Rezension US-Roman: Easter Parade, von Richard Yates (1976) – 8 Sterne – mit Pressestimmen

Der nur 222 (englische) Seiten lange Roman folgt zwei Schwestern in und um New York von früher Kindheit bis in späte Lebensjahre – von den 1930ern bis in die 70er Jahre. Yates (1926 – 1992) schildert schlichte Menschen der unteren Mittelschicht, die selten Anlass zu Freude haben und gern ins Glas schauen. Die Filmrechte sind offenbar verkauft, wurden aber bisher nicht ausgeübt.

Ich hatte die englische Ausgabe. Die deutsche Fassung heißt ebenfalls Easter Parade, aber ich kann die Übersetzung nicht beurteilen.

Fazit:

Richard Yates beschreibt auf wenigen Seiten einen großen Zeitraum und manchmal fasst er ganze Jahre sehr oberflächlich zusammen. Dennoch wirkt der Roman intensiv. Unvermittelt steigt der Autor in eine Szene ein, jeder Hintergedanke, jede Geste sitzt perfekt – und dann überspringt er wieder drei Jahre.

Die Sprache ist schlicht, gelegentlich lakonisch, nie wertend. Immer trifft Yates den richtigen Ton – seine Figuren nicht. Jeder Satz hat Bedeutung, flüchtige Details kehren 50 oder 150 Seiten später wieder.

Trostlos, brüchig:

Das Leben aller Beteiligten erscheint grau, ja trostlos. Doch doch das spricht Yates nie aus und sie würden es wohl selbst nicht so empfinden.

Brüchige Beziehungen, eigentümliche Entscheidungen und Wurzellosigkeit prägen die Figuren. Sie haben wenig Ambitionen und verzichten schnell ganz auf Träume. Die Darsteller wirken dabei so plastisch, dass man meint, Yates beschreibe enge Bekannte 1:1 – und tatsächlich hat der Roman stark autobiographische Züge.

Vergleich mit In Zeiten des Aufruhrs/Revolutionary Road:

Easter Parade wirkt weniger intensiv als Yates‘ exzellenter, später verfilmter Roman In Zeiten des Aufruhrs/Revolutionary Road (1961). Denn Easter Parade beschränkt sich anders als In Zeiten des Aufruhrs nicht auf ein einziges verheiratetes Ehepaar:

Yates schildert in Easter Parade die biedere ältere Schwester Sarah mit Mann und drei Kindern ebenso wie die studierte Jüngere, Emily, und ihren Beziehungsreigen, außerdem lernen wir die Eltern der Schwestern genauer kennen, ebenso wie Sarahs Kinder. Den größten Anteil aller Figuren erhält die unstete Emily.

Kritiken:

Der Spiegel, Claudia Voigt:

Niederschmetternder kann ein Roman kaum beginnen, und tatsächlich kommen die Schwestern Sarah und Emily im Laufe der Handlung, die sie über viele Jahre ihres Lebens begleitet, niemals über ein angestrengtes Bemühen hinaus. Das vermeintliche Glück hängt wie eine Wurst vor ihrer Nase, immer wieder versuchen sie es zu schnappen, am Ende sind sie maßlos erschöpft, depressiv, alkoholkrank.

Süddeutsche Zeitung, Gustav Seibt, laut Bücher.de:

Kunst der Trostlosigkeit… so profund trostlos wie alles, was Yates erzählt… Eine Grundfigur des Unglücks bei ihm ist: Die Träume der Menschen sind erbärmlich, aber nicht einmal sie lassen sich erfüllen… Enttäuschung ist die saure Luft der Existenz in Yates‘ Romanen

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Heinrich Welfing:

Nichts hat das Buch von seiner Frische, von seiner bewegenden Kraft verloren. Man liest es mit stockendem Atem und wundem Herzen… Während in fein hingetupften Details das amerikanische Jahrhundert vorbeizieht – der Zweite Weltkrieg, Kennedy, Vietnam, die Zersiedelung von Long Island… Richard Yates erzählt in kraftvollen, bezwingend schlichten Sätzen, in denen es kein Wort zuviel gibt, keine prätentiöse Spielerei, und es ist ein schönes Glück, dass Anette Grube diese durchsichtige Sprache so zwanglos ins Deutsche übertragen hat. Nüchtern, fast wie ein Arzt protokolliert Yates die Lebensläufe der beiden Schwestern und schildert mit tiefer Sympathie zwei überforderte, existentiell verwirrte Menschen… Unverkennbar sind autobiographische Züge. Die frühe Scheidung der Eltern, ständige Umzüge mit der überforderten Mutter, die Qualen des Angestelltendaseins in der Werbeindustrie, die zermürbende Eifersucht auf den Erfolg der Kollegen, Alkoholexzesse, zerbrechende Lieben – all das hat Richard Yates selbst erlebt.

