Rolling-Stones-Doku: Shine a Light (2008) – 6 Sterne

Die Großmeister des Stadionrocks spielen hier in einem schnuckeligen, historischen Sälchen, das keine 3000 Zuschauer fasst und mal sakral, mal wie eine Klosterbibliothek oder ein Kuschelpub anmutet. Dabei wirkt jedes Lächeln, jedes Schulterklopfen auf der Bühne einstudiert (außer bei Bühnengast Buddy Guy).

Keine Doku, eher ein Musiktheaterfilm:

Der Auftritt erscheint so echt wie die schwarzen Haare der Rockopas auf der Bühne – Perücke oder gefärbt?; so inszeniert und unrealistisch, dass man nicht von einer Doku sprechen möchte. Kein „Konzertmitschnitt“: Shine a Light (aufgezeichnet 2006, erschienen 2008) ist eher ein Theaterfilm mit musikalischen Hauptdarstellern, festgehalten von den besten Kameramännern der Branche mit Riesenaufwand.

Auch der Sound klingt nicht realistisch für einen Konzertfilm: Er ist viel zu gut. Jaggers Stimme, Richards‘ Soli kommen so glasklar heraus, dass man teils an eine Studioaufnahme denkt. Erleben die Besucher eines Stadionkonzerts je so einen gut aufgelösten Ton? Nebenbei: mir gefallen die Arrangements mit Hula-Chor und Blechbläsern gut, ich hätte die Hintergrundtruppe gern noch aktiver gehört/gesehen. Und wer asiatische Musikfilme gewohnt ist, würde auch gern die Texte auf dem Schirm sehen; aber nicht mal die Songtitel bekommt man.

Das gibt es auch nicht alle Tage, dass der Regisseur eine wichtige Rolle im Film spielt (und nicht nur kurz auftaucht). Martin Scorsese aber, neben allen Filmverdiensten auch Rockarchäologe, spielt sich in den ersten zehn Minuten immer wieder selbst als Konzertfilmregisseur und diskutiert Aufnahmedetails; angeblich lassen ihn die Musiker über die Songfolge im Dunkeln.

Dann folgen unrund montierte Szenen:

  1. Über Minuten hin wird die Spannung vorm ersten Konzert aufgebaut, u.a. mit einer Ansage von Bill Clinton.
  2. Anschließend sagt ein Sprecher, „Willkommen zum zweiten und letzten Konzert im Beacon-Theater“. Nicht das erste Konzert? Langweilig.

Und kurz darauf:

  1. Aufregung im Regieraum, das Konzert beginnt gleich.
  2. Ron Wood läuft Gitarre spielend über die Bühne aufs Publikum zu – es geht los!
  3. Jetzt erst sieht man den Vorhang hochfahren; das hätte doch vor Ron Wood passieren müssen.

Abrupte Unterbrechungen:

Man hatte sich an Scorsese und das Filmteam gewöhnt, doch nach dem ersten Song kehren sie nicht mehr zurück. Stattdessen streut Scorsese mehrfach historische Interviews der Stones als milchbärtige Jungstars ein – inhaltsleer, ohne Zeit- oder Ortsangaben.

Wenn man das nächste historische Intermezzo dieser Art erwartet, unterbricht Scorsese sogar einen Song aus der Haupthandlung, um darüber nun ein 1999er-Interview mit Richards und Woods zu klinken. Erst am Ende gönnt er sich noch einen kurzen Auftritt. Insgesamt wirken diese Szenenwechsel ungeordnet.

Viel Einblick ins Musikgeschäft gibt es nicht. Man sieht keine Proben, nur belanglose Gesprächsfetzen zur Konzertplanung, und bei all den Nahaufnahmen fehlt weitgehend der Gesamtblick auf die Bühne – also die übliche Zuschauerperspektive, das Großeganze.

Kamerarbeit mit Stärken und Nachteilen:

Weil die Kamereinstellung natürlich laufend (für mich viel zu oft) wechselt, kann man einzelnen Musikern nicht in Ruhe zusehen, außer Jagger beim Hampeln. Gitarristen würden Richards und Woods sicher gern auf die Finger schauen – doch die Nahaufnahmen zeigen die Gitarrenhälse meist von hinten, die Handarbeit bleibt verdeckt.

Wer nur Starkult will, wird sich für die Kameraarbeit begeistern, laufend die Ledergesichter in Groß, mit rasanten Schwenks und Kamerafahrten, wie man sie so präzise und nah sonst nicht von Konzertfilmen kennt. Jagger ist unglaublich gut in Form, er wirkt weitaus agiler und begeisterter als die gutgeföhnten jungen Damen im Publikum; beim Filmen war er 63.

Eine Doku wie eine Reklame:

Insgesamt bleibt ein Befremden: diese alten Herren, teils auf jung gefärbt/geschminkt, Jagger mit seinen unwürdigen Manierismen, spielen rohen Rock in einem historischen Saal, den Jungbanker und die Clintons füllen. So ganz harmoniert das alles nicht.

Shine a Light erhielt vor allem gute Kritiken. Ich selbst stimme Stephanie Zacharek auf Salon.com zu:

„It’s a late-night infomercial masquerading as a concert movie, more an advertisement for vitality than a picture of vitality itself. There’s something self-congratulatory, preening, about both the performance and the filmmaking.“

Tolle Musik, toll gefilmt – ohne Live-Pep.


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Nachtrag:

Ein unterhaltsames Gegenstück zu Shine a Light bieten die frühen Aufnahmen der Rolling Stones zusammen mit Muddy Waters, „Live At Checkerboard Lounge“:

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