Roman: Ein halbes Leben – Half a Life, von V.S. Naipaul (2001) – 6 Sterne

In mehreren Punkten enttäuscht dieser etwas halbherzige Roman:

  • Humor: Rezensenten rühmten Half a Life als witzigsten Roman von V.S. Naipaul. Ich selbst fand seine vier frühen Trinidad-Romane (Mr. Biswas, Mystischer Masseur, Wahlkampf auf karibisch, Miguel Street) ebenso deutlich witziger wie auch Mr. Stone and the Knights‘ Companion oder einige Kurzgeschichten, etwa The Night Watchman’s Occurrence Book.
  • Qualität: Allgemein viel besser als Ein halbes Leben ist auch Naipauls An der Biegung des großen Flusses – die Afrikateile von Ein halbes Leben reichen bei weitem nicht an Biegung des großen Flusses heran.
  • Wiederholung: Wer andere mittlere und späte Naipaul-Romane wie An der Biegung des Flusses kennt, findet Pufftouren und Rabiatsex mit verheirateten Frauen nicht mehr so spannend. Abgesehen davon, dass der ganze Roman wieder nur aus Menschen besteht, die auf die eine oder andere Art entwurzelt sind.
  • Sammelsurium der Orte: Half a Life zerfällt in sehr disparate Teile: die Vorgeschichte in Indien, die Jugend in Indien, die Studentenzeit in London, dann Mosambik und am Ende Berlin und das nicht ganz chronologisch, sondern mit Rückblenden erzählt. Die einzelnen Teile – vor allem London und Afrika – haben hohe atmosphärische Dichte; doch sie sind zu kurz, um den Leser richtig aufzunehmen. Der Mosambikteil am Ende hat mich aber so fasziniert, dass ich nicht mehr unter sechs Sterne komme.
  • Sammelsurium der Begegnungen: Naipaul reiht offensichtlich Erlebnisse und Bekanntschaften aneinander, die kaum zusammengehören, so dass selbst die Szenen innerhalb eines Orts schlecht harmonieren. Die verschiedenen Portraits hätte man fast lieber als separate Artikel gelesen, im Roman wirken sie zu willkürlich, als ob der Autor eine bestimmte Buchlänge erreichen wollte.

Aber diese Punkte versöhnten mich wieder mit dem Roman, jedenfalls fast:

  • Schreibkunst: Half a Life zeigt wieder hohe Schreibkunst („English beautifully controlled“, hieß es in einer Rezension).
  • Details: Naipaul beobachtet seine Umwelt genau und schreibt haarsträubend präzise.
  • Sprachspiele: Der dünne Roman hat besondere Momente, wenn der junge Willie Somerset Chandran Geschichten erfindet und mit Satzbau experimentiert – meisterliche Vignetten eines Sprachconnaisseurs, dessen Sätze man bewusst genießt wie alten Cognac. Ein Rezensent bezeichnete Half a Life als Reihung exzellenter Vignetten und „a string of gemlike snapshots“.

Naipauls Jugenderinnerungen aus London flossen ein:

Im London-Teil verwendete Naipaul offenbar seine eigenen, ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Erfahrungen als Neuankömmling im Zentrum des Commonwealth und als junger BBC-Mitarbeiter. Für seine Verhältnisse schildert Naipaul diesmal junge Leute als relativ eigenständige Gruppe, auch wenn die Gefühlsseite wie üblich fade herüberkommt.

Die Fortsetzung von Half A Life, Magic Seeds (2004), kenne ich nicht. Sie bekommt allgemein schlechtere Kritiken.

Der Roman bekommt Kollegenschelte:

Ein paar Jahre vor Ein halbes Leben hatte Naipaul die Romanform noch allgemein für tot erklärt. Dann kursierten Gerüchte, sein Verleger habe ihn zu einem Roman gezwungen – danach erschien 2001 der Roman-Verhau Ein halbes Leben.

So jedenfalls die Darstellung des dauer-eifersüchtigen Naipaul-Beobachters Paul Theroux, der Half a Life auf guardian.co.uk verriss:

„The novel ends nowhere. It is about nothing, just an assortment of Naipaul situations and remarks. Anyone who does not know his work will find it clumsy, unbelievable, badly written, wilful and weird.“

Weitere Kollegenschelte gibt’s von J.M. Coetzee auf nybooks.com.

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