Rezension Sachbuch: Once Upon a Quinceañera, von Julia Alvarez (2007) – 5 Sterne

Fazit:

Julia Alvarez schreibt sehr flüssig und liefert interessante Einblicke in die US-Latino-Kultur. Sie schweift aber oft sehr undiszipliniert ab und erzählt viel zu viel Unpassendes von sich selbst. Auf Goodreads erhält das Buch nur magere 3,42 von 5 Sternen (899 Stimmen, Stand Mai 2019).

Breites Spektrum:

Julia Alvarez besucht Latino-Familien in ganz USA, deren Töchter mit dem 15. (oder auch 16.) Geburtstag die Quinceañera feiern – ein großes, ritualisiertes Fest, das den Übergang vom Mädchen zur Frau markiert. Mit Ausnahme einer Seite über ihre domrepublikanische Heimat schreibt Alvarez nur über Latinos in den USA, nicht über Feste in Lateinamerika.

Alvarez informiert über die Familien, über die Rituale allgemein, spricht mit den Mädchen, ihren Eltern, Dienstleistern, Pfarrern, Polizisten, Sozialaktivisten, zitiert aus Sozialstudien, Jugendromanen und Ratgebern, redet auch über Einwandererkultur, Feminismus, Chancengleichheit, Materialismus und Statusdenken. Und sie erzählt viel zu viel über sich selbst.

Julia Alvarez (*1950) schreibt zwar ein sehr flüssiges Englisch, das sich völlig mühelos liest, ohne flach zu klingen. Allerdings strukturiert sie ihr Buch so, dass es trotzdem keine Freude macht: Die Gesamtgliederung ist fragwürdig, und dann auch die Gliederung innerhalb einzelner Kapitel.

Aufbau des Buchs:

Zur Gesamtgliederung: Alvarez nimmt sich eine der von ihr besuchten Quinceañeras heraus, ein schlecht geplanter Event voller  Pech und Pannen in Queens, den sie in allen Einzelheiten beschreibt; hier erläutert sie auch allgemein die typischen Merkmale einer Quinceañera, etwa das Kleid, die Puppe, die Versammlung der Verwandten, die Kosten. Und sie schiebt wenn’s passt immer wieder Beobachtungen der anderen Quinceañeras ein – sie mischt also unablässig Haupt-Quinceañera, Neben-Quinceañeras, Interviews, Forschungserkenntnisse und unpassende eigene Jugenderinnerungen. Das ist unübersichtlich und nicht leserfreundlich. Eine Reportage-Atmosphäre und ein Gefühl des Miterlebens entsteht nicht.

Ganze Kapitel schreibt Alvarez außerdem über ihre eigene Latina-Jugend, die viele Jahrzehnte zurückliegt und nichts mit der Quinceañera zu tun hat.

Zur Gliederung innerhalb einzelner Kapitel: Alvarez kann sich nicht am Riemen reißen, schildert allerlei kleine Nebensächlichkeiten: Sie muss eine Einbahnstraße gegen den Strich fahren; wie praktisch sind doch Handys; die Luftballons mit Bändern erinnern an Spermafäden; so sieht’s also bei den Muñoz‘ in der Küche aus; die Wiederannäherung mit ihrer alternden Mutter; in diesem Viertel lebte sie vor 40 Jahren selber und entfremdete sich ihren Eltern, die mit ihr der DomRep-Trujillo-Diktatur entflohen; ihre medikamentös behandelte Prüfungspanik damals („I recall visiting three psychiatrists“); ihr Mann wuchs in Papillion/Omaha auf; Trujillos Foltermethoden.

All das trägt nichts zur Story bei, aber Alvarez *muss* es einfach loswerden. Die Selbstsucht der Autorin nervt (einmal schreibt sie erfreut über eine zutrauliche Interviewpartnerin, „we are soon off on any number of tangents“/wir schweiften in alle Richtungen ab). „Such a narcissistic narrator“, klagt Kirkus Reviews.

Bekannte Geschichten:

Teils kennt man die Geschichten auch aus Alvarez‘ anderen Büchern wie Yolanda oder Wie die García Girls ihren Akzent verloren. Letztlich kann sie wohl nur über sich selbst schreiben. Im letzten Buchviertel folgen mehrere Kapitel am Stück über die Alvarez-Jugend und die ersten zwei schnell gescheiterten Ehen.

Eine ehrliche Autobiografie über ihre Latina-Jugend in New York wäre sicher nicht uninteressant: Die mehrseitige Geschichte über ihren Ferienjob in der Arme-Leute-Arztpraxis ihres Vaters gehört zu den besten Passagen des Buchs, ebenso wie die unantastbaren US-Dichterworte aus der Schule, mit denen sie einst sehr clever ihrer ihrer gestrengen Latina-Mutter widersprach; in einem Quinceañera-Buch sind die Abschnitte allerdings überflüssig.

In einem anderen autobiografischen Teil folgen aber diese Aussprüche (S. 190-197): „Who would I be now that I was grown up?… Who was I going to be now?… Enter my first husband… He was still achingly beautiful… My new beau was an Englishman…“. Kurz, das Abschweifen schmerzt ebenso wie der Ton der Autorin.

Zudem streut Alvarez mehr unübersetztes Spanisch ein, als mancher Leser vielleicht schätzt. Z.B. S. 74 der Plume/Penguin-TB-Ausgabe: „the extended familia of tías, abuelitas, primas“; S. 81: „sancocho“; S. 105: „piropos“; S. 106: „vecindario“; S. 175: „vergüenza“; S. 185: „allá“; ebf. S. 185: „meter la pata“; S. 230: „profundo y sencillo“; ebf. S. 230: „que en paz descanse“; S. 231: „en unas pocas centurias“. Außerdem schreibt Alvarez immer „here“, wenn sie die USA meint oder „our Hispanic community“ (z.B. S. 78). M.E. sollte sie das distanzierter darstellen; sie wirkt als Berichterstatterin dann glaubwürdiger und weniger selbstbetroffen.

Die strukturellen Schwächen des Buchs mögen damit zusammenhängen, dass es ursprünglich nur als Begleittext zu einer DVD gedacht war, wie Alvarez im Nachwort erzählt. Aber sie als Schreiblehrerin hätte trotzdem etwas Besseres daraus machen müsen.

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