Romankritik: Das Wetter vor 15 Jahren, von Wolf Haas (2006) – 8 Sterne

Zwei Kulturmenschen, der österreichische Romanautor „Wolf Haas“ und die deutsche Kritikerin „Literaturbeilage“, unterhalten sich in diesem Dialogroman gewitzt, aber realistisch umgangssprachlich über den Roman des Autors. Sie diskutieren den Romaninhalt, platzieren zwischendurch aber auch ein paar Seitenhiebe auf Christoph Ransmayr, den Zauberberg oder dies:

Der Teufel der Plötzlichkeit. Das klingt wie ein Titel von Peter Handke.

Dabei lernen wir die Sprecher kennen und den im Meta-Roman diskutierten Roman. So, wie sie den Inhalt auseinanderklamüsern, steigt die Spannung fast ins Fiebrige: Wann enthüllen sie das Ende? Und knistert da was zwischen den Diskutanten? Zur Halbzeit des Romans ist die erste große Frage geklärt – und Wolf Haas baut sogleich eine neue auf. Re-Start.

Das ist geistreiche, peppige Unterhaltung, wie sie aus deutschsprachigen Landen vielleicht seit den Buddenbrooks nicht mehr aufpoppte. Dialog, Kultur, markante Sprache, dramatisches Finale, Alltag aus Ruhrgebiet und Österland – alles dabei. Dafür gab’s 25.000 Euro beim Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2006.

Zu doof:

Doch selbst wenn der Roman mit 220 Seiten kurz ausfällt: Vielleicht verbeißt sich Haas zu sehr ins Klein-Klein. Und die Kritikerin zeigt er zu aufdringlich als zu doof:

Sie akzeptiert, dass Bregenz in der Schweiz liege, kennt die Malerin Maria Lassnig nicht, „Topfen“ und „Leintücher“ auch nicht, verwechselt nach einer ersten Korrektur abermals „betoniert“ und „asphaltiert“, Tschechows berühmtes Gewehr „lehnt“ bei ihr an der Wand (tatsächlich hängt es), verwechselt Minuten und Sekunden bei der Schallgeschwindigkeit, sagt „Eierschnee“ statt „Eischnee“ etc. etc. sowie laufend „Kürche“, „würklich“ und „ürgendwie“ und neben allerlei „too much“ und „over the top“ noch Blasen wie „So eindeutig sind eben die Gefühle nicht. Weder bei den Menschen noch bei den Frauen.“ (In 2020 brächte sie garantiert lauter Gendersternchen hervor.)

Die Kritikerin legt keinen Wert auf möglichst realistische Darstellung im Roman (wann die Stromleitung im diskutierten Roman technisch tatsächlich verstummen könnte, ist ihr „doch völlig egal“); zudem übergeht sie eine wichtige Andeutung des Autors („Und es hat noch einen Grund gegeben. Aber den wollte ich nicht ins Buch hineinnehmen“), die sie aufgreifen müsste; sie meint taktlos gegenüber ihrem österreichischen Interviewpartner, er stelle sich „östreichisch-dumm“ (sic).

Den eingebildeten Ton der Kritikerin mit all ihrem „würklich“ kontrastiert Haas offenbar gezielt mit ihren peinlichen Bildungslücken. In einem Interview 2014 sagt Haas, das „Nobelfeuilleton“ habe ihn ja erst mit „Das Wetter  vor 15 Jahren“ „so richtig…gewürdigt“. Vielleicht will er mit der leicht d*ü*mmlichen Nobelkritikerin die bisherige Nichtbeachtung beim Nobelfeuilleton rächen.

Keine Mundart:

Ich meine, dass die Kritikerin keinen speziellen (deutschen) Dialekt redet, sondern nur schnöselig-eingebildeten Kulturmensch-Sprech (also ein Soziolekt, kein Dialekt). Das passte m.E. zu dieser Figur, auch ohne regionale Zuordnung, es hat mir nie wehgetan. (Die „ü“-schwangere Übersetzung einer schnöseligen Neureichen in Naipauls Mystischem Masseur („Es üst mür zu hoch, warum sie ühm nücht was Dückes an den Kopf werfen„) hat mir dagegen sehr wehgetan.)

Die österreichische Autor-Figur „Wolf Haas“ steht im Roman etwas besser da als die Kritikerin; „Wolf Haas“ verwendet österreichische Mundart nur in Zitaten („Wenn der Herr Schmeuz nit wü“; „des wor suppa“), macht aber auch einzelne umgangssprachliche Fehler, zum Beispiel „wegen“ mit Dativ (wie die Kritikerin auch).

Fragen bleiben offen:

  • Warum finde ich online keine Hintergründe, auch kein mögliches Vorbild für Frau Literaturbeilage?
  • Existiert der Binnenroman, der hier so ausufernd diskutiert wird, in irgendeiner Schublade/Datei, und in welchem Stadium der Vollständigkeit? (Wikipedia gibt nichts her.)
  • Ist Wolf Haas ein bisschen deutschen- und frauenfeindlich? Oder ist das nur „Wolf Haas“?
  • Warum gibt’s so pfiffige Romane so selten, auch von Wolf Haas selbst?
  • Ist es realistisch, dass Autor und Kritikerin *tagelang* nur den Romaninhalt dekonstruieren, nicht auch weitere literarische und biografische Dinge? (Complete Review fragt: „What newspaper or magazine could afford to have a reporter spend five days on such a story?“ Die Autoren-Interviews bei der Paris Review dauern auch tagelang, aber sie streifen ein viel weiteres Feld.)

Freie Assoziation:

 

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