Romankritik: Die Blendung, von Elias Canetti (1935) – 7 Sterne

Schon nach 100 Seiten sind die Eheleute Kien dermaßen verkracht, dass man nicht weiß, wie Canetti das auf den nächsten 400 Seiten noch toppen will: Nicht nur die Hauptfiguren wirken zunehmend besessen und irr, grotesk und absurd, auch die Sprache selbst lappt ins Fiebrige, Bizarre, unterstrichen durch leichte, aber eingängige Fehlbedeutungen wie gleich zweimal hintereinander hier (S. 183 im Fischer-TB):

Seit er sein eigener Herr war, gingen ihm Schwierigkeiten spielend von der Hand. Gerade war er zu Ende, da klopfte es zutunlich an die Tür.

Ja, und ab Seite 225 wurde es so fiebrig und bizarr, dass ich aufgegeben habe: Die Hauptfigur zieht allein durch die Stadt, heuert einen absurden Zwerg als Diener an, es gibt fantastische Elemente – das mag ich gar nicht – und die witzigen Wortgefechten der verkeilten Eheleute bleiben gänzlich aus. Das kommt ganz selten vor, dass ich nach 225 von 500 Seiten aufgebe, und das bei gelungener Sprache – doch den zunehmend ausufernden Inhalt konnte ich nicht mehr hinnehmen.

Zu Buchbeginn inszeniert Elias Canetti einen völlig aus dem Ruder laufenden Streit zwischen verkopftem, schrulligem Buchgelehrten und seiner biederen, aber ausgefeimten und geldgierigen Frau, vormals acht Jahre seine Haushälterin. Das ist ein Stellvertreterkrieg zwischen geistigen Haltungen und könnte fast zuviel Philosophie und zuwenig realistisches Leben enthalten. Doch Canetti malt die Psychogemetzel in den frühen Buchteilen so plastisch und detailliert aus, dass es sich wirklich zugetragen haben könnte.

Dazu kommt Canettis harte, knappe, leicht lesbare Sprache, die mich fast süchtig machte. Beispiele für Canettis schnellen, trockenen Duktus:

Beim Gehen und Sprechen wackelte sie mit dem Kopf. Ihre Schultern machten dazu abwechselnd die Musik. (S. 23)

Eine feuchte Hundeschnauze waren seine beiden Augen, und er rieb sie an ihr. (S. 80)

Seine Augen, sonst starr auf den Gegner gerichtet, rückten zahm in die Winkel und legten sich hier auf die Lauer. (S. 109)

Nicht nur die Sprache ist rabiat, auch die Hauptfigur selbst, hier bei der Begegnung mit einem quengeligen, aber harmlosen 10jährigen:

Außer sich vor Zorn, trat er ihn einigemal mit Füßen, riß ihn keuchend am Schopf in die Höhe, haute ihm zwei, drei knochige Ohrfeigen herunter und warf ihn dann weg. (S. 55)

Die Geschichte spielt in Wien, könnte sich aber auch in jeder anderen Großstadt mit vielen Buchläden, Hotels, Bordellen und Möbelgeschäften zutragen. Die Ehefrau redet minimal Mundart, der Mann gar nicht. Einigen Statisten legt Canetti jedoch erfreulich Wienerisches in den Mund (S. 182):

„Gengan’s schlafen, Tschapperl“, grinste er sie an (…)

Assoziationen:

  • Canettis fast rabiat knappe, aber flüssigst konsumierbaren Sätze erinnern in ihrem Fast-Stakkato an einen Zeitgenossen Canettis, an Sebastian Haffner – der war in Berlin aufgewachsen, die Stadt, die den Wiener Canetti zu seinem Roman Die Blendung mit inspiriert hatte.
  • Berlin Alexanderplatz
  • Die mürrischen, wortkargen Einzelgänger in einigen Non-Maigret-Romanen von Georges Simenon, u.a. Der Mann mit dem kleinen Hund, Der Mörder und Fremd im eigenen Haus (diese Figuren sind weniger radikal, gebildet und begütert sind als Canettis Hauptfigur); und: wie Canetti schreibt auch Simenon kurze, schmucklose Sätze, aber wiederum weniger hart

Doch schon ab ca. Seite 150 oder 200 werden Canettis Absätze länger und länger, die Manöver der weltfremden Hauptfigur immer beliebiger, und es gibt keine gepfefferten Wortgefechte mehr. Darum bin ich ausnahmsweise ausgestiegen.

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