Romankritik: Das Haus Savage, von Jay McInerney (1997, engl. The Last of the Savages) – 8 Sterne – mit Pressestimmen

Will Savage ist Sohn reicher Grundbesitzer im US-Süden, liebt jedoch Bluesmusik, die Kultur der Afroamerikaner und wird Musikmanager. Ich-Erzähler Patrick Keane beschreibt Wills und sein eigenes Leben über 30 Jahre. Drei Viertel des Buchs behandeln die Jahre, in denen die Hauptfiguren etwa 18 bis 25 Jahre alt sind. Wir lernen viel über das Studieren in Yale und über das Leben in den Südstaaten. Aber weil es McInerney ist, kommt auch New York ausführlich zu Ehren.

Fazit:

Jay McInerney schreibt hochatmosphärisch, malt Situationen ohne ein Wort zuviel perfekt, die Dialoge sitzen. Die frühen Trips in den Süden und speziell in die Musikkneipen sind wie Kurzreisen (oder liegt es an meinem Faible für Hot Country Reading?).

Schrillitäten und Exzesse nach Art von McInerneys New York-Romanen wie Ein starker Abgang oder Letzter Schrei kommen erst gegen Ende und undramatisch. Kein Wortgeprotze, keine ultracoolen Einzeiler. Eher klingt McInerney hier wie ein leicht sedierter John Irving (der Ich-Erzähler ist ein betont nüchterner Jurist und Literaturfreund).

Wills Besessenheit mit schwarzer Musik in jungen Jahren und seine späteren Eskapaden erinnern momentweise an die Biografie des Plattenmanagers Ahmet Ertegun oder an die Biografien anderer Plattenmanager. Interessanter als die beiden Hauptakteure wirken zwei wichtige Nebendarsteller: Wills zynischer Redneck-Vater Cordell und Wills schwarze Frau Taleesha (kennt jemand das lebende Vorbild?).

Anklänge an Fitzgerald:

US-Kritiker verglichen das Haus Savage wie auch Letzter Schrei mit F. Scott Fitzgerald (Der große Gatsby): Wohl weil McInerney hier eine teils selbstherrliche Dynastie über mehrere Generationen beschreibt, wegen der Elite-Unis an der Ostküste und wegen New Yorks; in Das Haus Savage wie auch in Fitzgeralds Diesseits vom Paradies nimmt ein junger Mann die Schuld für das Vergehen eines anderen auf sich und in beiden Büchern gibt es Figuren namens Savage (sogar in den Biografien der beiden Autoren finden sich mehrere verblüffende Parallelen). Dennoch kam mir die allgemeine Fitzgerald-Parallele nie in den Sinn.

Weil hier ein New York-fixierter Autor über die Südstaaten schreibt, dachte ich auch an Tom Wolfe und seinen prächtigen Roman Ein ganzer Kerl/A Man in Full. Die Zeitschrift The Atlantic sieht bestürzende Parallelen zu Robert Penns Südstaatenroman All the King’s Men (dt. Das Spiel der Macht, Zitat unten).

Es gibt auch Parallelen zu McInerneys eigenen Büchern: So enthält die Kurzgeschichtensammlungen The Last Bachelor (2009) mehrere Stories, die zumindest teils in den Südstaaten spielen (dort in der Kurzgeschichte The Debutante’s Return blendet McInerney einmal 100 Jahre zurück, ganz wie im Haus Savage).

McInerney zitiert ausführlich schwarzes Englisch und Südstaatenenglisch. Das Pidgin schien mir atmosphärisch und echt, mitunter war mir unbehaglich dabei. (Ich habe das englische Original gelesen, The Last of the Savages, und kann die deutsche Übersetzung nicht beurteilen.)

Wenig Zeitgeschichte:

Das Haus Savage spielt ausführlich 1965, 1966, 1967, die zwei Protagonisten sind zu der Zeit an der Uni und zu Besuch um Memphis herum. Doch während McInerney den Ort stets sehr plastisch vor Augen führt, hört man von den Zeitumständen weniger: vom Vietnamkrieg kaum, von Woodstock nur kurz indirekt, von Drogen und Bewusstsein wenig. In den frühen Neunzigern erwähnt er das aufkommende Internet am Rand.

