Rezension Thai-Roman: Shadowed Country, von Pira Sudham (2004, enthält Moonsoon Country, 1988 + The Force of Karma, 2002) – 2 Sterne

Autor Pira Sudham (Pira Canning Sudham) wurde in einem nordostthailändischen Dorf geboren (also in der Region Isaan/Esarn), ging mit 14 zum Lernen nach Bangkok, studierte und lebte später in Neuseeland, Australien und England, zuletzt offenbar wieder in Thailand. Er schreibt nur auf Englisch. Ich bespreche hier das dicke Hardcover-Buch Shadowed Country (Verlag Asiashire, 2004); es kombiniert und erweitert Sudhams frühere Romane Monsoon Country (1988) und dessen Fortsetzung The Force of Karma (2002).

Zwar wird es nicht gesagt, aber vermutlich schildert Sudham sein eigenes Leben, und die Fotos im Buch zeigen vermutlich ihn selbst und sein eigenes Leben vor allem auf dem Land.

Die Geschichte beginnt unter armen Bauern auf dem Dorf. Zunächst steht nicht Soziales im Vordergrund, sondern das schweigsame Außenseiterkind Prem bzw. Luke-Gop (Kaulquappe), dem die Dörfler mysteriöse Kräfte zutrauen, speziell nachdem der Dorfseher sie darüber „aufgeklärt“ hat. Luke-Gop ist am liebsten mit den zwei Wasserbüffeln seiner Familie zusammen, bemerkt aber auch Korruption, Gewalt etc. pp:

„Peasantry ruled by thieves, scarcity, superstition, floods, drought, sickness, poverty, exploitation and injustice“.

Es gibt ein paar Geisterbeschwörungen und Aberglauben, die Akteure handeln teils irrational (aber nicht komplett unrealistisch oder fantastisch).

In der Grundschule ist Prem plötzlich Klassensprecher – kein Wort darüber, wie er seine auffällige Schweigsamkeit und Menschenferne überwand. Auch später stößt man auf Handlungslücken, die gedankenlose Kürzungen vermuten lassen. Zudem werden Personen mitunter überraschend eingeführt.

Kinder als Leitartikler:

Prem und seine Mitschüler und Geschwister haben Gedanken und Gefühle, die nur Erwachsene haben; schon als Fünftklässler reden und denken Prem und Freunde ganze Leitartikel gegen Ungerechtigkeit, Korruption, Monosodiumglutamat, das Massaker von 1973, Verschmutzung, das Massaker von 1976, Landraub, das Massaker von 1992, stupide Lehrmethoden, habgierige Kommunistenmörder und stupide Thailänder (über erwachsene Thais: „a pack of grinning, idiotic children“) und stupide Lehrmethoden.

Das tönt so teils mehr als eine absatzlose Seite am Stück, und das immer wieder neu quer durchs gesamte Buch. Dieser erste Buchteil unter dem Titel Monsoon Country war natürlich für den Nobelpreis nominiert – sagt der Autor auf seiner Webseite (gesehen Juni 2019).

Später im ersten Band studiert Prem in London, lernt Hi-So-Thais kennen, gerät im verschneiten Deutschland in einen Todesfall unter Hochmögenden. Es gibt keinerlei Spannungsbogen, kaum Handlung, nur lasche Episoden – unterbrochen von leitartikelnden Briefen und klagenden Gedanken. Die Personen wirken papiern, die Hauptfigur ergeht sich in weinerlichem Weltschmerz und begreint „the torture inside“ und „my maimed mind“. Im zweiten Teil handeln Figuren völlig willkürlich, als ob sie keinerlei Persönlichkeit hätten und der Autor mit ihnen machte, was er will.

Viel zu lang:

Zu den Schwächen zählt auch, dass der Autor scheinbar fast alles erzählen muss, was er sieht, denkt, fühlt, hört. Und so wirkt auch das Buch: Der Haupttext meiner Ausgabe hat allein 721 Seiten – dazu kommt dann noch das Sammelsurium an Vorwörtern und enggedruckten Texten auf beiden Schutzumschlag-Innenklappen und auf der Schutzumschlag-Rückseite. Bleibt mal eine halbe Buchseite am Kapitelende frei, wird sie mit Fotos bedeckt – so arrangiert, bis die Seite voll ist.

