Romankritik: Der letzte Dreh, von Pia Frankenberg (2009) – 4 Sterne – mit Pressestimmen & Video

Die Autorin und Filmemacherin Frankenberg schreibt einen Roman über Autoren und Filmemacher in München und Berlin. Diese Romanfiguren verfilmen und beschreiben ihr eigenes Leben – in einem Roman, in dem die Autorin Frankenberg ihr eigenes Leben verarbeitet.

Geht es noch deutscher, noch langweiliger? Nicht wesentlich. Frankenberg erzählt überwiegend keine interessante Geschichte, sondern es klingt so, als ob sie unbedingt schnell noch persönliche Eindrücke loswerden will – auch Lieblingsstellen aus Hollywoodfilmen und wunderliche Typen auf der Straße.

Schlechtes Gewissen und Kippen:

Die weibliche Hauptfigur im Buch hat immer wieder schlechtes Gewissen, weil sie per Erbschaft zu einem Riesenvermögen kam. Eine seltsame Prämisse, aber so war Frankenbergs eigene Situation. Diese Maria heiratet dann die männliche Hauptfigur im Roman, einen kettenrauchenden, besserwisserischen Unsympathen; das Wort Zigarette erscheint fast auf jeder Seite.

Witzig ist nur ein kleiner Teil der Geschichte – chronologisch das Ende, doch erzählt gleich am Buchanfang, die unglückliche Drehreise nach Patagonien. Freilich stützt Frankenberg ihren Humor hier noch stärker als im restlichen Buch auf krasse Magen-Darm-Dysfunktionen.

Bei der Lektüre von Der letzte Dreh dachte ich oft an früher, als ich preisreduzierte Romane von Zweitausendeins las. Die waren auch immer fest gebunden (weil sich eine Taschenbuchausgabe nicht lohnte), enthielten Sex, Zigaretten, Schluffis, wolkig labernde Künstler und rissen nie vom Hocker.

„Blutleeres Epos“:

Die Autorin und Filmemacherin Pia Frankenberg hat diesen Schlüsselroman aus der deutschen Filmemacherszene in New York geschrieben. Ich hab’s allerdings nicht ganz durchschaut und keine Erkenntnisse oder Einblicke gewonnen. Was als echte Autobiografie interessant wäre, wirkt fiktionalisiert beliebig, belanglos. Künstlerische Ziele der fiktiven Filmemacher und Autoren werden vage angesprochen, doch nie nachvollziehbar mit Leben gefüllt.

Nebenbei wollte Frankenberg wohl eine Liebes- und Familiengeschichte schreiben (Frankenbergs Konstellation Mittelschichtfamilie unterwegs mit fotografierendem Sohn erinnert übrigens momentweise an David Nicholls Drei auf Reisen). Mehrfach bezeichnet die Erzählerin die männliche Hauptfigur als anziehend, bringt jedoch keinen Beleg dafür. Das Schicksal der weiblichen Hauptfigur lässt kalt, der Mann widert an. „Dieses blutleere Epos“, so heißt es im Roman über einen Berlinale-Film, und auch Fernsehspiele macht Frankenberg im Roman reihenweise nieder – ihr eigenes Werk überzeugt indes ebenfalls nicht.

Deutschland und USA:

Die deutsche Autorin und Filmemacherin Pia Frankenberg schreibt Bücher über Deutschland (u.a. das heiter-nostalgische „Die Kellner & ich“) und USA. Darin erinnert sie an die deutsche Autorin und Filmemacherin Doris Dörrie – die ist bekannter, produziert aber wie Frankenberg Romane und Filme über Deutschland und USA mit stark wechselnder Qualität.

Der letzte Dreh liest sich so, als ob Pia Frankenberg hier auch einen Ex-Ehemann in die Pfanne hauen wollte, der durchgehend abstößt (sie war mit dem niederländischen Filmmenschen Laurens Straub verheiratet, im Roman ist es ein belgischer Filmmensch). Mittlerweile ist Frankenberg mit dem humorvollen Meisterfotografen Elliot Erwitt verheiratet – hier würde mich ein Roman eher interessieren.

„Maria und Johan bleiben eindimensional…“ – die Kritiker:

Der Spiegel:

Wer will, kann all die Vorbilder also suchen und finden. Aber „Der letzte Dreh“ spielt nur mit Frankenbergs Biografie, auch mit der Filmwelt von damals, einer eklektischen Welt der Autorenfilmer, die vor allem um die eigene Bedeutung und auch die Aufmerksamkeit des Publikums fürs Ernsthafte rangen, ehe mit Doris Dörries „Männer“ der Komödienboom begann. Das alles ist die Kulisse, „Der letzte Dreh“ ist eine Liebesgeschichte…

Die Welt:

Der unverkennbar mit autobiografischen Zügen erzählten Geschichte mangelt es jedoch an authentischer Erzählkraft. Maria und Johan bleiben eindimensional, und als Leser kommt man ihnen nicht wirklich nahe. Vielleicht ist die Nähe zur eigenen Geschichte schuld daran.

Deutschlandradio Kultur:

…mit feinem Sinn für Humor und Ironie… Sehr plausibel und ohne erzählerische Verrenkung verschränkt Pia Frankenberg den melancholischen Hoffnungsverlust einer Privatgeschichte mit dem Energieverlust eines Stücks deutscher Filmgeschichte. Unübersehbar trägt der Roman „Der letzte Dreh“ autobiografische Züge. Wie ihre Protagonistin Maria ist auch Pia Frankenberg Erbin eines großen Vermögens, das ihr einerseits vor ihrer sozialen Umwelt ein wenig peinlich ist, es ihr andererseits erlaubt, sich ohne finanzielle Sorgen künstlerisch zu entfalten… mit leichtem Ton und ironisch-liebevollem Blick… Liebes- und Kulturgeschichte in einem…

Literaturkritik.de:

Unübersehbar arbeitet sich die 52jährige Autorin, Tochter und Millionenerbin des Kosmetikunternehmers Helmut Frankenberg, zwischen Dichtung und Wahrheit, erneut an ihrer Biografie ab… Diese „Szenen einer Ehe“, aus wechselseitiger Sicht dargestellt, bieten trotz aller Situationskomik wenig Überraschendes… Trotz Liebe zum Detail gelingt es ihr nicht, durchgängig differenziert in Worte zu fassen, was eine Nahaufnahme im Film vermitteln würde. Auch stilistisch wagt sie keine Experimente. Wirklich nah kommt die gebürtige Kölnerin dabei oftmals weder Johan noch Maria. Beide bleiben streckenweise etwas eindimensional

Aviva:

Dadurch, dass die Leserin keinen ausreichenden Einblick in das Seelenleben der Charaktere erhält, wirken beide häufig unsympathisch und ihre Handlungen sind kaum verständlich oder nachvollziehbar. AVIVA-Fazit: Pia Frankenberg kann sich offensichtlich nicht entscheiden, was sie eigentlich erzählen will und da kommt die Verdacht auf, sie wollte Autobiographisches unter dem Deckmantel des Romans verarbeiten, weswegen ihr die kritische Distanz zu ihrem Geschriebenen fehlen mag.

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