Rassenspannungen erscheinen erst ab Seite 100 in einem Einzelfall. Das King-Attentat in Wills Heimatstadt Memphis beansprucht nur zwei Seiten, obwohl Will vor allem mit Schwarzen zu tun hat – Otis Reddings Tod ist wichtiger. Es gibt ein paar sehr klischierte linksradikale Studenten und Black Panther, doch Geschichtschreibung will McInerney offenbar vermeiden.

Kleinere Bedenken:

  • Will Savage wirkt als 17jähriger zu klug und abgeklärt
  • momentweise schildert McInerney den Süden in der ersten Hälfte etwas angelesen reiseführerartig (McInerney entdeckte die Region selbst erst in Verbindung mit seiner dritten Ehefrau Helen Bransford, als sie für einige Jahre von New York nach Nashville zogen)
  • McInerney überfrachtet die Geschichte leicht mit Rückblenden in die Sklavenzeit, mit nach 100 Jahren wiederkehrenden Familientragödien sowie mit Andeutungen über ein dunkles Geheimnis des Ich-Erzählers
  • McInerney erzählt eine interessante Geschichte über interessante Leute gut, das Buch sollte darum länger sein

„Große Schaumschlägerei…“ – die Kritiker:

Profikritiker haben schwere Einwände: McInerney hat sich zuviel vorgenommen (FAZ), seine Sprache versagt (NYT, Atlantic), er orientiert sich zu stark und uneingestanden an einem anderen Buch (Atlantic).

Frankfurter Allgemeine:

Während der Leser im Verlauf der Handlung Sympathien für den unbedarften Patrick entwickelt, ihn gerne begleitet auf den Wegen seines lauen Lebens, ist die Figur des Musikmoguls Will überzeichnet. Die Suche nach Gleichheit und Gerechtigkeit, die McInerney im Schlußabsatz seines Buches als Anliegen deklariert, mag man diesem Millionär nicht glauben… die Vielzahl der Personen, die sich überschlagenden Autos und Ereignisse entgleiten der Kontrolle des Autors. Er hat zuviel gewollt, und das angekündigte Epos der jüngsten amerikanischen Geschichte entpuppt sich als große Schaumschlägerei.

  • Goodreads: 3,66 von 5 Lesersternen (1032 Stimmen)
  • Amazon.com: 3,8 von 5 Lesersternen (40 Kommentare, jeweils August 2015)

New York Times (mit einem akribisch belegten Verriss):

A novel about the confrontation with a frontier: a demonstration of a writer coming up against his limitations. In the end it is less the work itself that compels admiration than the author’s willingness to extend himself beyond his undoubted strengths…

The Atlantic (mit einem genau belegten Plagiatsvorwurf):

It contains such an uncanny series of likenesses to Robert Penn Warren’s Pulitzer Prize-winning novel (1946) ((All the King’s Men))… Plot details in the two books seem scripted by parallel minds… Hollywood could not have dreamed up a coincidence more improbable than the one that introduces subplots in both books in the form of Civil War-era diaries and letters used by the respective narrators as the centerpiece of a university history thesis… McInerney has a reputation as a stylist, but in Savages his prose has all the sparkle of a parking ticket… Some of the dialogue sags under the weight of generic exposition.

Publishers Weekly:

Affirming and wise… With the humanity of an older man, yet with an accuracy that trips nerves long left for dead

People:

Competent and fun to read… visits F. Scott Fitzgerald territory… McInerney skillfully draws two poignant portraits in this novel… McInerney’s reputation may never again be as bright and big as it was when he first started, but as he convincingly demonstrates here, he is an accomplished writer

New York Review of Books:

It is very hard to think of a novelist like Jay McInerney without also thinking of Scott Fitzgerald (about whom McInerney wrote admiringly in these pages)

Bookslut (in einer Übersicht über Rock-Romane):

Publishers Weekly called it „affirming and wise“, but Salon’s Stephanie Zacharek disagrees: „McInerney’s understanding of the blues as an art form goes about as deep as two fingers of cheap scotch, and it’s borderline racist to boot.“

McInerneys Roman erscheint ohne Beurteilung auch in den Musikroman-Listen von Relix und The Rock of Pages.

Entertainment Weekly:

McInerney is trying to do a lot in The Last of the Savages — he also finds room for musings about interracial marriages, the Civil War, repressed homosexuality, and the blues — and yet, for all his wrong turns and waltzes with cliches, it just about works. He has always been an elegant and witty writer, but here, the fluidity and comic grace of his prose is all in the service of storytelling rather than of show-offiness

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