Rezension: Sieben Jahre, von Peter Stamm (Roman 2009) – 6 Sterne – mit Links & Video

Die Protagonisten führen teils ein sinnenfrohes Leben, aber Peter Stamm schreibt spröde wie ein Buchhalter. Gönnt uns weder markante Dialoge noch vielsagende Details; lieber bringt Stamm sauertöpfisches Amtsdeutsch mit indirekter Rede und Verallgemeinerungen in langen Absätzen, mitunter nur eine Zeilenschaltung pro Druckseite, so wie es sich für neuere auf Deutsch geschriebene Romane gehört.

So lässt Stamm seinen Ich-Erzähler sagen (S. 31 im Fischer-Hardcover):

Manchmal spielte ich mit dem Gedanken, mich in Sonja zu verlieben ((…))

Blutärmer geht es kaum noch, Phrasen wie arme Würstchen, und auch der weitere Satz reißt nicht vom Hocker:

…aber so naheliegend es gewesen wäre, so unangebracht schien es.

Oder hier (S. 47):

Am Abend der Notenverkündung gab es eine große Party. Wir tanzten bis in die Morgenstunden, und ich trank zuviel.

Studentenleben im Regierungssprecherstil.

Wie immer schreibt Peter Stamm über Beziehungen, diesmal ein junger Architekt zwischen zwei Frauen. Stamm schildert die Antagonistinnen jedoch so gegensätzlich wie derbe Karikaturen: Hier die attraktive, gebildete Architektin aus gutbürgerlichem Haus; dort die hässliche, apathische, religiöse, dunkelgraue Maus aus Polen, die kaum etwas sagt, hat oder weiß (S. 160):

Ihr Gesicht war aufgeschwemmt, ihr Haar dünn geworden. Sie trug einen hässlichen wattierten Morgenmantel von unbestimmter Farbe und weiße Socken in Hausschuhen aus Plastik.

Der Ich-Erzähler kann nicht sagen, warum er der grauen Maus nachstellt – der Leser ahnt es auch nicht.

Und noch etwas bleibt unklar: Warum ich dieses Buch trotz allem recht interessiert und zügig gelesen habe. Das fragt man sich zumindest in der ersten Buchhälfte. Ab der Mitte hauchen einige Konflikte der Konstallation etwas Dramatik ein. Der Ich-Erzähler verhält sich mitunter auch empörend, und ich habe das Buch darum teils wie die Schmierengeschichte über einen Asozialen gelesen.

Zusätzliche Leserbindung erzeugt zudem ein Erzähltrick: Stamm erzählt die ganze Geschichte überflüssig umständlich in langen Rückblenden, während die kurzen Abschnitte erzählter Gegenwart bereits halb verdeckt auf den Ausgang deuten. Da will man das Ende dann auch vollständig kennen.

Neben der spröden Sprache gibt es weitere Parallelen zu Stamms Erfolgserstling Agnes (1998), so die Motive leidenschaftsloser Mann zwischen zwei sehr unterschiedlichen Frauen und ungeplante Schwangerschaft.

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