Rezension: Unser Mann in Havanna, von Graham Greene (Roman 1958) – 8 Sterne – mit Video & Pressestimmen

Graham Greene schreibt eine intelligent-alberne Agentenklamotte, die bestens unterhält und die Lachmuskulatur anregt – kein Greenesches „entertainment“ (seine Bezeichnung für weniger ernste Bücher) ist so entertaining wie dieses, nur einige Geschichten in der Sammlung May We Borrow Your Husband tönen ähnlich köstlich-mokant. Hier herrscht eine ganz andere Stimmung als in überaus ernsten Greene-Büchern („novels“) wie Das Herz aller Dinge oder Ein ausgebrannter Fall. Um 1941 hatte Greene selbst unter Kim Philby im englischen Geheimdienst gearbeitet und fantasievoll fabuliernde Agenten in Lissabon geführt (einem von ihnen ist Arne Molfenters Biografie Garbo, Der Spion gewidmet).

Unser Mann in Havanna zeigt einen drolligen Agenten wider Willen und seine blasierten Strippenzieher in der Londoner Zentrale. Und wie immer in Grahamgreeneland: Die Geschichte spielt irgendwo im globalen Süden – hier Kuba, sonst auch in Haiti, Sierra Leone, Vietnam, Wien, Paraguay oder Kongo – doch Einheimische erhalten nur Statistenrollen. Getragen wird die Geschichte von Alkohol-affinen weißen Männern in Havanna kurz vor Castros Machtübernahme: ein biederer britischer Staubsauger-Händler in Geldnöten, ein blasierter Geheimdienstcharge, ein zechfreudiger, abergläubischer deutscher Arzt, aber auch ein so skrupelloser wie öliger Latino-Polizeichef

Schon diese Figuren zeichnet Graham Greene (1904 –1991) dezidiert unrealistisch; noch grotesker ist die 17jährige, unschuldig-frivole, aber auch materialistische Turbokatholikin Seraphina (Spitzname Milly), deren teure Hobbies ihren liebenden, aber klammen Vater Wormold in die Dienste des gut zahlenden MI6 treiben.

Sein skurriles Figurenkabinett stattet Greene mit exzellenten, hochvergnüglichen Dialogen aus – voller Doppelböden, Anspielungen und verblüffender Repliken. Davon und von den Beobachtungen lebt der Humor, und überwiegend nicht von Klamauk-Action. Amüsant flicht Greene Alltägliches ein: Staubsaugerbauteile, Pferdezucht, Bildergeschichten auf Corn-Flakes-Kartons, Whiskeyfläschchen, und für Greene-Verhältnisse eher wenig Katholizismus. Dabei dreht die Geschichte schnell weiter.

Der Roman Unser Mann in Havanna erinnert teilweise an James Bond – eine Figur, die der Greene-Bekannte und Ebenfalls-Ex-Geheimdienstler Ian Fleming ab 1952 erfolgreich in Romanen vorstellte. An frühe James-Bond-Filme wie etwa Dr. No erinnern im Roman nicht nur die soignierten Herrenrunden in tropischer Kulisse, sondern auch die kurzen, aber regelmäßigen Szenen in der Londoner Geheimdienstzentrale und das Ende.

Doch eher sieht man Greenes Roman Unser Mann in Havanna vor dem inneren Auge als elegante Screwball-Komödie aus Hollywood (Cary Grant las das Buch). Tatsächlich kam der Roman 1959 erfolgreich auf die Leinwand; mit Alec Guiness, Noël Coward, Maureen O’Hara und Ernie Kovacs; Drehbuch Graham Greene, Regie Carol Reed (Hitchcock war interessiert gewesen). Es gab auch Hörspiel- und Theaterfassungen.

Deutsche Medienstimmen:

Ingo Schulze 2006 in der Süddeutschen Zeitung, gesehen bei Buecher.de:

Vom Verhältnis zwischen Erdachtem und Realem, von Erfindung und Wirklichkeit und über die verfließenden Grenzen dazwischen handelt der Roman, der wie eine Versuchsanordnung beginnt und der Durchführung eines Experiments gleicht, weshalb sich die Handlung mit der Notwendigkeit einer Tragödie entwickelt. Es ist eine Fabel über die Macht der Worte… Figuren wie Abziehbilder ihrer selbst…

Deutschlandfunk 2004:

…wunderschön… eines von Greenes besten Büchern… Dass es nicht bei der Komödie bleibt, macht die Qualität dieses Buches aus…

Culturmag.de:

Grandiose Geheimdienst-Satire

Englische Medienstimmen:

Norman Sherry im dritten Band seiner Greenografie (1999), S. 133:

Greene has never been funnier, but later the story becomes disturbing

New York Times 1958:

((Greene)) has used tricks and achieved mostly unreality. His characters lack bone, flesh and blood, and only occasionally seem lifelike. They are dumb when convenience requires, smart when convenience requires, rarely showing initiative on their own. The mystery doesn’t mystify, but mainly begets confusion, and the same can be said for the daughter’s Catholicism… I never saw a dog drink hard liquor, and don’t believe this one did… this book misses, and in a thoroughly heartbreaking way, for it misses needlessly where it might have rung the bell.

Kirkus Reviews 1958:

For all the occasional overtones and undercuts, this is no more than a genial form of nonsense in which Greene is not at his best. This still may be good enough for a great many people to whom the name assumes more than is this time assured.

The Telegraph 2017 in einer Liste der 20 besten Spionageromane:

…irreverent farce…

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