Rezension: Verwandte Stimmen von Vikram Seth (Musiker-Roman 1999, engl. An Equal Music) – 7 Sterne – mit Pressestimmen


Seth erzählt von einem englischen Kammermusiker in London, der zufällig nach zehn Jahren ohne Kontakt seine einstige Liebe wiedertrifft, die er nie vergessen konnte. Dann spielen sie auch noch zusammen – doch es gibt ein trauriges Geheimnis.

Fazit:

Vikram Seth schreibt durchgehend spannend, dazu sehr sensibel, hochatmosphärisch, im letzten Viertel jedoch zu melodramatisch und weinerlich. Viele intelligente, kurzweilige, aber nie betont originelle Dialoge steigern die Kurzweil ebenso wie die knappen Kapitellängen. Die Mischung aus Liebe und Kammermusik spricht an.

Im letzten Drittel wirkt der Roman mit seinen 480 (englischen) Seiten überdehnt, Seelenpein und Musikeralltag entwickeln sich nicht weiter, werden nur zunehmend ausgewalzt, die Hauptfigur wird unsympathischer. Venedig-Tourismus und Geigenauktion klingen etwas angeklebt und unorganisch (ich kenne nur das englische Original und kann die Übersetzung nicht beurteilen).

Ich interessiere mich sehr für Musik, jedoch kaum für klassische und gar nicht für Kammermusik. Dennoch fand ich das Kammermusikermilieu im Roman sehr reizvoll. Den Abwägungen der einzelnen Kompositionen konnte ich dabei nicht immer folgen.

Schnelle Assoziationen:

Im Vergleich zu seinen früheren Romanen The Golden Gate (1986) und Eine gute Partie/A Suitable Boy (1993) verwendet Seth hier deutlich weniger hochgebildete, seltene Wörter. Die Dialoge funkeln etwas weniger – so wirkt Verwandte Stimmen/An Equal Music etwas realistischer und weniger filmi.

Wie in Suitable Boy schildert Seth in einem langen Buch eine Zeitspanne von nur gut einem Jahr (natürlich mit Rückblenden) und er pflegt (diesmal kurz) seine Liebe zur Poesie. In beiden Büchern steht eine Frau zwischen mehreren Männern und trifft am Ende eine Entscheidung mit ähnlicher Tendenz (in A Suitable Boy folgt sie den Entscheidungen der lebenden Vorbilder aus Seths Familie).

Seth schrieb Verwandte Stimmen/Equal Music in London, während sein Großonkel Shanti Seth in derselben Stadt im Sterben lag. Zu der Zeit wusste Seth schon, dass er über den Großonkel und dessen Frau das Buch Zwei Leben/Two Lives schreiben wollte, und in Zwei Leben erwähnt gelegentlich seine Arbeit an Verwandte Stimmen.

Ein durchschnittlich bekannter Künstler, der einer fernen Frau nachtrauert, und das zeitweise in Venedig – das erinnert an Thommie-Bayer-Romane, speziell an Vier Arten, die Liebe zu vergessen. Vikram Seth ist jedoch deutlich besser, u.a. bei der Beschreibung von echten, interessanten Charakteren.

Weil es um Liebe, London, tiefe Gefühle, moderne Paare und Bildungsbürger-Ziele in Europa geht, dachte ich auch an David Nicholls‘ Romane Zwei an einem Tag/One Day (2009) und Drei auf Reisen/Us (2014); eine Seth-Hauptfigur heißt Julia McNicholl.

