Rezension: Zwei Leben, von Vikram Seth (Doppelbiografie, 2005, engl. Two Lives) – 7 Sterne

Fazit:

Seth erzählt teilweise spannend, teilweise zu ausführlich von zwei noblen, gebildeten Menschen mit sehr ungewöhnlichen Biografien zwischen Nordindien, Berlin, London und exotischen Kriegsschauplätzen. Viele Briefauszüge, Fotos und Reproduktionen machen die Geschichte lebendig.

Mehrfach lässt sich Vikram Seth jedoch von seinem Material mitreißen – so zitiert er die Briefe und Schicksale von Hennys Freunden zu ausführlich, und er gibt über Seiten hin zu allgemeine Kommentare ab. Weil solche Editorials aber stets en bloc kommen, kann man sie leicht überblättern.

Spannend:

Seth beschreibt das Leben seines indischen Onkels Shanti (1908 – 1998), der in den 1930er Jahren in Berlin Zahnmedizin studierte und später in London die deutsche Jüdin Henny heiratete (1908 – 1989), die er schon in Berlin kennengelernt hatte. Sie lebten jahrzehntelang in London. Diese Geschichte ist ohnehin spannend. Sie wird noch intensiver, weil Shanti sich eine Karriere als Wissenschaftler und Zahnarzt mit nur einem Arm aufbaute; und wegen der Art, wie Henny nach dem Krieg mit ihren in Berlin überlebenden Freunden umgeht und die tragischen Geschehnisse der Nazi-Jahre verarbeitet – Krieg und Nachkriegsjahre bilden ein Zentrum des Buchs.

In Seths Schilderung wirken seine Hauptfiguren fast zu edel und gut, mit jederzeit sicherem moralischem Kompass, 100prozentig positive Menschen. Tatsächlich stützt sich Seth ja bei den biografischen Teilen weitestgehend auf Erzählungen Shantis und auf Hennys Briefe, er holt kaum Darstellungen von anderen ein – so wirkt die Schilderung ein bisschen einseitig, innerfamiliär. Am Ende aber kommt eine kritische Note ins Spiel.

Nicht chronologisch:

Seth schildert die zwei Leben nicht chronologisch, sondern eher in der Reihenfolge seiner Entdeckungen und Erkenntnisse. Damit handelt das Buch nicht zuletzt auch von Vikram Seth (wir erfahren auch, dass er während der letzten Lebensmonate seines Großonkels Shanti unter Zeitdruck an Verwandte Stimmen/An Equal Music schrieb).

So schildert Seth zuerst seine eigenen Besuche in den 1960er bis 1980er Jahren bei Shanti Uncle und Aunty Henny in London, seine erste Bekanntschaft mit dem ungewöhnlichen Paar. Damit weckt Seth Interesse am Hauptteil – Shantis und Hennys dramatische Zeit in den 1930er und 1940er Jahren, die in Hitlers Berlin begann. (Ich kenne nur das englische Original und kann die deutsche Übersetzung nicht beurteilen; darum habe ich leider auch die vielen Zitate aus deutschen Briefen und Gedichten nur in Seths Übersetzung ins Englische gelesen.)

Ausgesprochen spannend wirkt die Zeit des zweiten Weltkriegs, die Seth aus Erzählungen und einigen erhaltenen Briefen rekonstruiert. Shanti arbeitet als Militär-Zahnarzt für die Engländer, Henny schlägt sich im bombardierten London durch. Da sind sie vermutlich noch kein Paar, einige Fragen bleiben jedoch offen, die Briefe klingen sehnsüchtig.

Allgemeine Erklärungen:

Die Schlacht um Cassino, bei der Shanti einen Arm verlor, schildert Seth weit zu ausführlich aus Geschichtsbüchern. Hennys Mutter und Schwester waren in Berlin geblieben, sie wurden in Theresienstadt und Auschwitz ermordet. Ihr grausames Schicksal rekonstruiert Seth ebenfalls zu detailliert aus allgemeinen Büchern zur Judenvernichtung (er findet zudem ihre Namen auf Listen der Nazi-Verwaltung). Später extemporiert Seth dann zehn Seiten lang über Deutschlands Bedeutung in der Welt, ohne jeden Bezug auf sein Personal.

Zu genau skizziert Seth auch Hennys Haltung gegenüber ihren einstigen Freunden in Berlin, die mehr oder weniger mit den Nazis verstrickt waren, und die Schicksale dieser Freunde. Weil eine Henny-Freundin nach Israel auswandert, nimmt Seth auch die Palästinafrage in Angriff (zwei Seiten). Über Irak hatte er im ersten Entwurf noch geleitartikelt, diese Seiten dann jedoch wieder gestrichen (Quelle).

