Romankritik: Der letzte Rebell, von David Gates (1998, engl. Preston Falls) – 8 Sterne – mit Pressestimmen


Doug und Jean haben Bürojobs und zwei Kinder, die Ehe bröckelt. Doug ist ein Zyniker mit Egoproblem: fast jede Interaktion wird ihm zum Machtspiel. Außerdem verachtet er seine Büro-Existenz: Doug möchte eigentlich ein echter Kerl vom Land sein, er spielt E-Gitarre, fährt Pickup, hat eine .22er und eine Wochenend-Bruchbude in der Provinz. Jean ist menschlicher und um Familienzusammenhalt bemüht, kann aber auch schnippisch sein. Die Kinder, neun und zwölf, erscheinen betont gelangweilt bis leicht gestört.

Fazit:

David Gates beobachtet messerscharf, analytisch und mit starken, hochsarkastischen Dialogen. Zeitweise ist die gut konstruierte, zum Schluss passend abgerundete Geschichte sehr spannend, zeitweise auch mit Vulgarität überfrachtet.

Kaum ein Satz in diesem Familienkosmos fällt ohne Hintergedanken und Nebenbedeutungen. Die Akteure reden hier so smart und mit Städterslang, dass ich nicht immer ganz folgen konnte (ich hatte das englische Original, Preston Falls). Doug und seine Männerkumpel ballern außerdem mit vierbuchstabigen Unflätigkeiten um sich – widerlich, wenn auch womöglich realistisch.

Erzählt wird in der dritten Person, doch in der ersten Hälfte meist aus Dougs Sicht, und dann schreibt auch der Autor ranzigen Mackerslang. Dazu kommt ein befremdliches Protokollieren verschiedener Körperfunktionen mit vielen Toilettengängen. Etwa zur Buchmitte dreht der Fokus auf Jean und ihre kriselnde Restfamilie, dann wird der Ton zivil.

Kultiviertes Personal:

Alle Akteure lesen zudem viel und denken unentwegt über einzelne Szenen aus Büchern nach. Doug hört mal Country, mal Hiphop, mal Klassik – aber immer reflektiert er die Musik um ihn herum. Jedes Spülmittel und jeder Industriekeks erscheinen mit Markennamen.

Ich hätte gern noch mehr von der Familie erfahren. Doch Gates schildert teilweise einen Kriminalfall, weil die Hauptfigur Doug ohne viel Eigeninitiative in dumme Straftaten hineingerät. So wird das Buch teilweise außerordentlich spannend. Doug mit seiner Unvernunft zu beobachten verursacht allerdings physisches Unwohlsein.

Der Roman ist schärfer als Gates‘ ebenfalls gelungener Erstling, Jernigan und erreicht die Qualität der besten Szenen aus Gates‘ Kurzgeschichten-Bänden The Wonders of the Invisible World und A Hand Reached out to Guide Me. Er hat auch Noten von Richard Yates und Jay McInerney, gelegentlich dachte ich zudem an die US-Verlierergeschichten des späteren F. Scott Fitzgerald. Gates vermeidet jedoch Kitsch und Sentimentalität bis zum Schluss.

A tour de force of disorderly male vanity…“ – die Kritiker:

Frankfurter Allgemeine:

Doug Willis ist ein Mann wie ein Gitarrenkasten. Wenn man ihn aufklappt, ist er innen hohl. Also sammelt dieser Willis Gitarren, um ein Vakuum zu füllen, das sich Leben nennt… Männer wie Doug Willis gibt es viele, er ist einer jener Mittelklassemenschen, wie sie nicht nur in Amerika leben, wo Willis in der Nähe von New York wohnt – und doch ist sein Durchschnittsschicksal ein durch und durch amerikanischer Topos. Romane über Männer wie Willis gibt es viele, vor allem wiederum in Amerika, wo Schriftsteller in ihren mittleren Jahren aus den Leiden ihrer Altersgenossen geradezu ein eigenes Genre gemacht haben – ein Club der wehleidigen Dichter, die aus Lethargie literarischen Mehrwert schöpfen wollen… Der Roman ist ebenso geschwätzig wie formlos und verliert sich mehr und mehr in einem Sound der Beliebigkeit… mit ihrem brabbeligen Tonfall bleiben die Figuren allerdings verhuschte Gestalten, dürftige Charaktere, leere Hüllen. Und so stolpert Gates hilflos in den zu großen Halbschuhen von Updike, Ford und anderen umher, zum richtigen Format fehlt es ihm schlicht an erzählerischem Können.

New York Times:

David Gates’s scathingly intelligent hero is shut off from all feeling, his only identity a racing consciousness… The story told in “Preston Falls“ is scary precisely because it could be banal, because it’s what could lurk behind the faces and jokes of all kinds of people who have jobs in Manhattan and live in Westchester… If Willis’s form of denial is relentless irony, hers is maintaining an appearance of normality, as if distress were also a disease, and a shameful one. It’s easy to feel sympathy for her because Willis is so spectacularly unappealing, a tour de force of disorderly male vanity…  you’re almost afraid to go back to the book once you’ve put it down. Anything could happen, and it’s likely to be horrible, irremediable… this is an extremely well-written novel, and it’s more than tough enough for most of us. You’re not sure which to wonder at most: the prolific imagination that allows David Gates to bring these people so remorselessly to life or the fortitude that allows him to live with them while he’s doing it.

Kirkus Reviews:

The tumult of marriage on the rocks rings true, but otherwise there’s too much yuppie angst and too little human interest for this to be appealing.

Independent:

…an equally brilliant and equally brutal piece of modern Americana

Publishers Weekly:

A visceral journey to the dark side of suburban masculinity and parenthood… a fugue of sardonic humor and macho posturing… Gates tightens the screws on the mid-life desperation of both Jean and Willis, adroitly capturing the bewilderment of their kids… Gates chronicles the detritus of their marriage in minute detail, in a colloquial, flattened out, present-tense voice… Gates is a masterful chronicler of the dynamics of a family meltdown


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