Romankritik Inder auf Trinidad: Ein Haus für Mr. Biswas, von V.S. Naipaul (1961) – 8 Sterne

Mr. Biswas ist ein armer Tropf:

Ein Indischstämmiger auf Trinidad in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, meist knapp bei Kasse, er schlägt sich so durch: Mal hilft er einem Prediger, mal verdingt er sich als Schildermaler, beaufsichtigt Feldarbeiter, schreibt Schmierenartikel oder führt einen Kramladen und lässt alle anschreiben.

Irgendwie kommt Mr. Biswas zu einer Frau und einer ganzen Kinderschar, aber das passiert eher zufällig. Sein erstes Haus vergammelt vor der Fertigstellung, dann brennt es auch noch ab. Will er tatsächlich mal Laub verbrennen, springt das Feuer nicht an – doch in der Nacht geht der ganze Hang in Flammen auf.

Die Verwandtschaft plagt und verspottet ihn. Seine Grundstimmung ist melancholisch, sein gelegentlicher Zorn lächerlich.

Das Buch wirkt lakonisch ironisch und entschieden unglamourös:

Trinidads Karibikstrände bleiben lange unsichtbar in V.S. Naipauls meisterlichem Roman „Ein Haus für Mr. Biswas“ (engl. „A House for Mr. Biswas“). Der Hafen debütiert auf Seite 385, auf Seite 415 gibt es mal ein Bad im Meer – im schlammigen Hafenbecken, und natürlich fast mit tragischem Ende; erst auf Seite 620 – Mr. Biswas geht es materiell geringfügig besser – folgt ein richtiger Strandausflug, der jedoch von seiner Chefin gesponsert ist.

Viel hört man dagegen von moskitoverseuchten Sümpfen, staubigen Straßen, dreckigen Lehmfußböden, fettigem Essen, lästigen Flugameisen, überfüllten Bussen, hochnäsigen Nachbarn, anstrengenden Verwandten und unbequem weit entfernten Latrinen. Man riecht, hört, schmeckt das Leben armer Inder auf Trinidad, schwitzt in der Hitze, flüchtet vor den monströsen Schlagregen, rümpft die Nase über einen Haushof voller Ziegendreck.

So plastisch schreibt Naipaul. Schön auch, wie er Nebenaspekte aus viel früheren Kapiteln hier und da wieder aufgreift und fortwebt; so bekommt die Erzählung Glaubwürdigkeit und Authentizität.

Treffen der Religionen und Hautfarben:

In „Mr. Biswas“ treffen gläubige Hindus, weniger gläubige Hindus, Christen und gelegentlich Moslems aufeinander, und das in drei Grundhautfarben plus Mischungen. Viele Protagonisten stammen ursprünglich nicht vom Schauplatz Trinidad.

Der tropische Multikulti-Mix, die unmittelbare, halb-dokumentarische Lebensechtheit, der heiter gezeichnete Kampf um ein besseres Leben und die sympathisierende Erzählhaltung rufen nach einer Verfilmung durch die jüngere Mira Nair (aber V.S. Naipaul gewährt ja kaum Filmrechte, außer beim „Mystischen Masseur“). Ich konnte das Buch über 730 Seiten hin kaum weglegen, obwohl nicht sonderlich viel passiert und das Ende aus dem Prolog bekannt ist.

Naipaul verarbeitet lose seine eigene Jugend auf Trinidad:

Mr. Biswas trägt Züge von Naipauls Vater Seepersad Naipaul; Anand aus dem Roman erinnert an V.S. Naipaul selbst. Doch wichtige Momente, Demütigungen und Hindu-Kult aus dem tatsächlichen Leben fehlen im Roman, der dafür heiterer und leichter genießbar daherkommt.

Ich habe auch „Briefe zwischen Vater und Sohn“ gelesen, also zwischen dem in Oxford studierenden V.S. Naipaul und seinem Vater in Trinidad, wieder vorzüglich übersetzt: die Ereignisse und Persönlichkeiten zeigen Parallelen, aber auch viele Unterschiede zum Romangeschehen.

Verblüffend aber, dass Vater Naipaul – selbst neben dem Zeitungsjob Dichter und Denker – seinem Sohn vorschlägt, doch den Vater zum Mittelpunkt eines heiteren Romans zu machen. Eine alternative Version der „Biswas“-Handlung liefert überdies der Roman „Fireflies“ des jüngeren Bruders Shiva Naipaul. Die „Wahrheit“ schildert sehr lesbar die Naipaul-Biografie „The World Is what It is“ von Patrick French.

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Formal überzeugt „Mr. Biswas“:

Der Fokus liegt mal auf Mr. Biswas, dann auf seinem Sohn Anand oder aber Naipaul schildert die Geschehnisse in der angeheirateten Großfamilie. Mal werden Abläufe nur kursorisch geschildert, dann wieder blickt der Autor ganz genau hin. Am besten gefallen mir die Dialoge.

Allerdings: nicht ganz verstehe ich den Prolog (den ich nach Ende der Lektüre noch einmal gelesen habe, schon weil ich mich von „Mr. Biswas“ nicht losreißen konnte). Der Prolog wiederholt teils wörtlich Sätze des Buchendes. Im Prolog bekommen unwichtige Nebendarsteller einigen Raum, so dass man sie exponiert auch in der Gesamthandlung erwartet – dort spielen sie jedoch keine Rolle. So oder so verdient „Mr. Biswas“ aber fünf strahlende Sterne.

Sabine Roth hat ordentlich übersetzt:

Ich hatte auch einen englischen „Mr. Biswas“ daliegen und habe öfter verglichen – nicht, weil mir Roths Eindeutschung nicht behagte, sondern aus reinem Interesse, vor welchen Herausforderungen sie stand. Klar wurde bei meinen Stichproben, dass Roth recht frei übersetzt und teils fast eher nacherzählt als übersetzt.

Aber nur so entsteht auch schlüssiges, glaubhaftes Deutsch, das mehr ist als ein englisches Skelett in deutscher Kutte. Wer aber ganz nah an Naipaul sein will, muss wohl das englische Original lesen. Allerdings reden die meisten Inder im englischen Original fast schon Pidgin-Englisch, lassen Hilfsverben, Plural- und Imperfektendungen weg.

Von dieser Sprachverflachung zeigt die deutsche Übersetzung mit ihrem schlichten Normalsprech nichts. Vermutlich ist das auch besser so, vermutlich hätte jedes Pidgin-Deutsch, jeder Akzent nur falsch gewirkt. Naipauls „Mystischem Masseur“ wurde dagegen mit Dialekt übersetzt, das wirkt äußerst unrund.

Dialoge mit subtilen Obertönen:

Die knappen, aber gesalzenen Wortwechsel zwischen Mister Biswas und seiner Frau klingen vordergründig giftig. Beim zweiten Lesen auch noch. Nur ganz in den Obertönen schwingen Zuneigung und ein Ohne-dich-geht’s-auch-nicht mit – da gefällt mir die Übersetzung sehr. Allerdings:

In der englischen Fassung reden sich die Leute öfter mit „man“ an, unter anderem sagt auch Shama zu ihrem Mister Biswas häufig „man“. Das war wohl üblich in Trinidad, es erscheint in allen Romanen aus der Zeit. Sabine Roth übersetzt das ganz wörtlich mit „Mann“ – es klingt aber im Deutschen bei den Sätzen der Frau wie ein zorniger Ausruf; so war es im Englischen wohl weniger gemeint.

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