Romankritik: Die Flucht der Flamen, von Georges Simenon (1947) – 7 Sterne

Flämische (belgische) Fischer fliehen 1940 vor der Wehrmacht mit ihren Booten ins französische La Rochelle. Dort beziehen sie mehrere Häuser, grenzen sich zunächst streng von den Franzosen ab, verhalten sich allgemein unachtsam und setzen weitgehend ihre Wünsche durch. Georges Simenon (1903 – 1989) lebte in der Kriegszeit selbst in La Rochelle und betreute offiziell belgische Flüchtlinge.

Simenon, in Frankreich lebender belgischer Flame, beschreibt die Flamen zunächst wie einen dichtgeschlossenen Clan, fast wie einen  Stamm – darum passt der Originalbuchtitel „Le clan…“ besser als der deutsche Titel „Die Flucht der Flamen“. Die ranghöheren Mitglieder des Flamenclans schildert Simenon als kultivierter als die ansässigen Franzosen.

Das Buch hat keine Liebesgeschichte und keine einzige liebenswerte Hauptfigur. Die Hauptakteure, der flämische Clanchef Omer und seine dicke Frau Maria, sind sogar ausgesprochen unsympathisch – vielleicht bleibt ihnen auf der Flucht aber auch nichts anderes übrig. Ein paar deutsche Soldaten und geduldig hilfsbereite Franzosen gewinnen keinerlei Profil gegen sie.

Wie immer (zumindest in seinen Nicht-Maigrets) schreibt Simenon schnörkellos, mühelos die Perspektive wechselnd, mit vielen plastischen Details (der Fischer ist z.B. tagelang in Gummistiefeln auf dem Boot, da schwellen ihm die Füße an, zu Hause braucht er dann ein Fußbad) und hier zumeist chronologisch. Im Vergleich zu anderen Simenons durchweht diesen Roman etwas mehr historischer Atem und Simenon präsentiert komplexe moralische Konflikte zwischen Flamen, Franzosen und deutschen Besatzern mit wandelnden Positionen.

Den Clanpatron Omer und seine ergebene Subpatronin, die dicke Maria, schildert Simeno etwas zu larger-than-life. Das Ende – in dem der deutsche Buchtitel überraschend eine neue Bedeutung erhält -, ist zu dramatisch gedehnt (der Roman geriet mit 212 deutschen Seiten auch etwas länger als übliche Nicht-Maigrets mit ihren meist 180 bis 190 Seiten). Die letzten Sätze runden die Geschichte perfekt, sie sprechen das Ergebnis aber zu deutlich aus. Ein wenig indirekter wäre mir lieber.

Freie Assoziationen

Ein Flüchtlingslager in La Rochelle und die Flucht der Belgier und Nordfranzosen vor den Deutschen nach Süden gibt es auch in Simenons Roman Der Zug (1961).

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