Sehr interessant – obwohl man es als weitere Abschweifung sehen kann – beschreibt Seth sein eigenes Verhältnis zur deutschen Sprache auf mehreren Seiten: Die Sprache und ihre Kultur waren ihm zuerst sehr nah. Als er dann für das Buch deutschsprachige KZ-Akten und Nazi-Korrespondenz las, verursachte ihm Deutsch nur noch Übelkeit.

Breit – vielleicht zu breit – schildert Seth jeweils auch die letzten Todesmonate der beiden Hauptfiguren und den langsamen Verfall. Dies verteilt er bei Shanti sogar auf unterschiedliche Buchabschnitte, wiederum das Nicht-Chronologische des Buchs unterstreichend. Ähnlich wie bei seinem Indien-Roman Eine gute Partie/A Suitable Boy hat Seth starkes Material, das er jedoch nicht vollständig beherrscht.

Abbildungen:

Auf 24 Schwarzweiß-Kunstdruckseiten in meinem engl. Taschenbuch bringt Seth viele interessante Familienfotos aus Deutschland, Indien und England und zeigt sich auch regelmäßig selbst (während er in den Fotos zu seinem Tibet-Reisebericht From Heaven Lake generell nicht auftaucht, obwohl er dort die Hauptperson ist).

Auf den Textdruckseiten erscheinen zudem einige Reproduktionen von Reisedokumenten oder Briefen. Anders als in Eine gute Partie/A Suitable Boy druckt Seth in Two Lives keinen Stammbaum der Gesamtfamile. Der wäre nützlich. Seth hängt nur unrund kurze Textabrisse der Familienverhältnisse an.

Viele Akteure aus Zwei Leben/Two Lives sind erkennbar Vorbilder für die Figuren in Eine gute Partie/A Suitable Boy. Das Leben der Hauptdarstellerin Henny erinnert zudem an die Autorin Ruth Javer Prabwhala, die ebenfalls vor den Nazis aus Deutschland nach England floh und in London einen indischen Akademiker heiratete (mit dem sie dann allerdings nach Indien zog). Der deutsch-norwegische Spielfilm Zwei Leben basiert nicht auf Seths Buch.

Faszinierende Mischung aus Memoiren, Briefen, Fotos und Dokumenten…“ – die Kritiker:

Der Spiegel:

Eine große und wichtige Erzählung über den Holocaust und die Verwüstungen, die er angerichtet hat… Vikram Seth ist ein großer Erzähler, ein Mann für die vielstimmige, wuchtige Rekonstruktion der Vergangenheit… In „Zwei Leben“ gehen Distanz und Nähe, der kalte Blick des Ethnologen und die Empathie des Lieblingsneffen ein wunderbares Bündnis ein.

Rheinische Post:

Seth beschreibt das Leben seiner Protagonisten detailliert, streckenweise resümiert er seine gesamte Familiengeschichte. Leider erdrückt er damit über weite Passagen sein eigentliches Thema – der Einfluss der Weltgeschichte auf das Glück des Einzelnen… Seth geht im Zuge seiner Berichterstattung allzu dezidiert auch auf eigene Befindlichkeiten ein, viele Briefwechsel oder minutiöse Schilderungen belangloser Auseinandersetzungen nehmen dem Erzählten den Zauber. Dennoch berührt das Porträt dieser beiden Menschen, die füreinander bestimmt gewesen zu sein scheinen.

Der Standard:

Zumal die Briefe Hennys, die liebevoll-herben Postkarten, mit denen sie Vikram, ihrem „Söhnchen“, von den täglichen Begebenheiten des Hauses berichtet, zeichnen das Bild eines Lebens nach dem Holocaust, in welchem das Gespräch über die Vergangenheit ebenso entschieden fehlt wie Shantis Arm. Gerade aus den unprätentiösen Schilderungen des Alltags aber entsteht vor allem jenes Porträt einer Liebe, das dem Buch nicht nur aus Werbezwecken zum Untertitel dient, wie Seth im Gespräch unterstreicht.

Deutschlandfunk:

Vikram Seth erzählt eine Geschichte, für die er jahrelang recherchiert hat und die den Leser packt. Dabei ist es ihm gelungen, zwei Biografien und seine Autobiografie miteinander zu verweben und ein politisch wichtiges Buch zu schreiben… Vikram Seth war ehrlich erstaunt, als seine deutschen Verleger soviel Interesse an „Zwei Leben“ zeigten, so, als habe es nicht schon hunderte von Romanen und Sachbüchern zu diesem Thema gegeben. Was Vikram Seths Buch so spannend macht, ist die außergewöhnliche Perspektive. Mit indischen Augen blickt er auf den europäischen Kontinent, auf das zwanzigste Jahrhundert. Das ist völlig neuer Blick… Hennys Briefe sind deshalb so anrührend, weil sie einfach geschrieben sind, weil sie authentisch sind… Anette Grubes Übersetzung wirkt wie mit der heißen Nadel gestrickt. Man wünschte sich eine bessere Übersetzung  ((mehrere Beispiele folgen))… „Zwei Leben“ ist ein großartiges Buch, das den Leser packt.

