Rezension rororo Bildmonographie: Oskar Maria Graf, von Georg Bollenbeck (1985) – 4 Sterne

Bollenbeck interessiert sich weniger für Details aus Oskar Maria Grafs großer Familie und seinen so unterschiedlichen Wohnorten, will nicht allgemeinverständlich erzählen. Germanist Bollenbeck betont vielmehr ideengeschichtliche, soziale und historische Entwicklungen und wickelt Schlichtes in komplizierte Ausdrücke, damit es eines Germanisten würdig ist:

„Erfahrungsfond meint die Beziehung zur sozialen Umwelt als erlebte Nähe und zugleich als verarbeitetes Resultat. Er bildet die stoffliche Basis literarischer Produktion.“

Auf diesen „Erfahrungsfond“ kommt Bollenbeck wieder und wieder bis zur letzten Seite. Behelfsweise thematisiert er Entfremdung, Proletariat und „jene autobiographische Dialektik, wonach der Schreibende Subjekt und Objekt zugleich ist“.

Und später:

„Trotz der ’niederen‘ Herkunft vermag so der Bäckersohn ‚hohe‘ Literatur zu rezipieren. Damit ist in seiner Biographie ein Grundmoment widersprüchlicher Kulturentwicklung abgeschwächt, nämlich der Tatbestand, daß in Klassengesellschaften die Schöpfer materieller Kultur an der Produktion und Rezeption der sogenannten hohen Kultur – den Wissenschaften und Künsten – nicht teilhaben können.“

Wie hätte wohl Bollenbecks Sujet, Oskar Maria Graf, der so knackig kompakt formulierte, solche Sätze kommentiert? Bollenbecks textet fürs Gelehrtenstübchen, will wortklingelnd akademisches Selbstbewusstsein beweihräuchern, will nicht allgemein nüchtern informieren und klarstellen. Allerdings feuert auch Gerhard Bauer in seiner dicken Graf-Biographie (u.a. bei dtv) verbale Nebelkerzen ab, wenn auch weniger abstrakt.

Grafs erste Frau, immerhin ein Jahr Ehe, bekommt von Bollenbeck zweieinhalb Zeilen (etwas mehr schreibt Gerhard Bauer). Grafs Tod und den seiner zweiten Frau notiert Bollenbeck mit je einer Zeile, ohne Erklärung der Umstände oder Ursachen. Grafs dritte Frau überlebte ihn, von ihr hören wir praktisch nichts.

Bollenbeck untersucht den Wahrheitsgehalt aus Grafs vielen Eigen-Anekdoten kaum: Grafs groteske Hitler-Begegnungen und dessen Wege zu seinen ersten Buchverträgen erzählt Bollenbeck einfach verkürzt und humorbereinigt aus Grafs Gelächter von außen nach und stellt die Tatsachen nie zumindest versuchsweise mal in Frage.

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