Roman + Film: Heiße Küste / The Sea Wall / Un barrage contre le pacifique, von Marguerite Duras (1950, 2008) – 7 Sterne – mit 2 Videos

Marguerite Duras verarbeitet im Roman Heiße Küste ihre eigene, ärmliche Kindheit im Indochina der 1920/1930er Jahre, offenbar in Prey Nob, Kambodscha, zwischen Kampot und Sihanoukville (der Ort auf Google Maps). Sie schildert eine verlotterte Kleinfamilie in öder Einsamkeit, deren landwirtschaftliche Pläne längst scheiterten.

Rohheit, Opportunismus, Willkür:

Das Buch ist voll Rohheit, Opportunismus (bis hin zu Diebstahl und Prostitution), Gleichgültigkeit und Willkür. Alle sind käuflich oder verkaufen andere, Weiße und Khmers, vor allem die Frauen handeln mit sich selbst.

Marguerite Duras erzählt das gelangweilt, desinteressiert, wie erdrückt von der Hitze. Jede Niedertracht der Akteure kommt beiläufig. Manchmal scheint ihr Umgang mit dem Leser genauso unwirsch wie der Ton der Akteure untereinander, weil man bestimmte Sätze kaum versteht oder weil die Autorin völlig Unerwartetes so nebenher einwirft.

Büffel und Amsel:

Doch stets bleibt eine morbide Faszination mit diesem glücklosen, freudlosen Trio unter flirrender Sonne. Die maulfaulen Dialoge sitzen.

Und Duras bringt viele stimmige Details. Ein Beispiel: Der reiche Herr Jo fährt per Nobelkarrosse zur jungen Suzanne in die staubige Einöde und schlägt einen Kinobesuch in der Stadt vor:

Suzanne, die barfuß war, versuchte, Grashalme mit den Zehen zu pflücken. Auf der Böschung ihr gegenüber weidete gemächlich ein Büffel, und auf seinem Rücken saß eine Amsel, die sich an seinen Flöhen delektierte. Das war das einzige Kino in der Ebene.

Perspektive mit Schwächen:

Marguerite Duras erzählt eher aus der Perspektive Suzannes, sicher ein Alter Ego der Autorin, ohne diese Sicht aber eindeutig zu machen. Und Duras hält das nicht konsequent durch.

Eine Episode ohne Suzanne muss ihr ihr Bruder Joseph über viele Seiten hin erzählen, ohne Unterbrechung, ohne Dialog, ohne viele Absätze – sehr unrund. Dann erscheint noch ein seitenlanger, fast wirrer Brief der Mutter an die Landbehörde.

Und weit gegen Ende erzählt die Autorin eine Begegnung, die den anderen Ereignissen vorausging und diese nachträglich in ein neues Licht taucht. Solch ein Hinterm-Berg-Halten-und-dann-erst-Hervorkramen ist ein allzu billiger Trick.

Große Raketts:

Die Übersetzung irritierte mich immer wieder. Ein paar Beispiele: Das kranke Pferd „hatte das verschlossene Aussehen eines Dings“; „kondensierte Milch“ (warum nicht Kondensmilch); Füße wie „große Raketts“; die Asiaten stets „Eingeborene“; „ihre Bewegung runzelte die Oberfläche des Wassers“ (warum nicht kräuselte); „Lippenrot“ für Lippenstift; „gut gewachsen“ (i.S.v. gut gebaut, attraktiver Körper); „der nicht atembare Brodem einer dichten Nacht“.

Ich hatte das Buch als Suhrkamp-Hardcover, „erste Auflage 1987“, Übersetzer Georg Goyert, „die erstmals 1952 in München erschienene Übersetzung wurde für diese Neuausgabe durchgesehen“  (frz. Titel Un barrage contre le Pacifique, engl. The Sea Wall).