Doch trotz dieser gravierenden Mängel habe ich zumindest das erste Buch interessiert gelesen: Das Leben im Dorf und später im Hauptstadtkloster wirken sehr realistisch; Armut und Dummheit erscheinen zwar himmelschreiend, aber überwiegend nicht zu aufdringlich. Wenn ein Thai-Dörfler so schreibt, hat es mehr Authentizität als Thai-Dorf-Geschichten aus westlicher Feder – schade, dass Sudham es nicht besser kann und so egozentrisch literiert. Die Hi-So-Kreise in Eng-, Deutsch- und Thailand wirken ebenfalls interessant und scheinen authentisch zu sein. Zudem will man wissen, wie es mit dem wunderlichen Thaijungen nun weitergeht. Ungewöhnlich auch, permanent dröhnende pauschale Thailand- und Thailänderkritik von einem Thailänder zu vernehmen.

Stilfragen:

Sudham schreibt teils ein altmodisches, betuliches Englisch, oft selbstmitleidvoll, streng humorbefreit, Adjektiv-übersättigt, sehr gern aufdringlich alliterierend: „the slumbering seer“, „mend my maimed mind“ (mehrfach), „mentally maimed“ (mehrfach), „Oh, my maimed mind“, „mind-maiming method“, „moribund men“, „moneyed man“, „meek mien“ (2x auf S. 530, 532), „gleaming greedy eyes“, „wary wordsmith“, „bibulous billionaire“, „meek manservant“, „penurious people“, „lone Londoner“, „grabbing goblin“, „glittering Grand Lady“, „cried cattily“, „pertly prattled“, „proudly pontificated“, „candidly crooned“, „a young and pretty peasant girl“,  „woeful women were weeping“, „hardly touch a hardened heart“, „willing villagers“, „silently surveyed the sooty scene“, „submissive servant“, „Buddha’s delicate disciple“, „Draconian Dani’s vexed voice“, „my pretty Yorkshire lass“, „comely northern hilltribe lad“, „puny Primo“ (mehrfach), „Prim and Proper Prem“, „flabby farang“, „lumpy lap“, „lambent landscape“, „penurious peasants“, „Heinz Hermann“, „astute art-dealer“, „aloof leader“, „weary drifter“, „vitriolic Dame“, „mentally stunted“, „the anxious bodyguard and the wary driver“, „impecunious peasants“, „habitually belligerent billionaire“, „the sinisterly rich man’s voice abrasively vibrated“, „the damned of the earth in the heavenly lair of the sinisterly rich“, „doleful mother“, „impecunious farmer“, „the ailing elder tremblingly inquired“, „the diseased, somnolent soothsayer said“.

Beim Studium in England liest die Hauptfigur auch nur altvordere Autoren vorvergangener Jahrhunderte, nichts aus dem 20. oder späten 19. Jahrhundert, mehrfach geht’s um Shakespeare, Wuthering Heights oder Chaucer (erst im 2. Buch wird einmal Oscar Wilde erwähnt), und entsprechend altbacken und affektiert klingt Sudhams Englisch.

Dazu kommen gequälte Synonyme: So heißt der Mönch immer wieder „the ordained one“ und eine junge Engländerin „Yorkshire lass“ oder „the Yorkshire butcher’s daughter“.

Interessant: An einer Stelle philosophiert die Hauptfigur darüber, dass die Thaischrift keinen Punkt und keinen Zwischenraum zwischen den Wörtern verwendet. In seinem englisch geschriebenen Buch setzt Sudham das übliche einzelne Leerzeichen zwischen Wörtern und manchmal *mehrere* Leerzeichen nach einem Satz, z.B.:

It was getting cold and misty.    The lakes looked empty and placid.    Nothing moved.     Small boats (…)

Wunderlich: Thailand heißt im Buch immer Siam, Bangkok ist Celestial City, Kroongthep oder Banger, und das Land Laos schreibt Sudham „Lao“ – so, wie es ein Thailänder oder Laote spricht, wie man es im Englischen aber nicht schreibt.

