Rezension: Trading with the Enemy, A Yankee Travels through Castro’s Cuba, von Tom Miller (1992) – 7 Sterne

Tom Miller schreibt souverän, lässig, hoch-informiert und oft so gut konsumierbar wie ein perfekt gemixter Cocktail mit allerbesten Ingredienzien. Der US-Topjournalist Miller ist belesen, beobachtet genau, kredenzt markante Dialoge, trifft Hochrangige, Intellektuelle, TV-Köchinnen und (knapper) kleine Leute, serviert Erwartbares und Überraschungen. Wie es sich für seine Branche gehört, referiert Tom Miller sein Wissen nicht einfach; er lässt sich die Landeskunde von Wissenschaftlern, Politikern, Künstlern oder Bauern erzählen, und die Begegnungen gehören mit zum Text (anders als etwa in Schaefers Gebrauchsanweisung für Kuba).

Seinen kubanischen Kontakten bringt Miller viel Sympathie entgegen, deren teils haarsträubende Unterdrückung schildert er nüchtern unkommentiert. Teils klingt er reichlich blauäugig und vertrauensselig, teils ist er zu romantisch. Die US-Blockade Kubas hält Miller für ganz falsch, das erhellt aber nur aus gelegentlichen resignierten Randbemerkungen. Gelegentlich hat Millers Ton etwas insiderhaft Raunendes, als ob er uns Vertrauliches schildere – bei einem Gläschen Havana Club, dem 15jährigen.

Mindestens die Hälfte des Buchs spielt in Havanna; die Regionen Pinar del Rio und Vinales gewinnen dann noch etwas Profil, und dazu die Guantanamo-Bay. Zwar kommt Miller mit Mietwagen und Bummelzug auch in weitere Provinzen, aber sie gewinnen kaum Kontur.

Normal lese ich keine Reisebücher, weil sie mir zu oberflächlich sind (wie Reisen selbst). Aber dies ist stilistisch und inhaltlich weit über dem Durchschnitt – wenn man es überhaupt als Reisebuch bezeichnen kann, denn Miller mischt hier verschiedene Besuche und Aufenthalte auf der Insel seit 1990, schreibt teils unchronologisch und geht mehr in die Tiefe, schildert seine Interviews mit Wissenschaftlern und Politikern ausführlicher als Zufallsgegnungen, springt zwischen den Orten. Es ist eher eine Reportage in Buchlänge. Gelegentlich verglich ich ihn unterwegs mit Paul Theroux und V.S. Naipaul; die Subtilität von Naipaul erreicht Miller jedoch nicht.

Allerdings kramt Miller auch gnadenlos Infopartikel und Klischees hervor, die seine westlichen und vor allem US-Leser interessieren könnten:

  • Er säuft mit Leuten, die einst mit Hemingway soffen
  • in Santiago de Cuba sucht er Spuren Graham Greenes (der dort ein oder zwei Tage verbrachte und in Unser Mann in Havanna verarbeitete, also nichts Wichtiges)
  • Miller schildert auch seine Mühen um ein Interview mit Fidel Castro, es bleibt aber bei fruchtlosen Kontakten mit dessen Untergebenen

Speziell seinen nordamerikanischen Lesermarkt bespielt Miller:

  • mit einem interessanten, aber zu ausführlichen Besuch auf der US-Basis in der ostkubanischen Provinz Guantanamo („Gitmo is the navy’s Club Med“, S. 205), lange bevor der Ort weltweit bekannt wurde. Miller zeigt aber auch die Gegenseite und besichtigt offiziell kubanische Militärstellungen direkt gegenüber der US-Basis
  • er schildert Theodore Roosevelts Kriegseinsatz auf Kuba
  • er begleitet über quälend viele Seiten ein uninteressantes Baseballteam, plant sogar eine Übernachtung in deren Schlafsaal und zählt Spielergebnisse auf
  • er berichtet über viele Seiten die Aktivitäten der winzigen jüdischen Gemeinde in Havanna
  • „I prefer Pepsi to Coke and both to Tropicola“ (S. 13; eine Kubanerin widerspricht)
  • „our embassies“, und das von einem Journalisten (das wäre Paul Theroux wohl nicht unterlaufen)
  • „a dark blue ’57 Chevrolet Bel Air hardtop splashed by, followed by an Olds 88 Golden Rocket from the same year“ (S. 40, eins von vielen Beispielen seiner Oldtimer-Expertise)

Wieder und wieder und wieder gibt es die Leitmotive Schlangestehen und Socialismo o muerte (z.B. in „…in a bread line at the Socialism or Death bakery for forty minutes“). Zu allem und jedem kredenzt Miller ein Dichterwort, weit mehr als andere Kuba-Berichterstatter. In der Zigarrenfabrik erzählt Miller mehr vom Stoffplan des Vorlesers als von den Zigarren, und erst recht hören wir nichts Realistisches von den Fabrikarbeitern. Besonders eindrucksvoll: Über mehrere Seiten feiert Miller in ganzen Zitat-Kaskaden das weibliche kubanische Hinterteil. (Fotos hat das Buch übrigens gar nicht.)

Tom Miller (*1943) ist ein seit Jahrzehnten erfolgreicher US-Journalist, der sich auch um den Austausch zwischen Nord- und Südamerika verdient machte, bis heute Schriftsteller-Begegnungen in Kuba organisiert und offenbar mit einer Kubanerin verheiratet ist. Verblüffend: Diese Kuba-Affinität war nicht immer da. Erst ein Kollege brachte den nach einem Thema suchenden Tom Miller 1986 auf Kuba, wie dieser selbst im ursprünglichen Vorwort schreibt. Ich hatte die 2008er-Neuauflage seines Buchs Trading with the Enemy, die ein weiteres Vorwort enthält. 2017 veröffentlichte Milller sein kurzes Buch Cuba, Hot and Cold.

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