Rezension: Aprilwetter, von Thommie Bayer (Roman 2009) – 7 Sterne – mit Video


In typischer Manier zappt Thommie Bayer mit kurzen, wechselnden Abschnitten zwischen mehreren Zeitebenen, hier mischt er über eine längere Buchstrecke sogar drei Zeitebenen: der erste Aufenthalt in der Kleinstadt, die USA-Phase, die Rückkehr in die Kleinstadt. Nach kurzer Eingewöhnung lassen sich die unterschiedlichen Phasen leicht auseinanderhalten. Nach Thommie-Bayer-Manier gehört auch origineller Sex dazu, hier ein autoerotischer Dreier und mehrere Freiluftbegegnungen, teils im Regen.

Trotz einiger Fantasie auch hier überdreht die Handlung weniger als etwa in Bayers Romanen Die gefährliche Frau oder Der langsame Tanz. Der Buchtitel Aprilwetter erscheint im Roman nur einmal flüchtig und mit wenig Bedeutung. Die Geschichte wirkt etwas seicht, aber gut konstruiert, und sie hat mein Interesse jederzeit gehalten.

Im Mittelpunkt stehen zwei zunächst junge deutsche Gitarristen, deren mittel-erfolgreiche Aufnahmen wohl wie John Abercrombie, Ralph Towner oder Joni Mitchell in ihrer jazzigen Phase klingen (Bayer nennt im Interview Kolbe/Illenberger als Vorbilder.). Doch wie so oft bleibt Thommie Bayer diffus und wir erfahren wenig über den Charakter der Musik oder über Aussehen und Charakter der Hauptfiguren: Beide begehren dieselbe Frau; doch warum die sich für den einen und gegen den anderen entscheidet, bleibt gänzlich unverständlich, denn Bayer beschreibt die Akteure schwammig oder gar nicht. Nichts würde man als typisch für nur einen der Darsteller bezeichnen. (Das Motiv „Mehrere Bandmitglieder begehren ein und dieselbe Frau und ein Musiker begehrt jahrelang ein und dieselbe Frau aus der Ferne“ kehrt in Vier Arten, die Liebe zu vergessen und in Die kurzen und die langen Jahre wieder.)

Typisch Bayer jedoch, er kredenzt Cappuccino, Rotwein, Musik und italienische Speisen. Diesmal nicht nur als Lebensstil-Accessoirs, sondern auch, weil die Hauptfiguren als Musiker und zeitweise als Cafébetreiber arbeiten. Vor allem ins Musikbusiness liefert Ex-Musiker Bayer mild interessante Einblicke.

Im US-Teil spielt überraschend Country-Musik eine Rolle, samt dem Song Tennessee Waltz. Im Video unten liest Thommie Bayer aus Aprilwetter, dann erklingt der Tennessee-Waltz.

Freie Assoziation:

Ein Gitarrist kehrt aus der Fremde in deutsche Lande zurück und reaktiviert Beziehungen zur lokalen Damenwelt – das gibt’s auch in Jan Christophersens Roman Echo.

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