Rezension TV-Biopic: Grzimek (2015) – 6 Sterne – mit Video & Links

Ein Zoodirektor als Alphatier: Der biografische, fast drei Stunden lange TV-Film über das Leben des Oscar-Gewinners und PR-Genies Bernhard Grzimek zeigt in der Hauptrolle Ulrich Tukur nicht nur in Frankfurt und in der Serengeti, sondern auch verstrickt in außereheliche Safaris.

Die ARD sendete den TV-Spielfilm erstmals Ostern 2015; er lief auf anderen Sendern als Zweiteiler. 4,55 Millionen verfolgten die Erstausstrahlung, doch Der Alte im ZDF lockte fast eine Million Zuschauer mehr (Quelle). Auch als DVD oder Bluray erhältlich.

Interessante Frauen:

Ein Mann zwischen Zebras und Frauen. Ebenso interessant wie die zwei Hauptfiguren – Bernhard Grzimek und sein Sohn Michael – sind in diesem Film die Figuren Hildegard Grzimek (seine erste Frau) und Erika Grzimek (erst Schwiegertochter, später Frau): beide selbstbewusst und so gar nicht Fünfziger-Jahre-Klischee, aber doch auch unterschiedlich (Barbara Auer, Katharina Schüttler). (Die ausführliche Grzimek-Biografie von Claudia Sewig schildert dagegen detailliert Grzimeks Leistungen als Wissenschaftler, Manager und Entertainer und redet vergleichsweise wenig von privaten Händeln.)

Kitsch:

Gefilmt wurde in feinstem Ufa-Degeto – pittoreske Nachkriegskulissen, edle Hintergrundunschärfe, mitunter leicht bläulich abgetönt, in Afrika leicht rötlich, alles ohne eigenen Charakter, und dann fliegt Michael allein in den Sonnenuntergang. Überhaupt wirkt Afrika wie ein Safariprospekt, abgesehen von einer didaktischen Waldrodung.

Einmal muss Erika weinen, da krault ein Äffchen sie überraschend am Rücken; dann guckt das Tier auch noch tröstend. Die Dialoge sind teils aufdringlich pädagogisch. Die Musik tönt getragen, aber sie könnte auch noch tragischer sein. Das Biopic fesselt trotz allem, wegen des unglaublichen Tatendrangs und des, nun ja, spannenden Privatlebens seiner Hauptfigur.

Zeitraffer:

Der TV-Spielfilm kann nur Szenen eines Lebens zeigen; vieles fehlt völlig, anderes erscheint genretypisch schwer nachvollziehbar gerafft. (Die Grzimek-Doku der ARD-Reihe Legenden (HR) sagt viel mehr über den Mann in kurzer Zeit, allerdings anders als der Spielfilm nichts Privates.)

Man wüsste gern, wie nah die Biopic-Dialoge an der Realität sind (Biografin Sewig kritisiert einiges, s. Link unten). Erkenntnis auf jeden Fall: Grzimek war weitaus interessanter, vielschichtiger, durchtriebener, als die Erinnerungen an einen biederen Fernsehonkel vermuten ließen.

Freie Assoziation:

Grzimeks Menschenleben erinnert in einigen Aspekten verblüffend an den Meeresforscher und -vermittler Jacques-Yves Cousteau – die Leidenschaft für ein Naturthema, die reiche Publizistik, Oscar-Ehren, fachfremdes (aber artgerechtes?) Interesse an außerehelichen Zweibeinern, Mitarbeit des Sohns, Zutodekommen des Sohns, bittere erste Ehefrau und ein Biopic, in dem sich die Darsteller der jeweils älteren Hauptfigur deutlich ähneln.


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