Rezension: Schöne Ruinen, von Jess Walter (Roman 2012, engl. Beautiful Ruins) – 7 Sterne – mit Pressestimmen & Links

Fazit:

Der Roman ist spannend und teils amüsant. Die beständigen Wechsel von Hauptfiguren, Zeitebenen und Orten irritieren etwas – drei Jahrhunderte, drei Länder -, ebenso wie Walters Beharren auf Vulgarität in jedem Kapitel. Geschickt und unterhaltsam flicht Walter mehrere fiktive Bücher und Theaterstücke in den Plot ein, ebenso wie Reales (Wildwest-Trek, Hollywood-Dreharbeiten in Rom). Das Ende: Wie ein Roman.

Das erste Kapitel spielt in Italien 1962, mit einigen Rückblenden. Hat man Ambiente und Figuren halbwegs kennengelernt, beginnt das zweite Kapitel – in Los Angeles (USA) ungefähr 2010, wieder voller Rückblenden. Kapitel 3 springt zurück nach 1962, Kapitel 4 spielt 1944 – als Roman im Roman. Nach etwas Hin und Her spielt Kapitel 7 dann im Jahr 1846, ein Filmexposee, Kapitel 10 2000 in Edinburgh und London. Walter bringt noch weitere Texte, die seine Romanfiguren verfassen, ähnlich wie in seinem Erfolgsbuch Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten/The Financial Lives of the Poets (2009).

Das bedeutet: Hofft man bei Beginn eines neuen Kapitels auf die Fortsetzung vom zumindest vorletzten Kapitelende, führt Walter nicht selten noch weitere neue Personen, Orte, Erzählebenen ein. Für lineares Erzählen sind sich neuere Autoren zu clever, und mehrsträngige Geschichten bieten viel mehr Gelegenheit zu Cliffhangern, an jedem Kapitelende. Walter lässt keine Gelegenheit aus, sein Publikum auf die Folter zu spannen.

Nicht nur in dieser effektheischenden Konstruktion, auch in einzelnen Sätzen sucht Jess Walter bizarre Details, skurrile Merkmale, mächtige Bilder, er kursiviert grell im aktuellen Kalifornienteil, verrennt sich mitunter in Kleinigkeiten und in immer neuen Rückblenden auf wechselndes, dann wiederkehrendes Personal. Der Leser denkt bei solchen Stilmitteln gelegentlich an T.C. Boyle, John Irving oder William Boyd; Walter erzeugt jedoch weniger Eindruck (ich kenne nur das englische Original und kann die deutsche Übersetzung nicht beurteilen).

Es überrascht nicht, im Hintergrund-Teil der englischen Ausgabe zu lesen, dass Walter diesen etwas verwirrenden, vielsträngigen Roman über 15 Jahre hinweg immer wieder schrieb, umschrieb und neuschrieb, unterbrochen von anderen Romanarbeiten. Vielleicht liegt es auch an der Zeitverzögerung, dass Walter im Roman den Wildwest-Trek der „Donner Party“ als neue Filmidee präsentiert, die Geschichte jedoch tatsächlich 2009 und erneut 2011 als Spielfilm herauskam (Dokus erschienen schon früher).

Immerhin: Ex-Journalist Walter schildert den Cinque-Terre-Ort Porto Vergogna so realistisch, dass man ihn gleich auf der Karte sucht – doch es gibt ihn nicht. In diesem fiktiven Ort taucht sehr plastisch eine Hollywood-Schauspielerin der 1960er Jahre auf, Dee Moray – auch sie Erfindung, fast überrraschend.

Zwar zeigt der Umschlag die Cinque-Terre-Küste, spielt der Roman zum Teil im Italien der frühen 60er Jahre – doch mediterrane Romantik, die in der Werbung versprochene „dolce vita“, kommt nicht auf. Schließlich wird auch das italienische Geschehen von kaum italophilen US-Filmgestalten dominiert, es gibt widerliche Mafiosi, und wie in jedem Kapitel streut Walter auch getreulich Vulgäres ein.

Kritiken:

  • Perlentaucher-Notizen: nicht vorhanden
  • Lovelybooks.de: 4 von 5 Lesersternen (41 Bibliotheken, 19 Rezensionen)
  • Amazon.de: 4,0 von 5 Lesersternen (25 Rezensionen)
  • Amazon.com: 3,9 von 5 Lesersternen (2753 Rezensionen)
  • Amazon.co.uk: 4,0 von 5 Lesersternen (158 Rezensionen)
  • Goodreads.com: 3,68 von 5 Lesersternen (116.961 Stimmen, 13.042 Rezensionen, alle jeweils September 2016)

Buecher-magazin.de:

Pulitzerpreisträger Jess Walter versteht sich aufs unterhaltsame Erzählen, auf die Wirrungen unserer Gefühle und auf des Lebens Sonderlichkeiten. Dabei hätte er die eine oder andere Ausführlichkeit und manchen Zeitsprung auslassen können. Trotzdem begeistert der Roman durch seine Stimmung und einen kraftvollen, vergnüglichen Stil.

Borromäusverein:

Dreimal geht es um Anfang und Ende von Karriere und Leben. Frontal stellt der Autor das noch in den Nachkriegswehen verhaftete Italien, die Hochzeiten amerikanischer Leinwandproduktion und das brutale Getriebe und Geschäftsgebaren der Filmindustrie heute gegenüber. Wie ein versöhnliches Ende wirken die letzten Kapitel in der amerikanischen Provinz

New York Times:

It opens like a movie; you can almost hear the swelling soundtrack, promising a good old-­fashioned, escapist story… And it ends like a movie, too, with a heaping helping of tied-up satisfaction, leaving at least this reader with a song in her heart… an epic romance, tragicomic, invented and reported (Walter knows his “Cleopatra” trivia), magical yet hard-boiled (think García Márquez meets Peter Biskind), with chapters that encompass not just Italy in the ’60s and present-day Hollywood, but also Seattle and Britain and Idaho, plot strands unfolding… this high-wire feat of bravura storytelling. Walter is a talented and original writer

Kirkus Reviews:

Much of the pleasure of the novel comes from watching Walter ingeniously zip back and forth to connect these loose strands, but it largely succeeds on the comic energy of its prose and the liveliness of its characters… Unlikely coincidences abound… Walter’s prose is a joy—funny, brash, witty and rich with ironic twists. He’s taken all of the tricks of the postmodern novel and scoured out the cynicism, making for a novel that’s life-affirming but never saccharine. A superb romp.

Guardian, Lucy Scholes:

Everyone is a character in everyone else’s script in this intricately plotted novel

Guardian, Rosalind Porter:

…manages to keep its many twists and turns intact against the substantial weight of myriad structural pressures. But despite the novel’s ambitious plotting, its clever weaving of fact with fiction, its satirical stabs at the film and television industry, and some elegant sentences and set-pieces (the novel written by the American at the hotel contains some of the most moving writing about war I’ve read in a while), it fails at being either a fun page-turner or a more erudite, literary read. The fine writing and its engagement with the Big Subjects (war, love, duty, redemption) signal its ambitions to be more than a sophisticated beach book, yet everything feels loosely sketched. It’s impossible to care about any of the characters because we are rushed in and out of their lives, their relationships are too predictable, and they are flattened by cliche… the book is infested with cutesy tricks – parallel plots and shallow puns perhaps to excuse its cheesily dependable romantic unfoldings and fateful coincidences.

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