Freie Assoziation zum Buch:

  • Sicher gibt’s große Parallelen zu Marguerite Duras‘ Büchern Der Liebhaber und Der Liebhaber aus Nordchina. Der Begriff „der Liebhaber“ erscheint auch in „Heiße Küste“. (In „Heiße Küste“ ist der Liebhaber jedoch mutmaßlich weiß.)
  • Eine Geschichte aus dem globalen Süden, doch alle Hauptfiguren schneeweiß – na, das gibt’s ohne Ende, sehr auffällig bei Graham Greene und Somerset Maugham. Doch bei Duras sind es arme Weiße, die sich nichts leisten können: ein Riesenunterschied und ein Szenario, das man abgemildert bei Joseph Conrad trifft.
  • Ein Plattenspieler mit westlicher Musik im fernen Tropenheim, das erinnert an die Äquatorromanze Jenseits von Afrika.

Verfilmungen:

Die Geschichte wurde 1957 von René Clément mit Anthony Perkins und Silvana Mangano verfilmt (This Angry Age, engl. Zumfilmwiki) und 2008 von Rithy Panh mit Isabelle Huppert.

Der 2008er-Film  (frz. Zumfilmwiki, engl. Zumfilmwiki) hat viele edle Bilder von kambodschanischer Landwirtschaft mit schön choreografierten Bewegungen und horizontalen Kameraschwenks sowie etwas unaufdringliche Musik. Wie so oft bei historischen Stücken wirkten die Darsteller auf mich zu ästhetisch, zu gut rasiert, die Hemden zu weiß, die Röcke zu vintage, das leinennaturweiße Kolonialambiente zu wohlig nostalgisch.

Die betont elegische Isabelle Huppert und der aufdringlich machohafte Gaspard Ulliel dominieren. Die Figuren wirken eher noch willkürlicher als im Buch, weil Rithy Panh die Handlung kürzte und die mentalen Probleme der Mutter (Huppert) betont. Wenn man die stets verächtliche und unberechenbare Suzanne nicht nur liest, sondern auch sieht und hört, versteht man noch weniger, warum Monsieur Jo sie so lange anschmachtet – zumal Suzannes Bruder und Mutter weitere Tiefschläge austeilen.

Aus dem reichen, vermutlich weißen Monsieur Jo des Buchs macht Panh im Film einen Chinesen, der hier nicht nur nach Suzanne, sondern auch nach Land greift. Die Großstadt Saigon fällt weg. Zudem baut Panh schwer erträgliche Szenen kolonialer Grausamkeit ein, die im Buch nicht vorkommen. Im Film wird eine Krabbe zertreten, ein Pferd bricht zusammen – ein Tierschutzhinweis im Abspann fiel mir nicht auf.

Meine DVD The Sea Wall hat nur französischen Ton, nur englische Untertitel und ein passables Bild. Im kurzen Interview auf der DVD betont Rithy Panh, dass es ihm um Kolonialismus-Kritik ging, weniger um die Gruppendynamik der Kleinfamilie. Die Untertitel in den französischen Interviews machen aus „the dam“ (der Damm) mindestens dreimal „damn“.

Assoziationen zum Film:

  • Es gibt einige Parallelen zu Rithy Panhs Kambodscha-Spielfilm Das Reisfeld/Les gens de la riziere/Rice People (1994), auch wenn der erkennbar mit kleinerem Budget entstand: Beide Filme zeigen kambodschanische Provinz und brutale Beherrscher (im Reisfeld die Khmers Rouges), beide verwenden eine Romanvorlage.
  • Indem Monsieur Jo zum Asiaten wird und die 16jährige, weiße Suzanne begehrt – ein Duras-Alter-Ego -, rückt Panhs Film motivisch in die Nähe der weitaus schwüleren Duras-Verfilmung Der Liebhaber (1992).
  • Junges begehrenswertes (halb-)weißes Mädchen lebt mit ärmeren Erziehungsberechtigten in Südostasien, das zeigt auch die Joseph-Conrad-Verfilmung La folie Almayer bzw. Almayer’s Folly (2011, Regie Chantal Akerman).
  • Der schöne, luftige Holzbungalow und die horizontalen Kamerafahrten erinnerten mich an den Vietnam-Film Der Duft der grünen Papaya, der jedoch deutlich nach Studio aussieht, während Panhs Film augenscheinlich „on location“ entstand, ein Vorteil aller seiner Filme.

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