Shadowed Country enthält wie auch Sudhams Kurzgeschichtenband People of Esarn diverse teils unbeschriftete SW-Fotos vom Landleben und ein Sammelsurium von Vorwörtern, die im Inhaltsverzeichnis unvollständig erscheinen und deren Urheber nicht vorgestellt werden – ein Verhau.

2. Teil:

Im zweiten Teil (ursprünglich einzeln als The Force of Karma veröffentlicht und eine Fortsetzung von Monsoon Country) blickt Sudham zunächst nicht auf Prem, die Hauptfigur von Teil 1 (Monsoon Country), sondern auf den superreichen Thai-Erben Dani, der aus London zu seinen Eltern nach Bangkok zurückkehrt; in Teil 1 war Dani zeitweise Londoner Gastgeber Prems. Die thailändischen Geschäftsleute mehren ihren Reichtum auch durch Vetternwirtschaft, Umweltsünden und Landraub.

Den Superreichtum von Bangkoks Crazy Rich Thais schildert Sudham aufdringlich sensationsheischend und mit banalstem Luxus-Name-Dropping: „Dom Perignon“, „Rolex Cellini“, „diamond-studded Piaget“ (mehrfach), „Patek Phillipe“, „chauffeur-driven Rolls-Royce“, „Chateau D’Yquem“. Doch „Louis Vuitton“ (S. 324) schreibt Sudham bei aller Ehrfurcht ebenso falsch wie „mea culpa, mea maxima culpa“ und den bayerischen Fluss Würm (S. 535).

Das Wort „billionaire“ fällt vielleicht öfter als in jedem anderen Roman. Zwischendurch heißt dieselbe Figur einmal „millionaire“. Sie sagt lässig: „I’ve transferred 100,000 pounds into your bank account“ und schüttet auch sonst alles und jeden mit Geld, Luxusgesöffen und Uhren zu.

Die weiterhin massive, kombinierte Adjektiv- und Klischeehuberei samt Luxusverklärung erhellt auch aus diesen Sätzen von S. 333f:

The suave son was then escorted ahead of the high-ranking minions to the other end of the immense room where four be-suited businessmen and an astute lawyer and a pretty executive secretary were standing respectfully in wait at a long, shiny table… she made a coy glance at the insouciant son… still with a sanctimonious air, the righteous minister shook hands with the altruistic CEO (…)

Zum Ausgleich liefert Sudham matte Klischees vom Geschäftstrubel auf Bangkoks Straßen und ein paar Szenen aus Gogobars und Sexshows, auch homosexuelle Anzüglichkeiten unterdrückt er nicht. Dann wechselt die Geschichte aufs Dorf, und viele Motive von Buch 1 kehren wieder, dazu kommen aber die kommunistischen Rebellen im Dschungel. Ein amerikanischer CIA-Agent sagt ironiefrei so realistische Dinge wie (S. 351):

We Americans are so great and so powerful that there is no one who can make a tiny dent in our pride.

Warum ich den Schmarrn so lange gelesen hab‘:

Das Buch ist wirklich unterste Schublade, sprachlich und inhaltlich. Auf den letzten 80 von rund 727 Seiten Haupttext franst es völlig aus, es gibt Leitartikel-artige Seiten und Krimi-Stränge von Entführungen in Pattaya etc. pp. Ich musste es dann weglegen. Warum ich es überhaupt zum großen Teil las:

  • Ich mag Thailand.
  • Ich mag Dorfleben (nicht nur in Südostasien, sondern z.B. auch in Andalusien oder Oberbayern).
  • Es gibt halt so wenig von Thai-Autoren auf Englisch oder Deutsch (Rattawut Lapcharoensap schreibt um Lichtjahre besser als Pira Sudham, auch über Dörfer; aber er klingt schon wieder ein bisschen glatt und kalkuliert, nach zu viel Creative Writing-Kurs).
  • Das Buch hat mich gebraucht 3 oder 5 Euro gekostet, also muss es mich auch eine Zeitlang unterhalten, damit sich die Ausgabe und die schon investierte Lesezeit rentieren. Allgemein fällt mir Abbrechen eines als schlecht erkannten Buches schwerer, als mir gut tut.

Assoziationen:

Bücher bei HansBlog.de:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.