Romankritik: Das junge Kairo, von Nagib Machfus (1945) – 6 Sterne

Nagib Machfus (1911 – 2006, auch Nagib Mahfuz, Naguib Mahfouz) beginnt sehr allgemein, langatmig mit Rückblenden und fast dialogfrei – so öd, dass die Doppelseite 26/27 des Unionsverlag-Hardcoverbandes einen einzigen durchgehenden Absatz zeigt, ohne Zeilenschaltung. Das ist strafbar. Dann konzentriert sich die Geschichte auf den Studenten Machgub Abdaldaim, der kurz vor dem Examen steht, ins Berufsleben startet und mit argen Geldnöten kämpft.

Machgub hat arme kranke Eltern und ein paar redliche, gebildete Freunde. Doch Machgub ist Zyniker, Utilitarist, permarallig; er hält alles für „Quatsch!“, treibt’s für günstige „30 Groschen“ mit einer übel riechenden Straßendirne (S. 34), verachtet Ehre und Moral. Diese abstoßende Figur, Sympathiebeiwert 0, steht im Zentrum des Romans.

Hofschranzen, Speichellecker, Schürzenjäger:

Drumherum konstruiert Nagib Machfus noch einen eifrigen Moslem, einen Journalisten, der an das Gute in der Politik glaubt, sowie allerlei Hofschranzen, Speichellecker, Schürzenjäger, Geschäftemacher und mehr oder weniger züchtige Damen. Diese Figuren erscheinen eher als gedankliche Konstrukte, nicht wie Menschen aus Fleisch und Blut.

Der Roman wirkt weder psychologisch rund noch versetzt er den Leser wirklich nach Kairo oder Ägypten – da hilft auch des Protagonisten Ausflug zu den Pyramiden nichts. Alles scheint in einem Wolkenkuckucksheim oder auf dem epischen Theater zu spielen – „war der Altruismus wirklich so angenehm wie der Egoismus?“ (S. 236)

So driftet das dahin, Machgub ringt mit seiner prekären Situation und dem Incel-Frust. Die viel beworbene Haupthandlung beginnt erst auf Seite 121 von 254: Machgub heiratet die Mätresse eines reichen Regierungsmannes, um eine lukrative Stellung zu erhalten. Die schöne neue Frau muss er fortan mit dem mächtigen Mann teilen, um seinen hübschen Lebensstandard und die hübsche Frau zu halten.

Ab hier erhält der Roman etwas mehr Pep, etwas mehr Dialog, momentweise mehr psychologische Spannung. Gleichzeitig arbeitet Machfus weiter vor allem das Amoralische der Situation heraus, wie Geld mehr zählt als Liebe oder Ehre, dazu drechselt er sehr didaktische Dialoge, Allgemeinplätze über Islam, Sozialismus, Liebe, fast wie bei Bertolt Brecht. Das ist aufdringliche Sozialkritik, Materialismuskritik: Erst kommt das Fressen, dann die Triebabfuhr, und dann immer noch keine Moral.

Die seelische Dimension des Arrangements vernachlässigt Machfus, vielleicht nimmt er sein Szenario auch gar nicht so ernst und betrachtet das Ganze als Parabel. Darauf deutet auch hin, dass nach dem massiven Finale noch einmal die philosphierenden Freunde auftreten und Allgemeines über das Großeganze austauschen.

Der Übersetzer ist der Rezensent:

Die Übersetzung von Hartmut Fähndrich hat mich nicht überzeugt, vgl. Ausdrücke wie

unenthüllbares Geheimnis (S. 61)

er teilte ein Blatt Papier… in zwei Kolumnen (S. 119)

Warum nicht in Spalten? Oder über eine „vorbildliche Ehefrau“ ohne Liebe:

Sie war wie ein Angestellter, der seine Stelle liebt, nicht jedoch seine Arbeit, oder der…

Warum nicht „wie eine Angestellte, die…“? Talk like an Egyptian?

Bemerkenswert, dass der Unionsverlag seinen Übersetzer Fähndrich gleich auch als lobenden NZZ-Rezensenten zitiert. Interessante Doppelrolle.

Freie Assoziation:

  • Machfus‘ Das junge Kairo wie auch sein Roman Miramar beginnen sehr allgemein, dialogarm und langweilig. In beiden Romanen geht es erstaunlich weltlich und unheilig zu. Beide Romane zeigen zu Beginn auch vier Männer mit sehr unterschiedlichen Lebenseinstellungen – zu exemplarisch. Beide Romane versetzen einen kaum gedanklich nach Ägypten, nicht nur, weil Machfus immer wieder eiskaltes Wetter erwähnt.
  • Die teils betont frivolen, amoralischen Gedanken erinnerten mich an die Motivwelt aus Brechts Dreigroschenroman.

 


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