauptdarstellers Amory Blaine. Es gibt aber auch Briefe, viele Gedichte und knapp 30 Seiten lang ein unterhaltsames Boulevardtheaterstück – und dann wieder einen öd pädagogischen Dialog über Sozialismus.

Teure Haarkünstler:

Im Buch verweigert die eitle Rosalind dem eitlen Amory die Ehe, weil er nicht genug Geld nach Hause bringt, schon ihre Friseurrechnung werde ihn überfordern. In Fitzgeralds richtigem Leben war es ähnlich: Seine Zelda sagte die Verlobung wegen mangelnder finanzieller Perspektiven ab – ließ sich dann aber doch heiraten, als Fitzgeralds Erstling Diesseits vom Paradies herauskam und sofort ein Erfolg wurde.

Laut Werbung schildert Fitzgerald hier, wie seine Hauptfigur die Liebe kennenlernt. Falsch: Der Leser erfährt übergangslos, dass der junge Amory schon allerlei Erfahrung habe, es gibt keinerlei Entwicklung. Zwei der drei wichtigeren Damen sind eitel schwätzende Kokotten. Küsse werden diskutiert und dann geschäftig ausgetauscht; von weiterem hören wir nichts.

Überraschender Erfolg:

Warum das sehr heterogene, teils autistisch murmelnde Buch bei Erscheinen so einschlug und gleich mehrfach nachgedruckt werden musste, verstehe ich nicht – es ist schlechter als alle anderen Fitzgerald-Romane und wäre ohne den Namen Fitzgerald auf dem Titel heute längst völlig vergessen. Ich würde empfehlen, nur den Teil ab New York zu lesen (ab Buch 2), auch weil Fitzgerald sich wie gesagt ohnehin nicht müht, Motive über mehrere Buchteile hin zu verwenden.

Amorys Erfahrungen als kleiner Werber in New York erinnern an Figuren von Richard Yates (Zeiten des Aufruhrs, Easter Parade). Yates lobte Fitzgerald, aber ich weiß nicht, ob er auch Diesseits vom Paradies meinte.

Kein Eigenlob des Verlags:

Ich hatte die englische Ausgabe und kann die deutsche Übersetzung nicht beurteilen. Bei meiner Penguin-Ausgabe fällt auf, dass sie im Gegensatz zu vielen anderen englischen Taschenbüchern kein einziges lobendes Wort direkt über den Roman wiedergibt:

Die Rückseite bringt nur ein allgemeines Lob über Fitzgerald ohne Bezug auf This Side of Paradise. Und in seiner gut 20seitigen, hoch informativen Einleitung betont der Professor Patrick O’Donnell die Mängel und das Stückwerkhafte des Romans, zitiert zeitgenössische Totalverrisse. Die Penguin-Ausgabe enthält außerdem zwei Seiten weiterführende Literaturhinweise und sieben Seiten Erklärungen zu den vielen Anspielungen im Roman (aber auch siebzig Seiten könnten nicht alles erläutern).

„Emotional and rhetorical excesses…“ – die Kritiker:

  • Goodreads: Leserwertung 3,69 von 5, bei 37.229 Stimmen
  • Amazon.de: Leserwertung 4,7 von 5, bei 6 Stimmen
  • Amazon.com: Leserwertung 3,9 von 5, bei 258 Stimmen (jeweils August 2015)

New York Times:

The whole story is disconnected, more or less, but loses none of its charm on that account. It could have been written only by an artist who knows how to balance his values, plus a delightful literary style.

New York Review of Books:

This Side of Paradise had had a success which was almost freakish, capturing the aspirations of a generation and especially of those within that generation who, like its author, aspired to be great writers. Reading it today, one blanches at its emotional and rhetorical excesses… It was the autobiographical first novel of a very young writer who took himself very seriously, and who had not provided for his hero those escape hatches of irony which Joyce had built into A Portrait of the Artist.

New York Magazine, Kathryn Schulz, 2013:

Somehow, in the five years between his literary debut and The Great Gatsby, he taught himself to write. This Side of Paradise is intermittently brilliant but terrifically uncontrolled.


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