Rezension: Tod in Venedig, von Thomas Mann (1912, u.a. Erzählungen) – 7 Sterne – mit Pressestimmen & Video


Wer Ina-Tina Lowfi auf Twitter folgt, laboriert vielleicht länger an der Lustgewinnoptimierung mit Thomas Manns Novelle Tod in Venedig. Sie kommt daher in gravitätischem, komplexem Deutsch, dessen Sätze schon mal einen ganzen Absatz beanspruchen – und viel kulturelles und sprachliches Wissen dazu. Jede Zeile ist so germanistisch gehaltvoll, dass selbst kleine Unkonzentriertheiten des Lesers Verlust bedeuten. Thomas Mann mischt spannende Dialoge und Erlebnisse mit allgemeinen, womöglich öden Betrachtungen, und das voller Anspielungen auf die letzten 10.000 Jahre Kulturgeschichte, bei konstant klangvoller, mächtiger Sprache, die aus anderer Feder hohl pompös klänge.

Die Erzählung vom gestrengen Dichterfürsten, der in Venedig dem Anblick eines hübschen Knaben verfällt, ist gewagt, aber platonisch; Luchino Visconti verfilmte sie 1971 mit Dirk Bogarde. Den Niedergang des Künstlers und weiche Jünglinge mit abgewandtem Blick zelebrierte Mann schon zehn Jahre zuvor, weitaus deftiger, in den Buddenbrooks. Ähnlich wie dort schwelgt Mann auch im angekündigten Tod in Venedig in Anspielungen und Vorahnungen und wild dräuenden Szenarien. Eine kontemplative Künstlerreise ans Meer beschrieb Mann auch 1903 schon in Tonio Kröger.

Ich habe diese und andere Mann-Bücher wieder einmal gelesen, weil ich etwas auf Deutsch Geschriebenes suchte, das mir tatsächlich gefällt. Die meisten deutschsprachigen Autoren nach 1945 helfen mir nicht weiter.

Weitere Kurzgeschichten und Novellen:

Der Tod in Venedig erscheint oft mit weiteren Kurzgeschichten und Novellen in einem Band. Dazu gehören:

  • Tristan (1903): Geschäftiger Bürger versus kariöser Künstler, Tod in Schönheit, Schwelgen in Musik, Leben und Vergehen – diese Themen aus den Buddenbrooks (1901) und Tonio Kröger (1903) kehren hier altvertraut wieder, und das mit nochmals gesteigerter Ironie. Das Sanatorium-Ambiente erinnert an Manns Roman Zauberberg und an Sanatorien bei F. Scott Fitzgerald.
  • Gladius Dei (1902): „München leuchtete…“ und ein Jüngling erzürnt sich in dieser kurzen Geschichte über die zu sinnliche, erotisierende Darstellung der Muttergottes in einem Schaufenster. Schöne Schilderung der Münchner Bohème-Atmosphäre; ungut rassistische Untertöne in der Beschreibung des Kunsthändlers; weniger eine runde Geschichte als eine knapp in Handlung umgesetzte Idee.
  • Schwere Stunde (1905): Kurzes Stimmungsbild aus dem Schreibzimmer des hart arbeitenden Friedrich Schiller, wohl mit autobiografischen Elementen.
  • Die vertauschten Köpfe (1940): Keck erzählte, lange indische Sage. Mit vielen drolligen Details zwar, die sich jedoch zu deutlich den Mannschen Begriffen von Kunst versus Leben oder Natur versus Geist unterordnen. Ideen, die u.a. in den Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull wiederkehren.
  • Das Gesetz: Biblische Erzählung.

Stimmen zu Tod in Venedig:

FAZ 2012:

Mit einer Novelle solchen Inhalts wäre man heute entweder unten durch oder feierte seinen Durchbruch als Skandalautor, wahrscheinlich beides… Thomas Manns bekannteste, meistgedeutete Erzählung, die wegen ihrer angestrengten Bildungshuberei und ihres gravitätischen Tons, von dem der Autor behauptete, er sei parodistisch gemeint, heute allerdings nicht mehr ohne weiteres lesbar ist. Es ist das einzige Werk Thomas Manns, in dem der Humor praktisch völlig fehlt… Alfred Kerr, der auch sonst kein Freund Thomas Manns war, stellte fest: „Jedenfalls ist hier Päderastie annehmbar für den gebildeten Mittelstand gemacht.“ …

Spiegel 2002:

Nun ja. Anständig vielleicht, aber eben doch auch recht deutlich. Und wahrscheinlich ist es gerade die autobiografische Grundierung, die latente Offenbarung, die der Novelle eine ganz eigene vibrierende Spannung gibt, eine Lebendigkeit… Der Verfasser war höchst zufrieden mit sich, er hielt „Tod in Venedig“ für „vollkommen geglückt“, und er hat den autobiografischen Hintergrund der „gewagten Novelle“ nie verheimlicht, ganz im Gegenteil: Nichts sei erfunden, bekräftigte er später, „alles war gegeben“

Deutschlandfunk:

Thomas Mann ist 36, als er das schreibt, seine homoerotischen Neigungen sind kein Geheimnis mehr, Ehe und Familienleben des Patriarchen gleichwohl stabil… Den „Tod in Venedig“ gibt es sogar auf chinesisch, afrikaans und bengalisch. Benjamin Britten hat die Novelle über den Konflikt zwischen Ratio und Empfinden 1973 zu einer Oper inspiriert, den Choreografen John Neumeier 2004 zu einem karnevalesken Totentanz. Nichts aber hat die Rezeption der Mann-Novelle nachhaltiger geprägt als Luchino Viscontis legendäre Verfilmung von 1971, kongenial unterlegt mit der 5. Sinfonie jenes Komponisten, der starb, als Thomas Mann 1911 in Venedig weilte, und dessen Konterfei dem Autor als Vorlage für seinen Aschenbach, Gustav Aschenbach, diente: Gustav Mahler.

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