Neue Züricher Zeitung:

Da und dort mag Seth beim Ausbreiten seines Materials zu grosszügig verfahren sein; auch wirken seine eigenen Reflexionen zu Deutschlands Rolle in Geschichte und Gegenwart eher als Fremdkörper im Buch und bringen zumindest hiesigen Lesern kaum Neues… Wenn Henny Caro sich der finstersten Tragödie des zwanzigsten Jahrhunderts stellen musste, dann mindert das nicht die Hochachtung, die man auch angesichts von Shanti Seths passioniertem Kampf um seine berufliche Existenz empfindet.

Süddeutsche:

Vor der Liebe des tüchtigen und honorigen indischen Mannes zu seiner so furchtbar geschlagenen jüdisch-deutschen Frau enthüllt der Rassenwahn des zwanzigsten Jahrhunderts seinen nicht nur zutiefst bösartigen, sondern eben auch irrsinnigen Charakter, als das komplett sinnlose, überflüssige Unheil. Dass das einzelne menschliche Leben das eigentliche Urmeter der Geschichte, ihr einziger Maßstab ist, das erfährt, sieht und spürt man greifbar in einem solchen Fall… Die stärksten Momente dieses Buches liegen, wie könnte es anders sein, in den Erinnerungen und Briefen der Protagonisten aus den dreißiger und vierziger Jahren. Hier erreicht Seths Text die Intensität der Tagebücher Victor Klemperers oder sogar mancher Erzählungen W. G. Sebalds. Bewegend sind auch autobiografische Passagen, die das Verhältnis des Autors zu Deutschland und seiner Sprache schildern… Vor der Wucht solcher Erfahrungen und vor der Kraft dieser Geschichte wiegen kleinere Einwände gegen Seths Buch – überflüssige leitartikelhafte Passagen über Deutschland und Israel oder eine allzu große Ausführlichkeit bei der Darstellung familiärer Verzweigungen vor allem auf indischer Seite – gering. Magisch traurig sind viele der beigefügten Fotos und Faksimiles…

FAZ:

Vikram Seth hat ein sehr privates Buch geschrieben, auch über sich selbst und seinen Weg zum Schreiben. Wer ihn auf seinen Erkundungsgängen in die Vergangenheit begleiten will, braucht stellenweise einen langen Atem. Doch das fällt nicht allzu schwer. Die faszinierende Mischung aus Memoiren, Briefen, Fotos und Dokumenten dieses reichen Familienalbums führen uns auf verschiedenen Wegen so nahe an die Schicksale der Hauptpersonen wie auch ihrer Trabanten heran, als wäre man selbst Wahlverwandter. Schwer wird das Atmen, wenn Seth Lolas grausames Ende in Birkenau imaginiert, man ihre letzte Postkarte von dort liest, wenn Seth von seinen Recherchen in Yad Vashem berichtet und wie ihm das geliebte Dichterdeutsch zur stinkenden Tätersprache verfault… Schadlos überblättern kann man dagegen einen unausgegorenen kurzen Exkurs über Deutschlands Rolle im zwanzigsten Jahrhundert

Pankaj Mishra in der New York Times:

((Über den Autor:)) He comes across throughout this book as attractively modest, sensitive and compassionate. His prose fulfills the obligation Primo Levi once defined for writers on the Holocaust: it is unadorned and clear. Seth’s eye for social detail is often sharp, but his book would have been stronger if it had conveyed a more vivid sense of prewar London and Berlin.

Kirkus Reviews:

Most artfully constructed book… The absorbing third section is Henny’s story, told mostly through the agonized letters she exchanged with family and friends in wartime Germany, after she had emigrated to England. Marred only by a ten-page digression in which Seth analyzes German culture and history’s “possible influence in the present century,” this is an immensely moving narrative: a splendid small book within a book… Seth’s voice is a fluent, graceful and compassionate one

Guardian:

The journey takes him to Theresienstadt and Auschwitz, where her mother and sister perished. It’s a horribly familiar story, but less so to Seth than to most Europeans, and he tells it with cold fury, admitting that one of the casualties of his research was his pleasure in the German language. The more interesting story, in some ways, is how Henny dealt with her old friends from Berlin after the war… Two-thirds of the way through, the book loses narrative momentum – with a welter of letters from Henny’s friends and an essayistic digression on Germany’s centrality to modern history

Independent:

Most interesting, and distressing, is Henny’s eventual unearthing of her family’s tragic fate back in Germany… Seth extrapolates into more general meditations. Here Two Lives flounders. His rather bland pontifications on „the effect of German history“ add nothing to the narratives of Shanti and Henny


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