Rezension: Yolanda, von Julia Alvarez (Roman 1997, engl. Yo!) – 7 Sterne – mit Video

Die Handlung: Lehrerin Yolanda hat einen Roman geschrieben, in dem sie unverblümt das wirkliche Leben in ihrer Familie schildert. Mutter, Vater und ihre drei Schwestern sind empört, brechen teils den Kontakt ab. Der Roman erzählt zunächst aus verschiedenen Perspektiven davon, wie die über die USA verstreuten Familienmitglieder sich einerseits entrüsten, andererseits um Familienzusammenhalt ringen.

Dann wird Yolandas bisheriges Leben von allen Seiten berichtet – aus Perspektive von Studenten, Lehrern, Liebhabern, Vermietern, widerlichen Stalkern, Töchtern von Hausmädchen in den USA und in der ursprünglichen Heimat, der Dominikanischen Republik.

Autorin Julia Alvarez breitet hier ihre eigene Geschichte aus – und mutmaßlich die ihrer Angehörigen. In ihrem Erstlingsroman Wie die García Girls ihren Akzent verloren (1991; engl. How the García Girls Lost Their Accents) hatte Alvarez die letzten Jahre ihrer Familie in der DomRepub geschildert sowie das Einleben in den USA. Offenbar produzierte ihr Roman tatsächlich Probleme mit dem Clan. Beide Bände schildern dieselben Welten in Karibik und USA; in Yolanda (engl. Titel Yo!), Alvarez‘ insgesamt drittem Roman, kommt noch die US-Akademikerszene hinzu.

Yolanda spielt zwar überwiegend in den USA, doch es gibt Rückblenden in das komfortable, aber zeitweise von der Geheimpolizei bedrohte Familienleben in der DomRep und einige Besuche dort – mit interessanten interkulturellen und sozialen Wirren.

Alvarez erzählt jederzeit sehr professionell, eingängig, smart, unterhaltsam und einfühlsam. Das Buch wirkt deutlich glatter als ihr García-Girls-Erstling, vielleicht schon einen Tick zu glatt – schließlich arbeitete Alvarez selbst, ebenso wie ihre Hauptfigur, als Lehrerin für kreatives Schreiben (ich kenne nur die englische Fassung und kann die deutsche Übersetzung nicht beurteilen).

Die Geschichten aus den unterschiedlichen Perspektiven wirken zunächst disparat, fügen sich aber im letzten Viertel allmählich zu einem Großenganzen, Querbezüge werden deutlich. Ich vermisste gleichwohl stärkere Verbindungen zwischen den Nebenfiguren und gelegentlich Fortsetzungen von Einzelschicksalen. Weil jedoch alles um Yolanda kreist und der Ton nicht stark schwankt, erscheint der Roman noch homogen und das Bild rundet sich einigermaßen. Der kurze Prolog zählt zum Witzigsten, das ich überhaupt je gelesen habe; es geht aber nicht in diesem Stil weiter – vorübergehend wird es tragisch oder beängstigend.

Eine durchgehende Handlung gibt es nicht, auch keine wesentliche Charakterentwicklung; auch dann nicht, wenn man die Einzelgeschichten chronologisch anordnet. Es bleibt bei Episoden. Alvarez redet selbst im Dankwort über „some of these stories“, als ob sie eine Kurzgeschichtensammlung geliefert hätte.

Der Roman überzeugt auch, wenn man den Vorgängerband How the García Girls Lost Their Accents nicht kennt. Und weil Yo! stärker als die García Girls ist, könnte man sich beim Lesen auf den neueren Band beschränken. Ich empfehle aber, beide Bücher zu lesen, und zwar in der richtigen Reihenfolge.

Eine Episode aus Yo! wurde 2001 als TV-Spielfilm umgesetzt (IMDB, Video unten).

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