„Always highly readable, deeply sympathetic…“ – die Kritiker:

FAZ:

Unübersehbar ist jedenfalls, wie brüsk, taktlos und indiskret sich dieser Michael der verlorenen und wieder gefundenen Jugendgeliebten gegenüber verhält, ja wie das, was er für Liebe ansieht, eher einer Obsession gleichkommt… So hat dieses Verhältnis zu viel von einem Zähigkeitstest an sich, und man betrachtet diesen Michael eher mit einigem Kopfschütteln… Deutschen Lesern wird manches von Seths gelegentlichem Humor schwer zugänglich sein, obwohl sich die Übersetzung flüssig lesen lässt… Aus unbekannten Gründen hat der Verlag die Übersetzung der Widmungsverse an den Geiger Philippe Honoré, der übrigens auf der CD zu hören ist, sowie einiger Gedichteinlagen einem zweiten Übersetzer übergeben, dessen Inkompetenz ins Unsägliche reicht… Das hat Vikram Seth, dieser elegante Verskünstler, wahrhaftig nicht verdient.

Perlentaucher-Notiz zu Joachim Kaisers SZ-Rezension:

Die Sympathie Joachim Kaisers für dieses Buch ist ihm in seiner Rezension deutlich anzumerken – auch wenn er bei Seth Schwächen in der „literarischen Darstellungskunst“ ausmacht. Die Traumata des Protagonisten sind seiner Ansicht nach nicht wirklich nachvollziehbar und überzeugend geschildert, jedoch hat er viel Lobendes über Seths Umgang mit der musikalischen Thematik zu sagen… Seth hingegen sei einerseits seine Fachkenntnis anzumerken, gleichzeitig erfahre man viel über den Alltag, die Probleme und Hoffnungen von praktizierenden Musikern. Dabei weiß Kaiser Seths „überfeine Seelen-Zartheit“, seine Ironie und seine deutlich spürbare Liebe zur Materie besonders zu schätzen. Von einem fachlichen Fehler abgesehen, ist die Übersetzung Annette Grubes seiner Meinung nach gelungen

Berliner Zeitung:

Eingängig und klug in die Dynamik von Streichern unter sich eingeführt… Und sein Liebesleben? Ach, da geht man mit Julia überein. Wir wollen nichts mehr davon hören.

New York Times:

…captures well the backstage theatrics of a musical performer’s life, the intricacies of concert preparation, the tedium of life on the concert circuit (hotel rooms, meals, dead time) and the complicated interactions of musicians and their booking agents and record companies. But when it comes to people — to the specific personal and professional interrelationships within the quartet — the novel falters. In tone and content, the musicians‘ many conversations veer between the mundane and the hyperbolic. And predictability and cliched feelings undermine the romance at the heart of the book… A more careful reading of his manuscript might have enabled Seth to eliminate much of the overbaked interior monologues, gratuitous description and endless patter that substitutes for dialogue

Guardian:

The unfolding of their on-off-on relationship is swathed in a highly wrought rococo construction of musical reference to Mozart, Beethoven, Schubert, and virtually any composer who ever attempted a string quartet (Bartok, Shostakovich, Tippett, Carter and Ligeti) set against a backdrop of European musical capitals: Venice, Vienna and London… a novel that wears its sophistication pretty lightly. Seth is always highly readable, deeply sympathetic to his characters, even when they seem to have stepped from central casting, and so exquisitely versed in the English and European cultural tradition that admirers of A Suitable Boy will wonder if his writing will ever return to the India of his birth

Kirkus Reviews:

A highly readable if frustratingly uninvolving story of lost love… the story’s downbeat ending looms inevitably. If its principals’ fascination with each other were more distinctive, less moonily generic, this might have been a thoroughly convincing novel, rather than an uneven array of witty observation and keen writing (particularly about music, and the characters’ love of it) unwisely mixed with soporific romance… Seth can do better

London Review of Books:

The self-portrait of Michael as a lonely man, blocked in his development by his attachment to his own depressive states, is the main imaginative achievement of An Equal Music. The best writing in the novel is devoted to articulating Michael’s solitary perceptions of the world… There are no politics in An Equal Music, there is not much social reality and there is precious little music. There is a love affair, often delicately and touchingly portrayed, and there is a sustained evocation of personal loneliness

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