Romankritik: Altes Land, von Dörte Hansen (2015) – 7 Sterne

Fazit:

Der leicht lesbare Roman schnurrt zunächst gut dahin, bringt eigenwillige, aber nicht zu unrealistische Figuren, interessante Einblicke aus vielen Jahrzehnten sowie unterhaltsame Dialoge oder Einzeiler auf Plattdeutsch. Dörte Hansen wechselt jedoch regelmäßig zwischen zwei und mehr Zeitebenen, vor allem in den ersten zwei Buchfünfteln, so dass mir die Übersicht abhanden kam.

Dörte Hansens Spott über Stadthipster und Landlust-Leser, die sich dem Salz der Erde anbiedern, klingt im Roman zu wohlfeil und zu ausführlich. Kapitel 14, Apfeldiplom, enthält gar auf zehn Seiten nur das Räsonnieren des Bauern Dirk zum Felde über die Zugereisten – ohne Handlungsfortschritt. Später kommt das Gegenkapitel mit viel Räsonnieren eines Zugereisten über die Ureinwohner.

Der Gegensatz zu den wortkargen Landeiern gerät aufdringlich, am Ende rührselig. Indigene Altländer sind stets harte Schale, windelweicher Kern, das langweilt bald ebenso wie der ewige Kontrast taffe  Frauen / lasche Männer. Auch die Jammertäler einsamer Witwer und Ostgeflohener malt Hansen zu breit aus.

Asphaltkaffeepfütze:

Die Journalistin und promovierte Linguistin Dörte Hansen schreibt vor allem in der ersten Hälfte überwiegend strammes, knappes Deutsch, das sich gut liest und durch einiges Plattdeutsch in der wörtlichen Rede unterhält – klar besser als DIN-Lit aus Leipzig/Hildesheim. Bei Passagen, die in den 2010er-Jahren spielen, schreibt Hansen die Stimme der allwissenden, einfühlenden Erzählerin (also nicht die wörtliche Rede) zu flach umgangssprachlich („weil diese ganze Pressspankacke ihn so ankotzte“, S. 55, „Ihr war es scheißegal“, S. 149, „es nervte aber auch wie Sau“, S. 257).

Ebenso stören mich Bilder, die nicht ganz funktionieren. So etwa über junge Mütter (S. 69):

Sie schoben ihre Kinderwagen wie Kofferkulis, als wären sie Reisende auf einem Flughafen, die dringend ihre Gates erreichen müssen, um nicht die Anschlussflüge zu verpassen.

Wer zu einem *Anschluss*flug will, hat oft keinen Kofferkuli dabei, denn das Gepäck wurde schon beim ersten Flug ein- und bis zum Zielort durchgecheckt; man trägt also auf dem Gehweg im Transitbereich, zwischen Erst- und Anschlussflug, nur das Handgepäck, wohl ohne Kofferkuli (wenn’s den in der Transitzone überhaupt gibt). (Szenarien, bei denen das Bild funktioniert, sind denkbar, liegen aber weniger nah.)

Oder hier, über Veras Kaffee (S. 83):

…als käme er aus einer Asphaltiermaschine. Wie Teer stand er in den Tassen, die Oberfläche schillernd wie Benzinpfützen.

Asphalt und Teer gehören meines Erachtens nicht (so eng) zusammen, Benzinpfützen kommen auch nicht aus Asphaltiermaschinen. (Natürlich kann man auch sagen, dass Hansen hier zwei oder drei separate, unverbundene Bilder bringt (Kaffee sei wie Asphalt *oder* wie Teer *oder* wie Benzinpfützen), aber das liegt nicht so nah und ist unrund.)

Befremdlich auch: Der Romanfigur-Name Dirk zum Felde für einen Bauern. Das klingt so anbiedernd wie in Hera Linds Weibernest-Roman Johannes Wohlscheitel für einen adretten Braven und Frau Dr. Kaltwasser für eine kühle Kalte. Peilte Dörte Hansen dieses Niveau an?

Unstimmig zudem (jetzt eine inhaltliche Detailkritik): Ein Medienprofi im Roman wundert sich, dass er Portraitfotos nicht ohne Absprache veröffentlichen darf. Sehr unrealistisch, das weiß doch jeder, laut Handlung wissen das sogar die ansonsten dümmlichen Portraitierten.

Muss man das Buch wirklich mit Zeitsprüngen so unübersichtlich zerhacken? Ich suchte eine brauchbare Inhaltsangabe und staunte, dass dieser bestsellende Erstromanling (engl. Titel This House Is Mine) keinen eigenen Wikipedia-Artikel hat (Stand Juli 2020). Eine (zu lange) Zusammenfassung fand ich bei Dieter Wunderlich, geschrieben in der tatsächlichen Chronologie und damit nicht in der Handlungsanordnung der Autorin.

Und die ganze Vogelschar:

Das Titelbild meiner Ausgabe vereint Kirsche, Pinguin und Star; die Kongregation erklärt, warum der Verlag ein „random house“ ist. Überhaupt, meine ganz persönliche 2018er-TB-Ausgabe des Riesenbestsellers Altes Land ist laut Aufkleber nicht nur eine „LIMITED EDITION“ (und das auf Deutsch), sie enthält auch einen „EXKLUSIVEN BRIEF DER AUTORIN“ (Versalien wie vorgefunden). Solch ein Edelstück liest man stolzgeschwellt, denn es erhebt den Rezipienten über popelige Literaturnormalendverbraucher mit ihren wert-, weil exklusivbrieflosen unlimited editions.

Titelseite und Rückseite meiner LIMITED EDITION lassen sich ausklappen, doch daraus macht der Verlag nichts: Auf der vorderen Ausklappdoppelinnenseite sähe man gern Familienaufstellung, Organigramm und/oder Zeitleiste (wie in anderen personalreichen Romanen auch) – stattdessen gibt es dort ein riesiges, gelacktes PR-Farbfoto der Autorin, so gar nicht von Isolde Ohlbaum. Auf der hinteren Ausklappdoppelinnenseite wird’s nicht besser: dort erscheinen nur banale Sätze der Autorin („Äpfel oder Kirschen? Beides gern!“)

2019 verfilmte die UFA fürs ZDF den Roman mit Iris Bourbon, bis Juli 2020 lief er jedoch nach meiner Übersicht nicht öffentlich.

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