Rezension Thai-Geschichten: People of Esarn, von Pira Sudham (1997) – 5 Sterne

Die Hauptfiguren im eher literarischen Teil dieses schmalen Buchs sind Ich-Erzähler aus dem Isaan, der armen flachen Gegend im Nordosten Thailands. Manche können nicht lesen. Sie berichten von ihrem armseligen Landleben, Pech in der Liebe, einige gehen zum Arbeiten nach Bangkok.

Schmucklose Protokolle:

Die Geschichten klingen fast wie Interview-Protokolle, so schmucklos und ohne Effekthascherei schreibt Pira Sudham (Pira Canning Sudham), und immer aus der Ich-Perspektive. Der Ton ist stets ruhig bis resigniert. Dialoge gibt es nicht. Nur ausnahmsweise klingt es poetischer, etwa bei dieser alten Frau auf dem Reisfeld zu ihrem Mann (S. 37):

Old man, if I die first, i shall become a cloud to protect you from the sun, always.

Etwas dichterisch kunstvoll klingt auch das Stilmittel, nacheinander in einer Geschichte Mann und Frau über sich reden zu lassen. Es erscheint allerdings mindestens zweimal, ebenso wie auch inhaltliche Motive zu oft wiederkehren: das ärmliche Landleben, unterdrückte Gefühle, ungewiss lange Trennung von bettelarmen Eltern, schwer verständliche Sitten der Jungthais, Arbeitsmigration gen Bangkok, gelegentlich Abwandern nach Hamburg. Gleichwohl lässt sich das gut lesen, und ähnliche Einblicke gibt es nicht oft. Alle Geschichten erklingen aus der Ich-Perspektive, sogar mit wechselnden Sprechern innerhalb einer Story.

Während die Vor- und Nachbemerkungen samt den journalistisch-aktivistisch anmutenden Teilen teils politisch aufrütteln, trifft man in den eher literarischen Geschichten kaum auf Engagiertes, Intellektuelles. Eine einfache Nudelkellnerin redet jedoch etwas unplausibel von „that harmful monosodium glutamate to cheat the palate“ (S. 41); und die „Gunman“-Geschichte handelt direkt von Korruption, Verbrechen, Gier und Umweltvernichtung. Ebenfalls nicht in den Sudham-Mainstream passt die Geschichte vom Dorf-Ladyboy, der später in Hamburger und Zürcher Cabarets reüssiert.

Autobiografisches:

In einer Geschichte erzählt Sudham offenbar seinen eigenen Lebensweg mit mehrjährigen Aufenthalten in Neuseeland, Australien und London und bezeichnet sich selbst als „westernized Thai“. Das liest sich fast wie ein uninspiriert ausgeschriebener Lebenslauf. Doch Sudham sagt nach all den Jahren im Ausland nichts Interkulturelles oder warum er lieber Englisch als Thai schreibt – ein Versäumnis. Sudham schließt diesen Text lieber wieder mal mit einem seiner bekannten Themen: Rückkehr in den Isaan nach langer Abwesenheit. (Im Roman Shadowed Country, der die früheren Romane Monsoon Country und The Force of Karma zusammenfasst, erzählt Sudham offenbar Teile seines Lebens noch weit ausführlicher.)

Die letzten etwa 30 von 130 Seiten sind Texte gegen Korruption, Kinderhandel, Umweltzerstörung, die politischen Morde von 1973, 1976 und 1992, teils von Sudham, teils offenbar Kopien aus der englischsprachigen Presse. Die hier journalistisch berichteten Tatsachen erschienen bereits zuvor in den eher literarischen Geschichten. Dazu einige Seiten über die guten Taten des Pira Sudham Estate, „accrued from royalties and the sale of his literary works“, für verarmte Landfamilien.

Einige Themen der Kurzgeschichten:

  • Prostituierte blickt auf ihre Zeit im Dorf, in Pattaya und als Ehefrau eines Deutschen in Hamburg
  • Zehnjähriger Dorfjunge wird ins Kloster nach Bangkok gegeben, trauert der Heimat nach, begibt sich auf den Rückweg
  • junge Frau geht vom Dorf als Arbeiterin nach Bangkok, kehrt nach Jahren in ihr Dorf zurück – will aber nicht bleiben
  • alter Mann und seine alte Ehefrau reden nacheinander über ihr Bauernleben
  • Ladyboy auf dem Dorf und in Hamburg
  • Auftragskiller soll Aktivisten gegen Korruption und Umweltzerstörung erschießen – doch an solchen Verbrechen zerbrach einst seine eigene Familie
  • Sudhams Lebensweg

Hintergründe:

Der Thailänder Pira Sudham kommt aus einem Isaan-Dorf und schreibt auf Englisch. Die Kurzgeschichtensammlung People of Esarn wurde mehrfach erweitert und womöglich unter anderem Titel neu veröffentlicht – sehr unübersichtlich.

Ich hatte die 7. Auflage von 1994 des thailändischen Shire-Verlags. Sie enthält mehrere kurze Vor- und Nachwörter, teils zu politischen Themen, die sich nicht immer von den eigentlichen Geschichten unterscheiden lassen, auch ein Vorwort des australischen Dozenten und Dichters Noel Rowe und mehrere kurze Texte von anderen anderen Autoren gegen Buchende. Laut Vorbemerkung gab es die Geschichten Hired Gunman und Impersonator nicht in früheren Auflagen – sie unterscheiden sich auch deutlich von den eher fatalistischen Armutserzählungen zuvor. (Eine Sudham-Geschichte steht auch im Band Frauen in Thailand.) Inhaltsverzeichnis oder Angaben zu Entstehung und Ersterscheinen der Geschichten gibt es nicht. Im Vergleich zu anderen Büchern ist das ein konzeptloser Verhau.

Meine Ausgabe ist durchgehend in zu großen Fettbuchstaben gedruckt. Es gibt ein paar irritierende, grobe Interpunktionsfehler, und die Rechtschreibregeln für englische Überschriften werden nicht eingehalten.  Thai-Ausdrücke wie „prik-nam“ oder „waied“ werden nicht erklärt, auch nicht in einem Glossar.

Hier und dort zeigen ein paar unkommentierte Schwarzweißfotos offenbar diejenigen Thailänder und Europäer, die der Text beschreibt. Einige unbeschriftete Bilder haben unklaren Textbezug; der Jungmönch und das Skelett neben ihm lassen sich aber Personen aus der umgebenden Geschichte zuordnen.

Assoziationen:


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