Rezension: Die gefährliche Frau, von Thommie Bayer (Roman 2004) – 6 Sterne – mit Kritikerstimmen


Hauptfigur und Ich-Erzählerin ist eine Detektivin, die Ehemänner ver- und dann der Untreue überführt – im Auftrag der Ehefrauen, die zum Beispiel eine lukrative Scheidung anstreben (der Job erinnert an den Kinofilm Chloe). Wie immer zerbricht sich Vielschreiber Thommie Bayer nicht den Kopf über Plausibilität – er steckt einen Plot aus ganz viel Dramatik zusammen, gesteigert durch enthüllende Rückblenden. Ähnlich wie in Singvogel gibt es zum Schluss eine fast handfeste Überraschung, die indes schon 100 Seiten zuvor als Zaunpfahl gewunken hatte.

Diesmal kredenzt Thommie Bayer noch mehr Erotik als sonst, und das wiederum reichhaltig fantasie- und geschmackvoll: Sexspiele mit geschälten Möhren, mehr (oder weniger) versteckten Kameras, Niedertracht, Gefühl und geistig Behinderten.

Schriftsteller im Visier:

Die Detektivin erzählt vor allem von einem einzigen Fall: Sie soll im Auftrag der Gattin einen bekannten Schriftsteller schwach machen – wird aber zeitweise selber schwach, auch wenn sie oder ihr Erfinder zwischen Auftragserfüllung und echten Gefühlen diffus schwanken.

Ich habe mich gefragt, ob Thommie Bayer für die Schriftstellerfigur eigene Merkmale schildert: der fiktive Kollege hat ein „schmales Gesicht mit weichen Zügen“ und einen „schmalen und irgendwie spärlichen Körper“; er trägt Brille (allerdings nicht auf Publicity-Fotos) und zu seiner Lesung kommen „fast nur Frauen“; seine fiktiven Romane schildern „Liebespaare, die sich finden und verlieren, Eltern, die ihre Kinder nicht freigeben können, Freunde, die sich um jemanden sorgen, Verwirrung, Abwege, Verrat, Betrug“.

Das klingt schon etwas nach Bayer, der zudem wie der erfundene Autor verheiratet ist. Doch Bayer schildert alles in typischer Art wortreich diffus, so dass die Beschreibungen auf alle möglichen Personen und Situationen zutreffen können.

Abgehangene Locations:

Vergleichbar anderen Bayer-Romanen gibt es Aufenthalte in abgehangenen europäischen Touristenzielen, diesmal nicht Venedig (wie in Singvogel und in Vier Arten, die Liebe zu vergessen) oder Rom (wie in Der gefährliche Tanz), sondern Paris.

Mein Piper-Hardcover hat 234 Seiten, aber die sind sehr luftig bedruckt, und vor einem neuen Kapitel erscheinen gelegentlich zwei Leerseiten. Ich hatte das schnell ausgelesen – kopfschüttelnd über den bildzeitungsartigen Plot und über den ach so gebildeten Leser, der den Schmarrn kaum weglegen konnte.

„Kein literarischer Höhenflug zwar..“ – die Kritiken:

Amazon.de:

Die Pointe am Schluss ist gut gewählt — sie verleiht der Ich-Erzählung Vera Sandins im Rückblick noch andere Nuancen –, aber für aufmerksame Leser vielleicht doch nicht ganz unvorhersehbar… Kein literarischer Höhenflug zwar, aber sehr gute Unterhaltung, die viele Leser ansprechen wird.

  • Leserdurchschnitt Amazon.de: 3,5 von 5 bei 35 Stimmen (Juni 2016)

Literaturkritik.de:

Allerdings legt die Konstruktion des Romans an diesem Punkt schon allzu deutlich die Auflösung nahe – dabei hat der Leser doch auf weitere hundert Seiten Spannung gehofft. Einzig die Protagonisten ahnen nicht, was dem Leser in Leuchtbuchstaben entgegenblinkt… Treffend und einfühlsam wie immer gelingt es Thommie Bayer in diesem Roman, Momentaufnahmen, Begebenheiten, Erinnerungen zu schildern – in der Gesamtheit jedoch scheint er von einem Klischee zum nächsten zu stolpern. Nachempfinden soll man die Traumata seiner Protagonistin – die Klischeehaftigkeit und allzu deutliche Hinweise jedoch lassen Motive wie Konsequenzen vorausahnen… wenn der Roman auch kein Thriller ist, so liest er sich im Ganzen gut und unterhält. Doch allzu plakativ arbeitet Bayer bei der Charakterisierung seiner viel zu tragischen Heldin.

Lettern.de:

Tiefgründig ist dieser neue Roman des Autors nicht. Aber es ist durchaus eine Kunst, gekonnt an der Oberfläche zu bleiben und seine Leser gut zu unterhalten.

Buchtips.net mit 7 von 10 Sternen:

Fesselnde und spannende Unterhaltung, die mehr als nur die Oberfläche ankratzt. Auch voyeuristische Ambitionen werden zur Zufriedenheit bedient, wenn auch das „erotische“ Element eine Frage des persönlichen Geschmacks bleibt.

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