Romankritik: Die Schule der Nackten, von Ernst Augustin (2003) – 4 Sterne

Ein hochgebildeter Mann verbringt einen amüsanten Sommer in einem MünchnerMünchner FKK-Bad und verwertet das Gesehene literarisch. Als es Mitte September zu frisch wird, das gesammelte Material aber für einen Roman noch nicht reicht, besucht der Erzähler ergänzend ein esoterisches Nacktselbstfindungsseminar, das wie erwünscht weiteren kuriosen Stoff liefert. Am Ende folgt noch eine innenarchitektonisch völlig bizarre Mord-Liebes-Fantasie. Zudem streut der Erzähler ein paar indisch-mythische Seiten ein.

So liest sich das Romänchen Die Schule der Nackten jedenfalls. Auf den ersten rund 100 von 255 luftig bedruckten Seiten plätschert die Geschichte nur so dahin, wortwörtlich, und sie spielt einzig im Münchner FKK-Bad. Der Ich-Erzähler ist amüsant, nicht sehr gschamig und erzählt mit viel Bildung von seinen kleinen Begegnungen ebenso wie von der Parade der Geschlechtsteile.

Dann erst entsteht etwas mehr Bewegung, der Erzähler erhofft sich eine Romanze, mindestens eine heiße Nacht, es kommt sogar zum „Schwanzduell vom 4. September 2002“ (S. 150), und diese kleine Geschichte in der Geschichte liefert den Übergang zum Nacktselbstfindungsseminar in Einhausen. Damit verschwindet das Nacktbad aus der Geschichte, bald auch die mögliche Romanze – die zwei Hauptkulissen folgen also recht heterogen aufeinander, selbst wenn sich der Autor erkennbar um einen Übergang bemüht. Die ebenfalls heterogen eingestreuten Seiten über ein indisches Dorf und „Sita die Schönhüftige“ erinnern deutlich an Thomas Manns „Vertauschte Köpfe“. Der letzte wirr fantasierte Buchteil im Heim des Ich-Erzählers hebt sich erneut ab.

Zwar plaudert Ernst Augustin (1927 – 2019) vergnüglich dahin, sprachlich keinesfalls flach oder blasiert, besser als andere deutsche Autoren. Tiefere Erkenntnisse oder wirklich scharfe Beobachtungen liefert er jedoch nicht, auch keine kernigen Dialoge. Zwar muss man müffelnd tröpfelnde Altherrenerotik befürchten, doch größere Peinlichkeiten vermeidet Augustin dank Selbstironie. In meiner 2005er-dtv-Ausgabe stören einige Wunderlichkeiten (u.a. „täscheln“ und „tätscheln“ durcheinander, „Kröten, die ihren Lurch absondern“ (S. 167), „mutuell“ statt „gegenseitig“ (S. 216), „ab eines gewissen Schwellenwerts“ (S. 237), mehrfach „tangofarben“, u.a. S. 245), „wie sollten beide“ (gemeint „wir“) (S. 253)).

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