Romankritik: Der lange Gang über die Stationen, von Reinhard Kaiser-Mühlecker (2008) – 5 Sterne – mit Presse-Links

Der unsympathische, verkniffene Jungbauer lebt mit seiner aus der Stadt eingeheirateten Frau, der Altbäuerin und dem todkranken Vater auf einem abgelegenen Hof in Oberösterreich, um 1955.  Er schildert als Ich-Erzähler minutiös kleinste Beobachtungen und Abläufe. Dabei verbeißt er sich zu tief in Details, die momentan interessant klingen, aber nichts zur Sache tun. Ganz zu schweigen von der deutlich manirierten, scheinbar gewollt literarischen Sprache, die der Autor seinem Einödbauern in den Mund legt. Einige vollständige Sätze:

Die Berge vor sich habend – und am Fuß des Gebirges nach rechts abbiegen, Richtung Westen, fünf Minuten: der kleine Hügel. (Seite 43)

Die glänzende Scheibe mit den kreis- und streifenförmigen Wischspuren im über die tonziegelgedeckten Häuserdächer schon schräg einfallenden Sonnenlicht, schließlich also die Früchte vor dieser leicht spiegelnden Front in den dünnhölzernen Steigen mit schmalen silbernen Klammern darin anstelle von Nägeln; die Früchte, die der Gemüsehändler mit dem gewachsten Tuch abstaubte, abrieb. (S. 84)

Sätze ohne Zeitwort bringt Kaiser-Mühlecker immer wieder.

Immerhin: Der Autor (*1982) erzählt in seinem hochgelobten Debütroman (geschrieben offenbar mit 23) aus einer sonst wenig beschriebenen Agrarwelt, verzichtet ganz auf Schreibkrisen in Berlin-Mitte und verflossene Schulhofliebschaften – allerdings beschreibt Kaiser-Mühlecker ganz genau mehrfach „Schleim“, dreckige Zehen- oder Fingernägel, Erbrochenes und das Urinieren. Das muss sein.

Obwohl der Ich-Erzähler vielfach über seine Frau grübelt, erfahren wir kaum etwas über sie, nicht einmal ihren Namen, geschweige denn ihren familiären Hintergrund. Er stellt auch einen Gehilfen ein, mit dem er sich anfreundet – ohne irgendetwas Beschreibendes über ihn zu sagen oder wissen zu wollen. Mit Einverständnis der Frau reist der stumpfe Ich-Erzähler ein halbes Jahr allein umher und berichtet im Buch nichts davon, außer dass er im Salzburgerischen einen interessanten Schafstall sah.

„Umständlich, ernst und oft auch schwer…“ – die Presse:

Zeit:

Unglaublich gut

Süddeutsche Zeitung (bei Buecher.de):

eine Sprache, die auch in den fünfziger Jahren altmodisch geklungen hätte, umständlich, ernst und oft auch schwer…

Frankfurter Allgemeine Zeitung:

Ein wundersames und wunderbares Paradox: ein Bauernroman als Erzählexperiment… In einer einfachen, mitunter archaisierenden, aber sehr anschaulichen Sprache…

Deutschlandfunk:

Theodors auffällige Vorliebe für antiquierte Wörter und Formulierungen… Theodors landwirtschaftlicher Alltag ist darin lebensecht beschrieben

Frankfurter Rundschau:

subtil und dezent

ORF:

Mit Akribie und psychologischem Gespür schildert Reinhard Kaiser-Mühlecker die zunehmende Dumpfheit des Ich-Erzählers

Falter:

Wer raffinierte Konstruktionen, rasante Plots und funkelnde Dialoge liebt, ist bei ihm an der falschen Adresse.

Wiener Zeitung:

die ungewöhnlich dichte und reife Sprache. Eine eigentümliche, erfrischend neue Sprache…Auch in der Handlung gibt es Brüche, Leerstellen

Berliner Literaturkritik:

Er erzählt in einem leicht sperrigen Duktus, der das Eckige, Harte, Widerständige… präzise wiederzugeben vermag

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