Romankritik: Bilder deiner großen Liebe, von Wolfgang Herrndorf (2014) – 6 Sterne

Ein halbwüchsiges Mädchen büchst aus der Anstalt aus, schlägt sich tage- und wochenlang durch die Büsche – das klingt wie, das ist wohl die Vorgeschichte zu Wolfgang Herrndorfs Erfolgsroman Tschick. Und zwar nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich: In Bilder deiner großen Liebe beweist Herrndorf (1965 – 2013) wieder seine markante, unaufdringliche und anziehende Erzählstimme mit ungewöhnlichen Einfällen.

Doch ausgerechnet Deutschlands bester Dichter seiner Generation starb viel zu früh. Er konnte Bilder deiner großen Liebe nicht mehr fertig stellen. Das Romanende fehlt, es gibt Handlungslücken, Widersprüche und Stichwortsammlungen zwischendurch. Die Herausgeber Marcus Gärtner und Kathrin Passig haben laut Nachwort ein wenig redigiert, Überleitungen eingefügt und zwei Personen zu einer verschmolzen. Auf Kennzeichnung ihrer Eingriffe und Wiedergabe gestrichener Passagen verzichten sie – kein „Germanistenscheiß“, lautete die Vorgabe bei Besprechungen mit dem schwerkranken Autor.

Ein unfertiger, lückenhafter Roman mit teils unklarer Urheberschaft; so etwas lese ich normalerweise nicht, ich bin ja kein Germanist. Ein mittelalter schwerkranker Autor kreiert eine weibliche jugendliche Hauptfigur mit teils sexuellen Regungen (und wird dabei tatsächlich einmal peinlich); so etwas lese ich normalerweise auch nicht. Nur wenn’s von Wolfgang Herrndorf ist, lese ich es doch, überwiegend mit Genuss. Es gibt gleichwohl ein paar überflüssige fies vulgäre Stellen. Das deutsche Feuilleton liebte den Roman.

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