Rainer Moritz in Deutschlandradio Kultur und in der Welt:

Ein Meisterwerk… ein Roman der Illusionen und des Scheiterns… Emily ist eine bewegende Frauengestalt, die nicht auf einen Nenner zu bringen ist… staunenswert, wie Yates Gesellschaftskritik und Schicksalsergebenheit miteinander verknüpft, wie präzise Dialoge genügen, ein intensives Panorama zu entwerfen. Mit knappen Leitmotiven, brillanten Einzelszenen und einem so überraschenden wie genialen Romanschluss strukturiert Yates sein makelloses, nicht immer makellos übersetztes Werk.

Deutschlandfunk, Ursula März:

„Easter Parade“ ist, verglichen mit „Zeiten des Aufruhrs“ der etwas schwächere, das heißt, nicht ganz so herausragende Roman. Er besitzt weder die gleiche Wucht kalten Zorn, die in jeder Sentenz auf Eskalation zielende Erzählspannung, noch die differenzierte Gebrochenheit der Charaktere

Paul Ingendaay in WDR5:

Ich empfehle diesen Autor mit jedem Buch, weil er unfähig war, schlecht zu schreiben… Der Roman ist beeindruckend, weil er mit großem Gleichmut erzählt, was aus Lebensträumen wird, wenn es daneben geht. Und diese Sprache ist unglaublich ergreifend, durchdringend, sehr sinnlich, sehr knapp und für jeden Leser von guter Literatur eigentlich eine Entdeckung.

Kirkus Review:

Nobody sings sadder songs of the way things were

Slate (Yates-Biograf Blake Baily mit Vergleichen zu Yates‘ Biografie):

The last 15 pages of the novel are, perhaps, the bleakest account of middle-aged loneliness in modern American fiction—possibly the bleakest 15 pages, period

The Guardian:

Joan Didion called The Easter Parade „Yates’s best novel“, and it’s my favourite, too… a heartbreaking story delivered in prose as exquisite as it is seemingly offhand. The author’s clear eye and stark language provoke not just admiration for his skills but empathy for his characters. He nails people with just a few words; strips them bare with a single phrase… Reading Blake Bailey’s biography of the author, A Tragic Honesty, one realises that almost every doomed character has sprung full-blown from Yates’s own life… Even as downbeat a person as Joyce Carol Oates considered Yates’s fictional milieu „a sad, gray, deathly world“… an artist at the height of his talent

The Independent:

The Easter Parade is now widely regarded as Yates’s other great novel. I would say it’s one of the most important works of fiction by an American in the late 20th century… A compact yet densely plotted novel… one of those small, quiet masterpieces which speaks volumes about the fundamental sadness at the heart of everything

Stewart O‘ Nan 1999 in der Boston Review:

Lucid, measured prose… For a relatively short novel (229 pages), The Easter Parade has an astonishing sweep and weight, the product of another Yates strength, his mastery of summary narration. Technically the book is probably his sharpest… critics hailed him as an American master. They spoke now of his body of work and raved over the effortless elegance of his prose and the depth of his tragic vision.

Popmatters.com, Chris Barsanti:

The Easter Parade doesn’t hold nearly as high a place in the American literary pantheon these days as Revolutionary Road, but it was received much more positively at the time, though it’s difficult to see why… this novel holds little plot but for their march of its characters through all the stages of life’s disappointments and toward oblivion… Yates sticks with Emily through her glassy-eyed wanderings and affairs, again using her as little more than a gender-switched autobiographical front (failed writer, failed career, failed relationships) Yates’ style has become cleaner and clipped by the time of The Easter Parade, and while this novel’s story has more of a gallows reek to it, the prose sings with a professional clarity

Kulturnews.de:

Gut vier Jahrzehnte umfasst die Handlung, von Yates gekonnt auf eine Handvoll prägnanter Szenen verdichtet. Es ist diese elegante Erzählweise, die für das Buch spricht. Doch ob es um unglückliche Liebe, um einen prügelnden Ehemann oder unerfüllte Karriereträume geht – stets erzählt Yates so distanziert, dass man dem Schicksal der Schwestern wie dem zweier völlig Fremder folgt.

Literaturkritik.de, Bernhard Walcher:

Leiden die Figuren an ihrem tragischen Mittelmaß… kunstvoll ins Medium der Literatur übertragene autobiografische Hintergrund… Die Beschreibung der Hauptfiguren ist dabei einem realistischen und ebenso klaren, messerscharfen und unerbittlichen Schreibstil verpflichtet… Der Roman stellt gewissermaßen auch das Gegenstück zu den „Rabbit-Romanen“ des fast gleichaltrigen John Updike dar.

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