Romankritik: Der Anhalter, von Gerwin van der Werf (2019) – 6 Sterne

Van der Werf bringt nur wenige, unspektakuläre Dialoge, liefert aber feine Beobachtungen aus dem Alltag einer kleinen mitteleuropäischen Mittelschichtfamilie, die Island mit dem Wohnmobil durchfährt.

Zu zaunpfahl deutet van der Werf indes gleich zu Beginn bedrohliche Entwicklungen an:

  • Der Ich-Erzähler will seine „Ehe retten“ (S. 11 der S.Fischer-Hardcover-Ausgabe), ohne die Problemlage zu erklären;
  • seine betagte Mutter verschwindet unerwartet, ohne dass er ihr energisch per Telefon oder Herumfragen nachsteigt.

Unbehagen ohne Ende:

Diese dunklen Wolken stehen sofort im Raum, dann gibt’s noch unverarbeitete Fehlgeburten, und schließlich steigt ein aufdringlicher Tramper zu der Familie ins Wohnmobil. Der Typ schwafelt Esoterisches und zeigt Tattoos vor. Seine aufdringlich kumpelhafte, übergriffige Art skizziert van der Werf sehr treffend; der Realismus weckt Fluchtinstinkte beim Leser und beim Ich-Erzähler. Ist der den Anhalter zwischenzeitlich los, frisst die Angst vor einer Wiederbegegnung den Erzähler auf.

Diese Bedrohungen schweben so aufdringlich über der Geschichte wie die schwarzen Fliegen, die den Erzähler am See Mývatn einnebeln. Es fällt dabei schwer, den Roman wegzulegen. Man fragt sich gleichwohl, warum sich die Urlauber nicht resoluter von der unsäglichen Bekanntschaft absetzen.

Wirkt der Ich-Erzähler von Anfang an paranoid und zu wenig selbstbewusst, läuft die Geschichte im letzten Viertel aus dem Ruder: Zu den schon bekannten (teils imaginierten) Dramen kommt jetzt noch eine haarsträubende Offroadpiste durch menschenleere Mondlandschaft mit tückischem Schnee und reißenden Furten; zudem gehen Benzin und Handystrom zur Neige. Es wirkt wie eine James-Bond-Verfolgung ohne Verfolger, völlig übertrieben.

Schwächen in der Konstruktion:

Ein paar Dinge befremden außerdem:

  • spielentscheidend im Roman ist ein Leuchtturm, der sich hier *von außen* per Riegel verschließen lässt, so dass man jemanden einsperren kann – aber warum wollte man einen Leuchtturm von außen verriegeln, er dient ja nicht als Gefängnis (der aufdringliche Tramper, der sonst alles erklären kann und muss, sagt auch nichts dazu)
  • der Ich-Erzähler berücksichtigt nicht, dass man das dramatisch leer laufende Handy im Auto aufladen könnte (der Roman spielt ca 2016, in dem Jahr, in dem Verfasser van der Werf selbst durch Island reiste)
  • im Zusammenhang mit einer Schnupftabakdose bekommt die Frau des Ich-Erzählers einen völlig unverständlichen Wutanfall

Überhaupt erscheint die Frau des Ich-Erzählers diffus – eine rationale Wissenschaftlerin, die unberechenbar momentweise starke Gefühle zeigt, dann aber wie ein leeres Blatt auftritt. Der Ich-Erzähler, dessen Sohn und der Anhalter wirken weit plastischer.

Am schwersten aber wiegt: Am Romanende berichtet der Ich-Erzähler ein Erlebnis, das er unmittelbar vor Abflug nach Island hat; das Ereignis stellt die gesamte Handlung in ein völlig neues Licht. Der Leser glaubt diesen Zeitabschnitt bereits zu kennen, denn der Ich-Erzähler hatte ihn bereits zu Buchanfang geschildert – mit einer entscheidenden, nie angedeuteten Auslassung;  diese Fakten reicht er nun aus heiterem Himmel nach. Da fühlt man sich als Leser veräppelt, es wirkt wie allerbilligste Dramaturgie: das Wichtigste bis zum Buchende verschweigen, ob’s passt oder nicht. Zudem verhält sich der Ich-Erzähler in dieser nachgelieferten Szene unglaubwürdig.

Somit ging am Buchende meine Meinung über den Roman nach unten – durch das Nachreichen eines entscheidenden Details und wegen der überdramatisierten Autofahrt.

Sprache:

Respekt allerdings: Autor van der Werf ist Musiker und Musiklehrer, doch Musik spielt in seinem Roman keine Rolle. Soviel Distanz zu den Ephemera des eigenen Alltags zeigen nicht alle heutigen Autoren. Zwischenzeitlich verdächtigte ich den Autor jedoch stirnrunzelnd, zu viele eigene Urlaubseindrücke aus Island überflüssig einzuflechten (S. 66 Fischer-Hardcover):

Dass sich der Gletscher im Lauf der Jahre weit zurückgezogen hatte, war deutlich zu erkennen.

Aber die kleinen Ereignisse und Beobachtungen fügen sich gut in das Beziehungsabenteuer der Urlauber. All die zähen, eiskalten Gletscher, blubbernden und stinkenden Lavafelder symbolisieren sicher auch irgendwie die Beziehung der Hauptfiguren.

Nur gelegentlich verallgemeinert der Autor banal wie auf S. 64 meiner Fischer-Hardcover-Ausgabe:

Menschen sind gern großzügig, wird diese Großzügigkeit aber zurückhaltend angenommen, dann ((…))

Marlene Müller-Haas‘ Übersetzung klingt zumeist unauffällig passend, keinesfalls elegant, aber hier redet ja auch ein selbsterklärt blasser Ich-Erzähler. Nur gelegentlich störten mich Ausdrücke, so gilt etwa eine auffällige Kirche als „Landmarke“ (S. 130) – das tönt nicht deutsch, sondern nach zu wörtlicher Übernahme des englischen „landmark“. Dann gibt es noch „diese miesepetrigen Berge“ (S. 199); war nicht vielleicht „miesepetrig stimmenden Berge“ gemeint?

Freie Assoziation:

  • Eine bildungsbürgerliche Kleinfamilie auf Reisen mit touristischem Großprogramm, das gibt es auch in David NichollsDrei auf Reisen – und Nicholls überfrachtet seinen Roman mit den Reisestationen
  • Eine sehr blasse, teils rätselhafte Ärztin oder Biologin in einer Beziehungskrise gibt es auch in Kristof Magnussons Arztroman (2014) und in Jan Christophersens Ein anständiger Mensch (2019, ebf. Leipzigabsolvent). Alle diese Bücher zeigen relativ blasse, relativ moderne, gebildete Menschen ohne viel Persönlichkeit
  • Männerkrise in einsam fremder Schneewüste – auch in Matthias Polityckis Das kann uns keiner nehmen (der enthält zudem wie van der Werfs Roman eine zu aufdringliche Reisebegegnung)

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